Fragen Sie Grete Müller in Deutschland, Jean Dupont in Frankreich oder John Miller irgendwo: "Was ist das Pentagon?", die Antwort ist klar: "Pentagon, das ist doch in Washington, das amerikanische Verteidigungsministerium, das weiss schliesslich jeder". Rätselhaft ist dagegen für Grete Müller und John Miller "das Hexagon". Dabei ist die Sache doch ganz einfach: "Hexagon? Das ist Frankreich, das weiss doch jeder", sagen die Franzosen...
Kleine Franzosen haben in ihrer Schule eine wunderschöne Landkarte hängen: Frankreich mit seinen Küsten, Gebirgen, und Flüssen. Und wenn sie mit Hilfe ihrer Plastikschablone die Landkarte Frankreichs nachzeichnen, lernen sie, dass die Natur - in ihrer grenzenlosen Weisheit-diesem Land eine Art Idealform vorgegeben hat, die Form eines Sechsecks, des Hexagons.Im Osten: der Rhein und die Alpen, unten das Mittelmeer, dann die Pyreneen, die Atlantikküste im Westen bis zur äussersten Spitze der Bretagne, dann die Kanalküste... Nur im Norden, von Calais bis Strassburg, gibt es keine ganz eindeutige natürliche Linie, aber da hat eben die Geschichte oder die Vernunft der Menschen dafür gesorgt, dass das Sechseck vollendet wird.Und hat man keine Schablone zur Hand, kann jeder Franzose ganz schnell seine Heimat mit den sechs Ecken skizzieren.
Französische Historiker haben deshalb darüber nachgedacht, ob sich Frankreich nicht ganz zwangsläufig in dieser von der Natur vorgegebenen idealen Form entwickeln musste. Vidal de la Blache fragt z.B. "Ist Frankreich ein geographisches Wesen?" (trad.: la France, est –elle en être géographique?) und Fernand Braudel geht in seinem Buch über die "Identität Frankreichs", der Frage nach, ob "die Geographie Frankreich erfunden habe?" (trad.: la Géographie, a-t-elle inventé la France?)
Hand auf’s Herz: Kann sich irgendjemand eine noch bessere Form vorstellen? Gibt es irgendwo etwas vergleichbar Schönes? Italien etwa, in Form eines Stiefels mit einem Fussball? Lächerlich. Oder Deutschland? Lange Zeit ein Flickenteppich und später das Reich mit häufig wechselnden Konturen. Wie schön haben es doch da die Franzosen mit ihrem wunderbaren Hexagon…Und so haben sie sich auch mental häuslich in diesem idealen Rahmen eingerichtet, der auch noch den grossen Vorteil hat gewissermassen Mittelpunkt Europas und der Welt zu sein. Freilich, Korsika, immerhin ein Teil Frankreichs, muss dann irgenwie noch neben dem Hexagon untergebracht werden, aber Korsika ist nun mal ein besonderer Fall.
Frankreich und Hexagon sind also identisch. So spricht man munter von einer hexagonalen Fussballmannschaft, es gibt "sechseckige" Zeitungen, Mode, Filme und Käsesorten und niemand wundert sich. Man hört also in Frankreich des öfteren, dass Journalisten oder Politiker, sich in allen vier Ecken des Hexagons umgesehen haben. Und stellen Sie sich vor: das Wort hat sich dermassen verselbständigt, dass Franzosen nicht einmal die Absurdität dieses Satzes merken…







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