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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Sendung vom 28. März 2004 - 28/03/04

der Gegenstand: der Eierpieker

der Eierpieker


Corinne Delvaux ist eine französische Schriftstellerin, die 15 Jahre in Deutschland gelebt hat. Sie hat ein Faible für deutsche Gegenstände. Heute stellt sie uns einen besonders nützlichen vor.

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Hier ist einer dieser Gegenstände, die ich so schätze: Ein Objekt, das man in deutschen Küchen findet, in Frankreich aber völlig unbekannt ist. Das Objekt ist zylinderförmig, leicht, aus buntem Plastik. Es gibt verschiedene Modelle, die man überall für ein bis zwei Euros kaufen kann. Mit einer Mischung aus Neugier und Sorge reagiert ein Deutscher, wenn ein Franzose dieses Objekt untersucht: Das Teil in der Mitte zieht ihn unwiderstehlich an. Es macht Spaß, damit herumzuspielen. Da scheint eine Feder drin zu sein… und schon passiert’s. AÏE, wie der Franzose sagt, wenn es wehtut. Und er begreift sofort, wozu das Ding da ist: es sticht.

Dieser Franzose will ein Ei kochen. Hier haben wir also einen Topf mit kochendem Wasser und frische Eier. Er legt das Ei, das gerade aus dem Kühlschrank kommt, vorsichtig in’s kochende Wasser. Ein französisches Abenteuer, das mit etwas Glück gut ausgehen kann. Andernfalls hat man die Bescherung: Eine wahre Katastrophe. Um diese abzuwenden, haben Franzosen allerhand Gegenmittel parat: - Salz in’s Kochwasser streuen - In manchen Gegenden schwört man auf Essig-Essenz. - Oder ein dreiminütiges Gebet. Trotz dieser Vorsichtsmassnahmen platzt das Ei, aber zumindest gerinnt das Eiweiss und soetwas wird vermieden:

Dieser Herr ist Deutscher und kann über so etwas nur schmunzeln. Dies ist der dickere Teil vom Ei. Hier befindet sich ein luftgefüllter Hohlraum. Man lege vorsichtig diesen dicken Teil des Eies auf den Eierpieker und: Hören Sie’s? Sehen Sie dieses kleine Loch? Wenn das Ei im kochenden Wasser liegt, dehnt sich die Luft aus und entweicht daraus, die Eierschale bleibt also intakt. Ein Eierpieker ist eben einfach unentbehrlich. Aber warum kommt dann im Zeitalter der Globalisierung ein so geniales Utensil, das es in Deutschland seit den 50er Jahren gibt, nicht über die Grenze? Versuch einer Erklärung: vielleicht fürchten die Franzosen gerade diese totale Effizienz, die dem Zufall keine Chance lässt?

Erstellt: 05-05-04
Letzte Änderung: 18-03-11


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