Sicher, auf jeden Fall.
Marie und Robert in Ihrem Film „Der alte Affe Angst“ lieben sich unendlich, doch gerade deshalb erregt sie ihn nicht mehr. Passen Sex und Liebe nicht zusammen? Das ist auch ein Thema in Ihrem neuen Film „Elementarteilchen“ ...
Ich weiß nicht, ob man das so verallgemeinern kann, das ist eine komplizierte Geschichte. Ich glaube, Sex ist wichtig für den Anfang einer Beziehung, und dann vielleicht erst wieder im Alter (lacht), kurz vor dem Nirwana, ich glaube, da könnte das noch mal wichtig werden. Ich glaube nicht, dass Sex eine entscheidende Rolle spielen muss in einer Beziehung, aber meist spielt er auch keine unwesentliche Rolle. In „Der alte Affe Angst“ hat Robert ein Handicap, mit dem Marie leben muss. Er hat die Person, die er liebt, völlig vereinnahmt. Er hat sich quasi über sie drübergestülpt, und jetzt ist sie nicht mehr die Frau, die er begehrt. Weil sie ein Teil von ihm geworden ist?
So würde ich es sagen, ja.
In „Der alte Affe Angst“ muten Sie Ihren Figuren und damit auch den Zuschauern eine Menge zu. Trotzdem bezeichnen Sie sich als einen großen Romantiker. Besteht Ihre Romantik darin, dass Sie Ihre Figuren zwar leiden lassen, sie dann am Ende aber doch auffangen?
Ich war schon immer ein großer Verfechter des amerikanischen Kinos, wo das Melodram groß geschrieben wird. Vielleicht war ich bei „Der alte Affe Angst“ nur noch nicht in der Lage, dem auch formal gerecht zu werden. Der Film erzählt eine sehr persönliche Geschichte, eine Geschichte aus dem unmittelbaren Umkreis meines Lebens. Diese Geschichte ist sehr komprimiert erzählt und hat einen ganz klaren Kern, und dennoch ist sie letztlich eine absolut romantische Geschichte, im Sinne von Büchner oder Novalis. Marie ist eine Büchnersche, fast schon eine Kleistsche Figur, die bereit ist, unheimlich weit zu gehen, bis hin zur Selbstzerstörung. Sie reagiert auf die Selbstzerstörung ihres Mannes, indem sie ihm bedingungslos folgt.
Film und Filmende prallen geradezu antagonistisch aufeinander. Sie jagen Ihre Figuren durch die Hölle, um sie am Schluss auf einer Sommerwiese tanzen zu lassen. Warum dieses Happy End auf der Blümchenwiese?
Es ist ja eigentlich gar kein Happy End, es ist einfach eine weitere Episode im Dasein der Protagonisten, und dann hört der Film auf.
Es könnte mit den beiden also immer so weitergehen?
Es wurde ja alles gesagt, was zu sagen war, was sollen die beiden anderes machen, wenn sie sich wiedersehen und sich freuen, als dass sie ihm Blümchen ins Haar steckt? Und dann fangen sie eben wieder an, ihre Spielchen zu spielen, die sie schon immer gespielt haben.
Also kein Happy End ...?
Das kann man so oder so sehen. Wenn man davon ausgeht, dass es ein Happy End ist, wenn man sich nicht trennt, dann gibt es ein Happy End. Wenn man findet, dass es ein ziemliches „bad ending“ ist, wenn zwei Leute auf diese Art weitermachen, dann gibt es kein Happy End.
Was ist es für Sie?
Ein Happy End (lacht). Ich sag ja, ich bin ein Romantiker.
In Bezug auf „Elementarteilchen“ sagten Sie, man dürfe das Publikum nicht verschrecken. Würden Sie den „alten Affen Angsts“ heute anders machen?
Man darf das Publikum verschrecken! Ich würde den Film nie anders machen, der Film ist eine Art Rohdiamant, er kam in meiner alten Manier einfach so aus mir heraus. Ich habe ihn geschrieben, ohne überhaupt nachzudenken, er war einfach schon da. Es steckt eine ganz tiefe Romantik in dem Film, eine gefährliche Romantik, so eine „Außenseiter-Zweierbeziehungsromantik“. Aber für zwei Leuten, die im Grunde genommen wenig mit dem Rest der Welt zu tun haben, ist das vielleicht gar nicht die Hölle, in der sie leben. Irgend etwas in ihrem Leben funktioniert eben nicht so wie bei den anderen, aber sie stehen da drüber. Sie müssen sich nicht mit anderen messen, sie stehen außerhalb dieser Wertmaßstäbe, die bestimmen, was gut und was schlecht sein soll.
