Schriftgröße: + -
Home > Europa > Karambolage

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

> Sendung vom 26. März 2006 > der Gegenstand: der Berliner Schlüssel

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Sendung vom 26. März 2006 - 26/03/06

der Gegenstand: der Berliner Schlüssel

der Berliner Schlüssel


Corinne Delvaux stellt uns heute einen deutschen Schlüssel vor, der sehr eigenartig aussieht, aber schauen Sie lieber selbst:


schlussel_1.jpg.imageDataDas ist ein Schlüssel. Schauen sie genau hin: er hat etwas Besonderes. Richtig, er hat zwei Bärte, an jedem Ende einen. Weil er keinen Kopf hat, braucht er einen kleinen zusätzlichen Ring, hier, damit man ihn an seinem Schlüsselanhänger anbringen kann. Ein wunderlicher Schlüssel für die Franzosen. Ein wunderlicher Schlüssel für die meisten Deutschen. Denn man findet ihn nur an einem einzigen Ort: in Berlin.

So heißt er dann konsequenterweise auch: Berliner Schlüssel oder manchmal auch einfach nur Doppelschlüssel. Dies ist die Haustür eines Berliner Wohnhauses. Ein herrschaftliches Wohnhaus, Ende des 19ten Jahrhunderts, aus der Gründerzeit, den Jahren, die der Deutschen Einheit unter Bismarck folgten. Da ist ein Bayer auf Besuch in Berlin, ein Bayer, dem ein Freund netterweise den Schlüssel zu seiner Wohnung überlassen hat. Er wirkt etwas verstört mit dem komischen Schlüssel in der Hand, vor einem Schloss, das, zugegeben, wenn man genau hinschaut, ziemlich eigenartig aussieht. Welche Seite des Schlüssels soll er reinstecken? Und wo?
Er fühlt sich dumm. Ein Schloss, ein Schlüssel. Wie banal, eigentlich. Schauen Sie mal: er steckt den Schlüssel ins Schlüsselloch, dreht ihn um, er macht die Tür auf, doch jetzt kommt’s: er kriegt den Schlüssel nicht mehr aus dem Schloß. Er steckt fest. Na also!

 
schlussel_2.jpg.imageDataNur die Ruhe. Und nochmal von vorn. Er steckt den Schlüssel ins Schloss, dreht ihn um, macht die Tür auf, zieht am Schlüssel... verflixt, der will nicht! Man kann den Schlüssel partout nicht beim Öffnen der Tür herausziehen! All seine verzweifelten Versuche, ins Haus zu gelangen, schlagen fehl. Auch das noch! Natürlich ist es mitten in der Nacht, und es regnet. Na ja, wir sind ja nicht so, deshalb lassen wir genau im selben Moment einen netten Berliner ganz zufällig mit seinem Hund beim Gassi gehen vorbeikommen. Schauen Sie.

Er beruhigt unseren bayrischen Freund. Man muss nur die Tür aufdrücken, den Schlüssel ins Schloss schieben, in den Hausflur treten und dort, ah, wartet der Schlüssel brav auf der anderen Seite des Schlosses. Dann dreht man ihn, um die Tür zuzumachen und bekommt ihn wieder. 


schlussel_3.jpg.imageDataWozu ein so ausgeklügelter Mechanismus? Um nachlässige Zeitgenossen dazu  zu zwingen, immer abzuschließen. Das System wurde 1912 von einem Berliner Schlüsselmacher, Johann Schweiger, erfunden. Der Berliner Schlüssel erlebte seine Sternstunden in der ersten Hälfte des 20ten Jahrhunderts und ist heute vom Aussterben bedroht. Es lag daher nahe, ihm in Karambolage ein paar Minuten zu widmen. 




Erstellt: 23-03-06
Letzte Änderung: 18-03-11


+ aus Europa