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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

> Sendung vom 25. September 2011 > der Alltag: das senegalesische Mahl

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Karambolage 244 - 25/09/11

der Alltag: das senegalesische Mahl

Isabelle Sidibé ist eine junge Fränzösin, die einen Senegalesen geheiratet hat. Seitdem hat sie ihre Essgewohnheiten geändert.

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Als ich meinen zukünftigen Mann kennenlernte, hielt ein neuer Gegenstand Einzug in meinen Haushalt: eine Schale beziehungsweise eine Schüssel, das kommt darauf an. Auf jeden Fall hat dieser Gegenstand schnell die Teller verdrängt. Wir essen nämlich bei jeder Mahlzeit alle aus ein und derselben Schüssel: aber Vorsicht, bei dieser Esskultur muss man so einige Tischregeln beherrschen. Zuallererst: Ab drei Personen, und ganz gleich, ob man auf dem Boden, auf einer Plastikmatte oder um einen Tisch herum sitzt, sollte man am besten einen Kreis bilden, denn die Schale ist immer rund oder oval. Reis ist die Grundlage unserer Ernährung – das trifft sich gut, ich liebe Reis! Manchmal gibt es auch Nudeln oder Hirse. Man verteilt ihn schön gleichmäßig auf dem Boden der Schale. Darauf legt man dann in die Mitte: Fleisch, Gemüse oder Fisch – oft in Soße, geschmort, oder gegrillt.

Man isst entweder mit einem Löffel oder meistens mit der Hand, und zwar mit der rechten. Das ist ganz wichtig, denn, entschuldigen Sie bitte dieses Detail, auf der Toilette benutzen wir nämlich die linke Hand, um uns mit Wasser zu reinigen. So, wenn alle sitzen und die Schale aufgetragen ist, wird eine kleine Schüssel mit Seifenwasser herumgereicht, in der sich jeder die Hände wäscht. Dann kann man anfangen zu essen. Vorsicht: man isst, was sich vor einem befindet, und nicht, was rechts oder links liegt. Sollten ein ganzes Huhn oder ein ganzer Fisch in der Mitte liegen, zerlegt die Köchin beziehungsweise die Gastgeberin das Stück mit der Hand, mit der rechten natürlich, und dann legt Sie kleine Stücke vor jeden Gast. So geht sie sicher, dass ihre Gäste die besten Stücke bekommen und dass die Kinder weder zu wenig noch zu viel essen. Da niemand ein Messer braucht, kann man nun in aller Ruhe essen und sich dabei unterhalten.

Ist man satt, legt man seinen Löffel umgedreht an den Schüsselrand und zieht sich zurück, damit die anderen mehr Platz haben. Solange der Löffel nach oben gedreht ist, hört die Hausherrin nicht auf, den Reis der Gäste, die schon fertig sind, weiter in die Richtung dieses Löffels zu schieben. Ein guter Esser hat so nicht das Gefühl, er äße den anderen etwas weg, und wird trotzdem satt. Sollte der letzte Esser der Gast sein, verlangt es die Höflichkeit, dass ihn einer der Gastgeber "begleitet", das heißt, dass er mit ihm weiterisst, oder auch nur so tut, damit sich der Gast nicht schämt. Nach dem Essen fragt man die Gäste übrigens immer: "Suur nga? Bist du satt?" Das gehört zur senegalesischen Gastfreundschaft: wer ein Haus mit leerem Magen betritt, muss es satt verlassen. 
 
Die Getränke, Saft, Tee, Wasser und Kaffe, bietet man erst an, wenn alle fertig sind, nie während des Essens. Letztes Detail: wenn die Kinder aus der selben Schale essen wie die Erwachsenen, befiehlt man ihnen, damit sie still halten, nichts umwerfen oder gar mit den Füssen in die Schale geraten, den Zeigefinger der linken Hand auf den Schalenrand zu legen. So sind sie ruhig und konzentriert. Ich habe diese Tischsitten liebend gerne übernommen… Sicher, unsere Freunde hier in Frankreich sind manchmal ein bisschen überrascht, wenn sie uns essen sehen, aber wenn sie es erst einmal gelernt haben, gefällt es ihnen. Ich finde jedenfalls, dass die Gerichte besser schmecken, wenn man sie auf diese Weise teilt...

Text: Isabelle Sidibé
Bild: Stéphanie Cazaentre





Erstellt: 23-09-11
Letzte Änderung: 25-06-14


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