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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

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Jeden Sonntag um 20 Uhr

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Sendung vom 14. März 2010 - 14/03/10

der Alltag: der türkische Aberglaube

Sedef Ecer ist Türkin, aber sie lebt seit mehr als 20 Jahren in Frankreich. Lange Zeit hat diese Autorin und Übersetzerin ihren türkischen Aberglauben vor ihren französischen Freunden verheimlicht.

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So wie bei den meisten türkischen Kindern war auch meine Kindheit von Geschichten voller Dschinns, also Geistern durchzogen, von Riesen, seltsamen Tieren und Fabelwesen.

Die wundersamen Gestalten aus den Märchen meiner Großmutter bevölkerten eine Welt, die mir allein gehörte. Sie war unwirklich, unlogisch, lustig oder unheimlich, gehorchte aber ganz bestimmten Regeln. Diese musste man genau befolgen, wollte man nicht von Unglück heimgesucht werden.

Diese Aberglauben brachte ich mit nach Frankreich. Dort wurde mir aber schnell klar, dass ich meine Macken besser vor den anderen versteckte, wenn ich nicht als komischer Vogel angesehen werden wollte.

Bei manchen Aberglauben war das einfach: Wenn ich mich zum Beispiel aus irgendeinem Grund freute, musste ich, um mein Glück zu bewahren, unverzüglich dreimal auf Holz klopfen, mir auf die Zunge beißen und "machallah"murmeln, ein unübersetzbares Wort, das vor dem bösen Blick schützt. Dieses Ritual war zum Glück unauffällig.

Oder ich reihte meine Schuhe säuberlich auf, und sagte ich sei einfach ordentlich. Niemand konnte ahnen, dass mir Unheil drohte, sollten meine Schuhe einmal umgedreht liegen. In der Küche war es schwieriger: In der Türkei nahm ich nie ein Messer aus den Händen eines anderen, um mich nicht zu zerstreiten. Unmöglich, in Frankreich ein Messer zurückzuweisen, das man mir reichte. Also erfand ich jedes Mal ein Telefonklingeln, um das verflixte Messer, das unsere Freundschaft zerschnitten hätte, nicht anfassen zu müssen.

Es gab noch andere Tricks: Als ich einmal auf’s Land eingeladen war und meine Freunde unter dem Feigenbaum ausruhten, sang ich lauthals während ihres Mittagsschlafs. Sie hielten mich für respektlos, doch ich erwies Ihnen einen Dienst. Bei uns weiß jedes Kind: Schlafen unter einem Feigenbaum bringt sieben Jahre Unglück.

Als ich wieder einmal meinen Tag damit zugebracht hatte, meine Freunde davon abzuhalten, mit dem linken Fuß durch eine Tür zu gehen, mit dem Finger auf einen Friedhof zu zeigen, oder nach Mitternacht in einen Spiegel zu schauen, beschloss ich, dass es so nicht weitergehen konnte.

Wollte ich mich in diese rationale Gesellschaft integrieren, musste ich Schluss machen mit meinen Aberglauben, die aus einer Zeit stammen, als die Türkei noch nicht islamisiert und von Schamanismus geprägt war; eine Welt, in der die Menschen mit übernatürlichen Wesen kommunizierten.

Tapfer begann ich, mich meiner orientalischen Manien einer nach der anderen zu entledigen. Und ich habe es geschafft. Doch mir wurde klar, dass ich, indem ich meine französischen Freunde nachahmte , immer seltsamere Sachen machte: Auch ich weigere mich inzwischen, unter einer Leiter durchzugehen und seit einiger Zeit sind mir schwarze Katzen unheimlich. Um Unglück abzuwenden, klopfe ich nicht mehr dreimal auf Holz, wie früher, nein, ich fasse Holz an und sage dabei "ich fasse Holz an", "je touche du bois".

Komisch, dass meine Freunde, die sich über meine verrückten orientalischen Traditionen wunderten, es normal finden, dass ich jedem ein Geldstück gebe, der mir ein Messer schenkt, um unsere Freundschaft nicht zu zerschneiden, dass ich meinen Regenschirm nie im Haus aufspanne, dass ich Studenten vor der Prüfung "merde", also Scheiße zurufe, und mich davor hüte, in einem Theater die Worte "Seil" und "Kaninchen" auszusprechen. Ich habe noch viel zu lernen: es gibt nämlich unzählige Geister, die in Frankreich ihr Unwesen treiben, auch wenn es den Franzosen nicht immer bewusst ist. Schon seltsam, in einer so rationalen Gesellschaft, oder?

Erstellt: 12-03-10
Letzte Änderung: 16-05-12


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