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Ein Magazin von Claire Doutriaux

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Jeden Sonntag um 20 Uhr

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Sendung vom 25. Oktober 2009 - 25/10/09

der Alltag: der "tchip"

Können Sie "tchipen"? Yaotcha d’Almeida, deren Eltern aus dem Togo und aus Guadeloupe stammen, führt uns in diese afrikanische Ausdrucksform ein. Sind Sie bereit?

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Eigentlich stellte ich erst als Jugendliche fest, dass nicht alle Welt "tchipte". Seit meiner jüngsten Kindheit höre ich meine Umgebung nämlich "tchipen". Ich muss dazu sagen, dass mein Vater aus dem Togo und meine Mutter aus Guadeloupe stammen, also aus zwei Kulturkreisen, in denen man "tchipt".

Lassen Sie mich Ihnen erklären, was ein "tchip" ist: ein "tchip" ist ein unverkennbares Geräusch, das mit dem Mund gemacht wird. Es gibt ihn in den meisten schwarzen Kulturen, seien sie afrikanisch, karibisch oder afroamerikanisch. Die schwarzen Amerikaner sagen dazu übrigens: "to suck your teeth", wörtlich: "an seinen Zähnen saugen".

Beim "tchipen" macht man nämlich eine Saugbewegung mit den Lippen gegen die Zähne und bewegt gleichzeitig die Zunge in die entgegengesetzte Richtung. So: "tchip". Im Grunde ist der ganze Mund am "tchip" beteiligt, wenn es nicht das ganze Gesicht ist! Ein "tchip", der etwas auf sich hält, wird immer von einem passenden Gesichtsaudruck begleitet.

Es gibt verschiedene Arten, zu "tchipen" und eine Unzahl von Regeln, die man besser beherrschen sollte, um nicht in unangenehme "tchip"- Situationen zu geraten. Die Hauptfunktion des "tchip" besteht darin, seine Missbilligung oder seinen Ärger auszudrücken. Aber nicht jeder "tchipt", wie er will; oh nein, der "tchip" unterliegt ganz genauen Codes und hierarchischen Regeln. Man kann wohl unter Gleichgestellten "tchipen" oder seine Untergebenen "antchipen", es käme jedoch niemandem in den Sinn, Ältere oder zum Beispiel seinen Arbeitgeber "anzutchipen". Wenn jemand in einer Versammlung in die Runde "tchipt", ohne sich an jemanden bestimmtes zu wenden, ist das als ein vorwurfsvoller Kommentar zu interpretieren.

Ein anderer "tchip" ist der mütterliche. Ich erinnere mich noch sehr gut an die "tchips" meiner karibischen Mutter, die immer ihren strengen Blick begleiteten, wenn ich eine Dummheit sagte oder machte. Denselben "tchip", hörte ich von meiner Großmutter und meinen Tanten. Ein eher weiblicher "tchip", Männer machen ihn aber auch. Beim "tchipen" gibt es die unterschiedlichsten Varianten. Diese reichen vom kurzen, trockenen "tchip", der soviel bedeutet, wie : "So ein Unsinn" oder "Ach, hör doch auf", bis zum langen, verächtlichen, gemeinen "tchip". Selbstverständlich verstärkt der Gesichtsausdruck, von dem der "tchip" begleitet wird, seine Wirkung, auch wenn der schmollende oder verächtliche Mund in diesem Moment natürlich ganz alleine Bände spricht.

Dann gibt es den "supertchip", das ist ein "tchip", der mit einem Zungenschnalzen am Gaumen beendet wird und der einem zu verstehen gibt, dass jedes weitere Wort überflüssig ist. Dieser "supertchip" ist typisch afrikanisch, auf den Antillen gibt es ihn nicht.
Der "supertchip" ist manchmal etwas absurd. So wurde ich einmal in der Metro mit einem "supertchip" von einer afrikanischen Mama abgekanzelt, die aus irgendeinem Grund etwas gegen mich hatte. Umringt von ihrer Kinderschar betrachtete sie mich von Kopf bis Fuss und "tchipte" mich völlig ohne Grund an. Ich habe bis heute nicht herausgefunden, was sie zu diesem "tchip" veranlasst hat.

Gut, Sie finden, diese "tchips" seien alle gleich. Das liegt daran, dass sie kein geübtes Ohr haben. Das müssen sie schon trainieren. Ich bin in den letzten Jahren übrigens einigen Franzosen begegnet, die weder aus der Karibik noch aus Afrika stammen, aber "tchipen"! Das sind ganz einfach Leute, die schwarze Freunde haben und sich den "tchip" angeeignet haben. Meine Freundin Charlotte zum Beispiel, die aus der Region Poitou-Charentes stammt und wie ich in der Pariser Gegend aufgewachsen ist, "tchipt" beim Sprechen ständig. Sie werden es sehen, bald "tchipt" ganz Frankreich.

Erstellt: 23-10-09
Letzte Änderung: 16-05-12


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