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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

> Sendung vom 10. Juni 2012 > das Spiel: das "Mille Bornes"

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Karambolage 270 - 10/06/12

das Spiel: das "Mille Bornes"

Die Ferien stehen vor der Tür. Die Gelegenheit für Vincent Lecoq, uns ein französisches Spiel vorzustellen, das er immer als Kind in den Ferien gespielt hat.

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Vor kurzem stieß ich beim Aufräumen auf ein Spiel aus meiner Kindheit: "Mille Bornes" - tausend Meilensteine. Als ich die Schachtel öffnete, sah ich plötzlich wieder die stundenlangen, wilden Partien mit meinen Geschwistern vor mir, erinnerte mich aber auch an eine eigenartige Stimmung, voller Hinterlist und Heimtücke.

Das Spiel wurde 1954 von einem Verleger für Fahrschulmaterial erfunden, einem gewissen Edmond Dujardin, der es dem amerikanischen Kartenspiel Touring aus dem Jahre 1906 nachempfunden hat. Man spielt es weltweit, am meisten jedoch in Frankreich. Der Name "Mille Bornes" kommt von den Meilensteinen, die das französische Straßennetz säumen. Das Wort "borne" bedeutet umgangssprachlich aber auch Kilometer. Die tausend Kilometer des Namens entsprechen in etwa der Länge der Nationalstrasse 7 - die legendäre Ferienroute zwischen Paris und Menton ist nämlich 996 Kilometer lang.

Die Spielregeln sind einfach. Die Spieler müssen Karten ablegen, auf denen Kilometerzahlen angegeben sind. Wer als Erster 1000 Kilometer erreicht, hat gewonnen. Doch Vorsicht, das Spiel ist ideal für Schlitzohren. Denn es geht nicht nur darum, so schnell wie möglich vorwärts zu kommen, sondern auch darum, die Gegner am Vorankommen zu hindern, indem man ihnen Hinderniskarten in den Weg legt: Reifenpannen, ein leerer Tank, rote Ampeln und Unfälle. Aus der Patsche helfen einem dann nur die sogenannten Hilfekarten mit ihren grünen Ampeln, Werkstattbesuchen oder Reserverädern… Doch leider gibt es nur sehr wenige dieser Hilfekarten in einem "Mille bornes" und so kommt es vor, dass man die ganze Partie über feststeckt und auf seinen Reserverad wartet, während die anderen davonflitzen. Dann bleibt einem nur noch eins übrig: auf seine Gegner schimpfen und heimlich Rache schwören.

Beim "Mille Bornes" ist die Stimmung oft knisternd geladen, und die Streitereien zwischen mir und meinen Geschwistern werde ich mein Lebtag nicht vergessen. Und doch spielten wir es gerne, es war ein einfaches Spiel, auch für die Jüngeren geeignet, und manchmal konnte man sich sogar für sein Pech rächen, wenn man solche super Karten wie die "bottes" – Stiefel - zog. Damit durfte man bei rot über die Ampel fahren, hatte nie wieder eine Reifenpanne, und konnte so schnell rasen, wie man wollte. Damit war einem der Sieg sicher. Ein Triumph, mit dem man die große Schwester oder den älteren Cousin wunderbar ärgern konnte.

Manche Gegner des "Mille Bornes" finden, die strategische Seite komme bei dem Spiel viel zu kurz und Zufall und Glück spielten eine zu große Rolle. Sie haben natürlich völlig recht. Warum aber hat das "Mille Bornes" dann einen so durchschlagenden Erfolg? Vermutlich, weil es das sadistischste Spiel ist, das es gibt, ein Spiel, bei dem man seine niedersten Instinkte ungehindert ausleben kann. Und womöglich ist das ja der Grund dafür, dass sich das "Mille Bornes" in Frankreich viel besser verkauft als in Deutschland, oder?

Text: Vincent Lecoq
Bild: Philippe Massonnet


Erstellt: 08-06-12
Letzte Änderung: 19-06-12


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