Und hier wieder unser Berliner Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel. Er erklärt den Franzosen, warum es für uns Deutsche so kompliziert ist, in Frankreich einen Brief zu schreiben.

Wenn wir Deutschen unseren französischen Geschäftspartnern Briefe schreiben, dann haben wir ja immer Angst, uns bei den Anreden zu blamieren. Am Anfang eines Briefes geht es ja noch. Wir lernen schnell, dass man nur schreibt: "Cher Monsieur" und nicht "Cher Monsieur Legrand", wie man es vom Deutschen her gewohnt wäre, wo man den Familiennamen ja mitnennen muss: "Lieber Herr Meier". Wenn es offizieller wird, haben die Franzosen es ganz einfach: "Mesdames, Messieurs". Noch schlichter, als unser deutsches "Sehr geehrte Damen und Herren".

Aber wehe, wenn es an die Höflichkeitsformen am Ende eines Briefes geht, wie dick wird da aufgetragen, was für ein pompöser Aufwand wird da getrieben. Hören Sie sich das mal an: "Veuillez agréer, cher Monsieur, l’expression de mes sentiments dévoués ", "Veuillez recevoir, chère Madame, mes salutations distinguées", "Veuillez agréer, Monsieur le Ministre, l’assurance de ma haute considération". Da werden nicht nur die ergebensten Gefühle geäussert, nein, das Gegenüber wird geradezu beschworen, diesen Versicherungen auch ja Glauben zu schenken. Was für ein Zinnober, das kann einen fürchterlich verunsichern. Hinzu kommt ja auch noch, dass bestimmte Wendungen nur zwischen Personen des selben Geschlechts erlaubt sind und andere sich nach hierarchischen Unterschieden zu richten haben. Wie soll man da wissen, ob man auch wirklich den richtigen Ton trifft.

Natürlich haben oder besser gesagt hatten wir auf Deutsch auch jede Menge höchst würdiger Wendungen à la "Und so verbleibe ich mit dem Ausdruck meiner vorzüglichsten Hochachtung, stets Ihr und so weiter". Aber all dieses ist ja im Verlaufe des 20. Jahrhunderts ausser Gebrauch geraten. Nein, unsere Wendungen sind knapper, nüchternder "Mit freundlichen Grüssen", auf Französischen gäbe das einfach: "Avec d’aimables salutations" Punkt. Das ist neutral, das ist immer verwendbar genauso wie "Mit den besten Grüssen" oder auch "Mit herzlichen Grüssen". Das ist freundlich, aber noch nicht freundschaftlich, so dass diese drei kleinen Formeln eigentlich das ganze Geschäftsleben abdecken. Nun, ich als Übersetzer grüße meine französischen Autoren allerdings stets mit "Fidèlement vôtre". "Ihr Getreuer".