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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

> Sendung vom 17. Juni 2012 > der Gegenstand: der Rollator

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Jeden Sonntag um 20 Uhr

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Karambolage 270 - 17/06/12

der Gegenstand: der Rollator

Glauben Sie bloß nicht, man muss jung sein, um "ein Leben wie eine Stuhlstange" zu führen! Vincent Lecoq erzählt uns nun von einem Phänomen, das die deutschen Senioren zum Feiern bringt, ein Phänomen, das langsam auch Frankreich erreicht: der Rollator.

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Wenn man in Deutschland spazieren geht, trifft man früher oder später mit Sicherheit auf ein kurioses Fortbewegungsmittel. Drei oder vier Räder, ein Lenker, Bremsen, ein Korb oder ein Schirmhalter und manchmal sogar ein Sitz zum Ausruhen: Der Rollator.

Als ich in Berlin zum ersten Mal einen solchen Gehwagen auf der Strasse sah, dachte ich zuerst, ich befände mich in der Nähe eines Altenheims mit erstaunlich freizügigen Regeln, das es seinen Bewohnern erlaubte, das Gelände zu verlassen, um am Steuer dieses technischen Kleinods die Stadt unsicher zu machen. Aber weit gefehlt: Die hohe Rollatordichte verwies nicht auf die Nähe zu einem Altenheim. Sie war lediglich der Ausdruck eines gesellschaftlichen Phänomens: In Deutschland dürfen alte Menschen nun einmal spazierengehen!

Das seltsame Gefährt ist in Deutschland vor ungefähr zehn Jahren aufgetaucht. Man kann ohne weiteres behaupten, dass es den Alltag der deutschen Senioren revolutioniert hat. Der Rollator, der übrigens aus Schweden kommt, wo er in den 80er Jahren erfunden wurde, gehört in Deutschland inzwischen fest zum Strassenbild und das Ende seines Siegeszuges, in einem Land, in dem die über 65-jährigen immerhin 20% der Bevölkerung ausmachen, ist nicht abzusehen. Denn im Gegensatz zur rudimentären Gehhilfe ohne Räder, bei der man unweigerlich an gebrechliche Greise denken muss, die sich im Zeitlupentempo mühsam über triste Krankenhausflure schleppen, kann ein Senior, der mit einem Rollator ausgestattet ist, leichtfüßig die Stadt erobern und tatsächlich ein Stück Autonomie zurückgewinnen. Mit dem Rollator kann man einkaufen, Bürgersteigkanten erklimmen, seine Freundinnen am anderen Ende der Stadt besuchen, es sich auf Terrassen und in Biergärten gemütlich machen, kurz: Man kann das Leben geniessen !

Allein 2010 wurden in Deutschland 500 000 Rollatoren verkauft. Die zahlreichen Parodien, Sketche und Verfremdungen, in denen er aufs Korn genommen wird, zeigen deutlich, welchen Platz das Seniorengefährt im kollektiven Unterbewusstsein der Deutschen eingenommen hat. Der Rollator ist in Deutschland inzwischen zu einem solchen Symbol für wiedererlangte Autonomie geworden, dass sich eine Frankfurter Rockband, deren 25 rüstige Mitglieder alle zwischen 63 und 88 Jahre alt sind, sich ganz selbstverständlich Die Rollators nennt. Mit ihrer Version von Born to be wild, einer wahren Hymne an die Freiheit der Senioren, touren Die Rollators inzwischen durch ganz Deutschland.

Sie sehen selbst: Der Rollator ist mehr als nur eine Gehhilfe aus dem Sanitätsgeschäft. Er ist bezeichnend dafür, welchen Platz die Senioren in der Gesellschaft einnehmen wollen. Dass man in Deutschland viel mehr alte Menschen auf den Strassen trifft, als in Frankreich, liegt also nicht daran, dass es mehr davon gibt. Es liegt vielmehr daran, dass sie sich in Deutschland mit dem Rollator aus dem Haus trauen!

Text: Vincent Lecoq
Bild: Sebastian Peterson


Erstellt: 15-06-12
Letzte Änderung: 03-07-12


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