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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

> Sendung vom 22. Juli 2012 > der Gegenstand: das Duralex-Glas

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Wiederholung - 22/07/12

der Gegenstand: das Duralex-Glas

Olaf Niebling lädt uns ein, DAS französische Glas schlechthin, und zwar das Duralex-Glas, genauer zu betrachten…

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La Chapelle-Saint-Mesmin ist ein charmantes französisches Städtchen im Departement Loiret, ganz in der Nähe von Orleans. Man nennt seine Einwohner "Chapellois", es gibt davon an die 9500. Und man sagt, dass vor genau 1500 Jahren Saint Mesmin einen Drachen bekämpft hat, ein Ereignis, dem dieser Tage in aller Würde gedacht wird.

Doch das ist nicht das einzige Bemerkenswerte an La Chapelle-Saint-Mesmin. Seit 70 Jahren gibt es dort die Firma Saint-Gobain, benannt nach einem Kumpel des Heiligen Mesmin. Das ehrwürdige Unternehmen produziert dort seine berühmten Gläser, die sich nicht abnutzen, selbst wenn man sie benutzt, die Duralex, die der Werbung nach "Schläge aushalten und kochendes Wasser". Ihre Werbung der 50. Jahre rief gar zur Gewalt auf: "Benutzen sie es als Hammer, lassen Sie es fallen, schlagen Sie drauf, werfen Sie es eisgekühlt in kochendes Wasser", nichts zu machen! Es geht nicht kaputt! Das stimmt natürlich nicht ganz, und Saint-Gobin gibt selbst zu, seine Schockbeständigkeit sei nur zweieinhalb mal so groß, wie die eines normalen Glases. Immerhin. Doch Vorsicht: Wenn Sie ein Duralex-Glas werfen und dieses unglücklicherweise auf die Kante fällt, dann geschieht ein Unglück! Denn das Duralexglas zerspringt in eine Unzahl winzigster Scherben, die sich überall da einnisten, wo der Besen nicht hinkommt. Das ist zwar ärgerlich, aber immerhin nicht so gefährlich wie bei einem normalen Glas, denn das Duralexglaszerbricht nicht in scharfe Splitter.

Der Name Duralex? Was es damit auf sich hat? Nun, der kommt von dem lateinischen Ausspruch "Dura lex, sed lex" - "Das Gesetz ist hart, aber es ist das Gesetz". Was das heißen soll? Nun, sagen wir, die Gläser sind so hart wie das Gesetz. Auf jeden Fall wurde die Marke Duralex im Jahre 1945 von Saint-Gobin angemeldet, für "Gegenstände aus gehärtetem Glas". Dieses wird bei 1500°C geschmolzen, bei 700 °C in Form gegossen, und sogleich mit 20°C kalter Luft abgekühlt. Das macht es so hart. Und nach all diesen Schikanen ist es immer noch durchsichtig! Ein Jahr nach dem Patent, 1946, erfindet Saint Gobain das inzwischen zum Kultobjekt avancierte Duralexglas "Gigogne": es ist rund, hat ein freundliches Bäuchlein und zwei feine Linien im oberen Drittel. Auf seinem Boden steht die Nummer der Form, in der es hergestellt wurde. Von 1 bis 48. Ach, diese Nummer! Seit 60 Jahren stürzen sich die französischen Schulkinder, sei es in Marseille, Lille, Brest oder Straßburg, tagtäglich in der Kantine auf ihr Glas, denn die Nummer ist überaus wichtig: wer zum Beispiel die höchste Zahl hat, der muss für den ganzen Tisch die Wasserkaraffen vollmachen. Die Lotterie der Angst!

Das Gigogneglas gibt es in drei Größen, in das Kleine gehen 9cl, ins Standardglas 16cl, ins Große 22cl. Und alle passen ineinander und sind herrlich stapelbar. Duralex stellt natürlich noch mehr her als dieses Gigogneglas, es gibt alle möglichen Schalen oder Schüsselchen mit kleinem Rand für Mamas Pudding und vor allem einen weiteren Bestseller des Hauses: das hübsch geformte Picardieglas, das auch in allen Größen erhältlich ist. Und wußten Sie, dass das Gigogne - und das Picardieglasregelmäßig in Design-Retrospektiven in aller Welt gewürdigt werden? "Wow, so chic! The french touch!"! Tja, auch bei Duralex steht die Krise vor der Tür, wie überall. Nach einigem Hin-und Her wurde eine der Fabriken vor kurzem geschlossen und die derzeitige Geschäftsführung will die Marke von der Nostalgie der Schulhöfe befreien und mit neuen Modellen Einzug ins 21. Jahrhundert halten. Das Gigogneglas und das Picardieglasbleiben selbstverständlich im Programm. Sie sind, wie gesagt, unverwüstlich...


Texte: Olaf Niebling
Bild: Olivier Martin


Erstellt: 09-07-12
Letzte Änderung: 19-07-12


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