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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

> Sendung vom 01. Juli 2012 > der Alltag: der Kulturverein

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Jeden Sonntag um 20 Uhr

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Karambolage Wiederholung - 01/07/12

der Alltag: der Kulturverein

Tonguç Baykurt ist Türke und lebt in Hamburg. Er ist Filmemacher und Autor. Heute lädt er uns ein, mit ihm einen Ort zu besuchen, in dem er sich gerne aufhält: den deutsch-türkischen Kulturverein.

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Sie haben in Deutschland bestimmt schon einmal diese Läden gesehen, in denen Türken sitzen und Backgammon spielen. DEUTSCH-TÜRKISCHER KULTURVEREIN steht da mit großen Lettern auf der Glasfront, auch wenn man dort in der Regel keinen einzigen Deutschen trifft. Ich finde, es wird Zeit, dass sich das ändert. Deshalb lade ich Sie ein, kommen Sie mit. Na kommen sie schon!

Willkommen im Kültürverein, wie wir Türken auf halb-türkisch, halb-deutsch so schön sagen. Wir setzen uns an einen der mit grünem Filzstoff bedeckten Tische und bestellen uns etwas zu Trinken. Sie möchten ein Bier? Oh, tut mir leid, alkoholische Getränke gibt es hier nicht, das verbietet uns der Islam. Wir trinken hier fast ausschließlich schwarzen Tee. Sehen Sie den "Samovar", der da vor sich hin köchelt? Darin wird sieben mal die Woche den ganzen Tag Tee gekocht. Dass die Luft hier zum Schneiden ist, liegt allerdings nicht am "Samowar". Wir rauchen alle sehr gerne und halten Türen und Fenster immer gut geschlossen, Sommer wie Winter. Warum? Weil wir es einfach kuschelig warm mögen. Das Rauchverbot? Oh nein, das gilt hier nicht! Wie gesagt, dieser gemütliche Ort ist keine Kneipe, sondern ein eingetragener Verein! Deshalb dürfen wir hier rauchen, spielen, Musik hören, essen und trinken, ohne dass der Betreiber dafür eigens eine Konzession beantragen muss. Und weil er keine Gewerbesteuer zahlen muss, ist der Tee hier viel billiger als anderswo.

Ah, da kommen unsere Tees auch schon! Vorsicht, verbrennen Sie nicht Ihre Finger! Die kleinen goldumrandeten Teegläser sind meistens sehr heiß. Zu bitter? Tja, sie müssen unser Nationalgetränk ja auch mit viel Zucker trinken. So, umrühren… und? Hm!  Sie sitzen etwas unruhig. Ist ihnen ihr weißer Plastik-Stuhl zu wackelig oder zu unbequem? Oder haben Sie etwa Hunger? Wenn Sie möchten, bestellen wir nebenan einen "Döner", ein "Lahmacun" oder "Börek". Die Dönerbude gehört praktisch auch hierher. Alle holen sich ihren Döner dort und essen ihn hier am Tisch.

Wenn Ihre Augen sich nun an das grelle Neonlicht gewöhnt haben, haben Sie bestimmt die Tapeten an den Wänden bemerkt. Eine echte Rarität aus den Fünfzigern. Wie finden Sie den Wandteppich mit der Bosporus-Brücke darauf? Den hat uns ein Stammgast aus seiner Heimatstadt mitgebracht. Das Portrait daneben ist unser Staatsgründer Atatürk. Die deutschen und die türkischen Flaggen darunter stammen noch von der letzten Europa-Meisterschaft. Nachdem wir Türken ausgeschieden waren, haben wir den Deutschen die Daumen gedrückt. Das war Ehrensache! Die antike Wanduhr ist übrigens nicht antik! Die haben wir im türkischen Export-Import Geschäft nebenan gekauft. Damit wir die Zeit nicht vergessen, wenn wir unserer Lieblingsbeschäftigung nachgehen: Kartenspielen bis tief in die Nacht hinein. Dabei knallen wir die Karten auf den Tisch und reden recht laut. Sie denken, wir würden uns die Köpfe einschlagen? Keine Angst, das ist unser Temperament. Egal, ob wir uns unterhalten oder auf unserem riesigen Fernseher Fußball gucken, wir sind immer laut. Vielleicht kommen deswegen keine Deutschen zu uns?

Manche behaupten, unser deutsch-türkischer Kulturverein wäre nur ein getarntes Teehaus, nichts anderes als ein Männercafé, ein Steuerparadies für türkische Geschäftsleute. Stimmt nicht! Unser Verein ist viel mehr. Hier tauschen wir Neuigkeiten aus, streiten über Politik, reden über Gott und die Welt oder lauschen einfach heimatlichen Klängen. Hier freuen wir uns, lachen oder leiden. Wir leben hier. Der Kulturverein ist ein Stück Heimat. Sie fragen, warum hier keine Frauen zu sehen sind? Ach, das ist eine lange Tradition. Unsere Frauen trinken ihren Tee lieber zu Hause. Zumindest glaube ich das. Aber vielleicht sollten Sie sie lieber selber fragen.

Erstellt: 29-06-12
Letzte Änderung: 29-06-12


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