Schriftgröße: + -
Home > Europa > Karambolage

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

> Sendung vom 05. Juni 2011 > der Alltag: die "concours"

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Karambolage 239 - 05/06/11

der Alltag: die "concours"

Es ist Anfang Juni und höchste Zeit, dass sich Karambolage endlich einer Besonderheit des französischen Hochschulsystems widmet. Corinne Delvaux nimmt sich der Sache an.

Previous imageNext image
Jedes Jahr im Juni machen die französischen Schüler Abitur, "le bac", kurz für "baccalauréat". Im Unterschied zum deutschen Abitur sind alle Prüfungen zentralisiert: von Dunkerque bis Marseille brüten alle Schüler am selben Tag über denselben Fragen, je nach "section" - Fachbereich: S – "scientifique" - der wissenschaftliche, L der literarische, ES für Wirtschaft und Gesellschaft, STG, STI usw. für technische Zweige und Fachgymnasien.

Gut. Angenommen, Sie haben ihr "bac" bestanden. Jetzt gibt es verschiedene Möglichkeiten: Wenn Sie überdurchschnittlich begabt sind und eine Auszeichnung bekommen haben, wollen Sie vielleicht "prépa" machen, kurz für "classe préparatoire" - auf Deutsch Vorbereitungskurs. "Prépa", das heißt zwei Jahre intensives Lernen, die mit Abschlußprüfungen enden, die man Wettbewerbe, auf französisch "concours" nennt. Der Wettbewerb der Veterinärmediziner heißt "véto", der der Naturwissenschaftler nennt sich "maths sup" und "maths spé", literarisch Veranlagte machen – aufgepasst - "hypokhâgne" und "khâgne", Begriffe auf die wir in der Sendung noch zurückkommen werden, und wer sich für Wirtschaft und Handel interessiert, macht "prépa HEC".

Die Konkurrenz ist groß und Sie dürfen sich noch nicht einmal aussuchen, auf welchem Gymnasium Sie "prépa" machen, das hängt von Ihren Noten in der Oberstufe und von der Beurteilung durch ihre Lehrer ab. Ah, "prépa" in Paris machen dürfen, auf Louis Le Grand, oder Henri-IV… Egal wo Sie landen, lassen Sie es sich gesagt sein: In den nächsten zwei Jahren werden Sie nichts anderes tun als lernen, pauken oder büffeln, wie die Studenten sagen, denn es geht nicht darum, eine Prüfung zu bestehen, sondern einen Wettbewerb, einen "concours" zu gewinnen, also besser zu sein als die anderen. Sehr französisch.

Die "prépa" prägt einen fürs Leben. Man war dabei oder nicht. Egal, ob man dabei zusammenbricht – doch, doch, die Depressionsrate während der "prépa" ist hoch – denn dieses Raster ermöglicht es, die Strebsamsten herauszusieben, die, die am besten ins System passen, denn darauf kommt es bei der Erhaltung der französischen Eliten an. Und genau das ist das Problem. Denn das System, das den Schwerpunkt auf etwas legt, was man in Frankreich "culture générale" nennt, also Allgemeinbildung, schließt meist Kinder aus einfachen Verhältnissen oder mit Migrationshintergrund aus.

Gut, Sie haben die zwei Jahre "prépa" überlebt, Sie haben alles auswendig gelernt, literweise Kaffee und andere Aufputschmittel in sich hineingeschüttet, und unterziehen sich nun im Mai und im Juni den berüchtigten "concours". Bereiten Sie sich auf wochenlangen Stress vor und seien Sie willens, alles zu geben – und noch mehr. Danach kommt das große Zittern: Sind Sie zugelassen, stehen Sie also weit genug oben in der Liste, um die mündlichen Prüfungen anzutreten? Denn genau die sind jetzt dran und sie werden Ihr Schicksal besiegeln.

Inzwischen ist es Ende Juni und Frankreich feiert bald triumphal den Einzug der neuen Generation in die Elitehochschulen, die "grandes écoles", wie: "normale sup", Ecole normale supérieure, für Literaten und Mathematiker. ENA, Ecole nationale d’administration, Staatliche Verwaltungsschule, die die Ministerien und großen Firmen mit Chefs versorgt. X oder Polytechnique bildet Frankreichs genialste Ingenieure aus. HEC, Ecole des hautes études commerciales, für leitende Angestellte und Geschäftsführer großer privater Firmen usw.; es gibt noch viele andere dieser Eliteschulen, vor allem für Ingenieure, die immer unbedeutender werden, je schlechter Sie abgeschnitten haben…

Und wenn Sie es ganz vermasselt haben? Dann gibt es zwei Möglichkeiten: "cuber", also ein weiteres Jahr pauken hoch drei und den "concours" wiederholen -  viel Glück! – oder auf eine Universität gehen und sich zu all den Studenten gesellen, und das ist die große Mehrheit, denen der Zugang zu diesem durch und durch elitären System verwehrt geblieben ist.

Erstellt: 01-06-11
Letzte Änderung: 16-05-12


+ aus Europa