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Ein Magazin von Claire Doutriaux

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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Sendung vom 5. März 2006 - 05/03/06

der Gegenstand: das Poesiealbum

das Poesiealbum


Wussten sie, dass die Franzosen kein Poesiealbum kennen? Nikola Obermann die als kleines Mädchen natürlich selbst eines hatte, stellt dieses sehr deutsche Büchlein nun den Franzosen vor…


Dieses kleine Mädchen heißt Petra. Zu ihrem achten Geburtstag hat sie von ihrer Großmutter ihr erstes Poesiealbum geschenkt bekommen. Ein hübsches Buch mit weißen Seiten. Aber es ist kein Tagebuch. Petra verziert die erste Seite und vor allem schreibt sie in ihrer schönsten Handschrift diese unentbehrliche Warnung:

Liebe Leute groß und klein

schreibt mir in dies Album rein

Reißt mir keine Seiten raus

Sonst ist es mit der Freundschaft aus

Wir sind gewarnt.


Jetzt bittet Petra ihren Vater, ihre Mutter und ihre Grosseltern ihr ein hübsches Verslein in ihr Poesiealbum zu schreiben.

Der Fleiß in deinen jungen Jahren
Wird später gold’ne Früchte tragen

Willst du glücklich sein im Leben,
trage bei zu Anderer Glück.
Denn die Freude, die wir geben,
kehrt ins eigene Herz zurück.

Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.

Dann kommen die besten Freundinnen, die Lehrerin, die Cousins und Cousinen dran. Aber Vorsicht, man darf nicht irgendwas hineinschreiben! Die Lebensregeln, liebevollen Ermutigungen und Maximen sollen möglichst in Reimform verfasst werden und klingen oft wunderbar altmodisch.

Sei wie das Veilchen im Moose
sittsam, bescheiden und rein
und nicht wie die stolze Rose,
die immer bewundert will sein.

Alles Glück der Erde
Liegt auf dem Rücken der Pferde.

Wenn du einst in vielen Jahren,
dieses Büchlein nimmst zur Hand,
denk daran wie froh wir waren,
auf der kleinen Schülerbank.

Dann wird dekoriert. Die Begabteren machen ein hübsche Zeichnung, die anderen kaufen in der Papierwarenhandlung Glanzbilder. Die Bilderbogen haben sich seit Jahrzehnten kaum verändert: Engelchen, Blümchen, Schmetterlinge, usw. Man kann auch eine Ecke umknicken, einen kleinen Umschlag zeichnen und reinschreiben: Sei nicht so neugierig! Das kommt immer an! Oder man schreibt in die vier Ecken der Seite: In allen  vier Ecken  soll Liebe  drin stecken. Meistens wird einem etwas bang, wenn ein kleines Mädchen mit großen vertrauensvollen Augen uns darum bittet, sich in ihrem Poesiealbum zu verewigen.

Sie hat unseren Namen schon oben auf die betreffende Seite geschrieben – jetzt müssen wir uns der Aufgabe gewachsen zeigen. Zum Glück gibt es Sammlungen von Poesiealbumsversen, aus denen man sich etwas raussuchen kann. Solche Verschen standen schon in diesem Album aus dem Jahre 1898. Damals schrieb man in Deutschland noch in Sütterlin. Schauen sie:


Das Poesiealbum ist eine alte deutsche Tradition. In Wittenberg hat man ein "album amicorum" aus dem Jahre 1545 gefunden. Diese Alben wurden vom sechzehnten bis zum neunzehnten Jahrhundert vor allem von Studenten benutzt, um von ihren Studienreisen Empfehlungen der Professoren und Andenken der Kommilitonen nach Hause zu tragen. Eine Art Lebenslauf, wenn man so will. Später baten die Damen der feinen bürgerlichen Gesellschaft ihre Besucher, sich darin zu verewigen. Und weil diese Damen genügend Zeit hatten, waren ihre Alben mannigfaltig verziert. Die Tradition besteht noch, heute sind es allerdings die Schulkinder, die diesen hübschen - und, zugegeben, etwas kitschigen - Brauch fortsetzen.

Erstellt: 01-03-06
Letzte Änderung: 18-03-11


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