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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

> Sendung vom 04. März 2012 > das Wort: die Schublade

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Karambolage 261 - 04/03/12

das Wort: die Schublade

Corinne Delvaux schaut sich heute Abend Wortpaare an, deren Übersetzungen ganz verschiedene Bilder hervorrufen. Sie können mir nicht folgen, es ist aber ganz einfach, Sie werden es gleich verstehen.

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Wussten Sie, dass es in unseren zwei Sprachen, der französischen und der deutschen, Wortpaare gibt, die die heftigsten Debatten auslösen können, Kolloquien für Linguisten oder Kongresse für Psychoanalytiker?

Wie heißt zum Beispiel dieser Gegenstand? Die Franzosen antworten im Chor: "un tiroir". Die Deutschen antworten im Chor: eine Schublade. Eine simple Übersetzung? Nicht ganz: Bei dem französischen "tiroir" handelt es sich um etwas, das man zieht. So. Denn "tiroir" kommt von "tirer" - ziehen. Die deutsche Schublade hingegen ist etwas, das man schiebt, Schub-kommt vom Verb schieben – "pousser".

Nun, wie man sehen kann verbirgt sich hinter diesen beiden scheinbar banalen Wörtern eine ganze Weltanschauung. Welche? Tja: die einen ziehen, die anderen schieben. Darüber können sich Philosophen ganze Nächte lang die Köpfe heiß reden. Lassen wir sie streiten und betrachten wir ein anderes Beispiel!

Schauen Sie sich dieses Gemälde an: drei Äpfel, ein Glas, ein paar Anemonen. Schön, oder? Die Franzosen nennen diese Art Gemälde "nature morte", auf deutsch wörtlich: tote Natur. Die Deutschen sagen hierzu Stillleben, also: "vie immobile" - stilles, leises Leben. Erstaunlich, oder? Hier der Tod, da das Leben.

Oh la la, wie bedeutungsschwer. Hier ein drittes Besipiel: Sie kennen dieses Schild. Es warnt den, der die Tür einer elektrischen Anlage öffnen will, vor "danger de mort", wörtlich vor: Todesgefahr. Die Deutschen hingegen würden von dieser Person sagen, sie befinde sich in Lebensgefahr – "danger pour sa vie". Wieder ein grundlegender Unterschied, dem wir metaphysische Studien verdanken über den Lebenstrieb der einen, den Todestrieb der anderen, oder ist es vielleicht umgekehrt?

Was uns betrifft, halten wir uns schön raus aus dieser erbitterten Diskussion und freuen uns einfach nur darüber, dass es uns heute abend sicherlich gelungen ist, dieser Grundsatzdebatte neue Mitstreiter zu liefern…

Text: Corinne Delvaux
Bild: Pierre-Emmanuel Lyet

Erstellt: 01-03-12
Letzte Änderung: 05-11-13


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