Sie sagten auch, der Zuschauer wolle Sexszenen, wie Houellebecq sie in „Elementarteilchen“ beschreibt, nicht sehen. Will er sehen, wie Marie sich die Pulsadern aufschneidet?
Nein, mit Sicherheit nicht. Das ist auch so eine Sache, die ich, glaube ich, in der Form auch nicht mehr bringen würde. Das ist zu hart. Aber was heißt, das würde ich nicht mehr bringen ..., wenn ich einen Film mache, von dem ich mir wünsche, dass ihn sich viele Leute anschauen, dann mache ich so etwas nicht mehr. Wenn ich aber vielleicht mal wieder einen Film mache, der so brutal zur Sache gehen muss, dann werde ich das auch wieder so machen. Es kommt ganz auf den Film an, den man erzählen will.
Beim „alten Affen Angst“ musste es brutal zur Sache gehen? Ja, ich glaube, das ist genau die Art von Film, wo das nötig ist. Er unterscheidet sich eben von Filmen wie „Agnes und seine Brüder“ oder „Elementarteilchen“. „Der alte Affe Angst“ war wahrscheinlich mein verstörtester Film. Ein Film, wo man sich wirklich warm anziehen muss, mehr als bei jedem anderen meiner Filme, auch mehr als bei der „Unberührbaren“. Er ist aber auch einer meiner absoluten Lieblingsfilme, derjenige von meinen letzten Filmen, hinter dem ich am meisten stehe. Er hat so eine verzweifelte Aura, die aus jedem Bild herausstrahlt. Dagegen ist „Die Unberührbare“ viel hermetischer. „Der alte Affe Angst“ ist physischer und auch viel geheimnisvoller. Er ist so schutzlos, so nackt, ein ganz nackter Film, so wie ich sie liebe. Vielleicht ist er der beste Film, den ich gemacht habe.
Ich glaube, dass er, auch wenn er nicht die meisten Zuschauer hatte, der Film war, der die, die ihn gesehen haben, am tiefsten verstört oder berührt hat. Es ist schon schwierig, den Leuten so ein Messer in den Unterleib zu rammen, wie ich es mit diesem Film gemacht habe, aber zu dem Zeitpunkt war das unbedingt notwendig. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass ich in einer anderen Form wieder solche Filme mache, aber es muss ein akuter Punkt da sein, der absolut danach drängt, berichtet zu werden. Und das war so ein Film. Vielleicht war es mein dringlichster Film überhaupt.
Das klingt nach Selbsttherapie ...
Nein, das hat damit überhaupt nichts zu tun. Ich habe mit meiner Frau, mit der ich jetzt auch schon länger zusammen bin, ein ziemlich ausgewogenes sexuelles Verhältnis. Natürlich ist die Arbeit für jeden Künstler immer eine Art Therapie. Das hat aber nichts mit den Themen zu tun, die er behandelt, sondern einfach damit, dass ihm in der wirklichen Welt schnell langweilig wird und dass es für ihn wichtig ist, immer wieder in die Welt, die er sich selbst schafft, einsteigen zu können. Mich interessieren Menschen nicht mehr so besonders, wenn ich ständig mit ihnen kommunizieren muss. Das ödet mich ziemlich schnell an. Ich lebe lieber in Fantasiewelten und lese lieber Bücher, als mich ständig mit irgendwelchen Leuten zu treffen. Die geben mir eigentlich nicht viel. Deshalb mache ich auch diese Arbeit: Ich lebe einfach lieber in meinen eigenen Welten. Doch es gibt offensichtlich eine große Sehnsucht nach Liebesgeschichten in mir. Auch die nächste wird wieder eine sein ...
... eine richtige Romeo-und-Julia-Geschichte, wie Sie kürzlich verraten haben ...
Ich glaube, das ist es, was mich eigentlich interessiert: Liebesgeschichten zu erzählen. So wie mein großes Vorbild David Lynch immer wieder seine Träume neu buchstabiert, so erzähle ich eben gerne Liebesgeschichten.






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