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Ein Magazin von Claire Doutriaux

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Jeden Sonntag um 20 Uhr

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Sendung vom 25. April 2010 - 25/04/10

das Ritual: die türkische Beerdigung

Siir Eloglu ist Türkin und lebt in Berlin. Sie beschreibt uns den Ablauf einer türkischen Beerdigung in Deutschland.

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Vor kurzem verstarb meine Tante Meral. Weil unsere Familie schon seit über 40 Jahren in Köln lebt, wollten wir Meral in Deutschland beerdigen. Obwohl wir nicht sehr religiös sind, war es uns wichtig, sie nach muslimischem Ritual beizusetzen.

Ein Muslim darf aber nur in muslimisch geweihter Erde beerdigt werden. Und das ist in Deutschland gar nicht so einfach.

Türkische Bestattungsinstitute fliegen Verstorbene daher oft zur Beerdigung zurück in die Türkei. In Köln hat zum Glück einer der städtischen Friedhöfe einen muslimischen Teil, so konnten wir Meral hier beerdigen.

Dem Koran zufolge muss eine Bestattung innerhalb von 24 Stunden erfolgen. Das kommt daher, dass es in den meisten muslimischen Ländern sehr heiß ist.

In Deutschland können wir Muslime diesem Glaubensgebot nicht folgen, denn nach deutschem Recht darf man einen Toten erst nach 48 Stunden beerdigen, damit genügend Zeit bleibt, um alle Zweifel über die Todesursache auszuräumen. Also haben auch wir 48 Stunden gewartet.

Zuerst wurde der Leichnam in einem Raum in der Nähe der Moschee gewaschen. Die Frauen aus der Familie durften anwesend sein und die Tote mit Wasser begießen, während eine weibliche muslimische Geistliche, eine "Hodscha", Gebete sprach.

Danach wurde Meral in ein weißes Leichentuch gehüllt und in einen schlichten Sarg gelegt. Dieser wurde mit einem bestickten, grünen Tuch bedeckt: Grün ist die heilige Farbe des Islam. Danach wurde der Sarg im Hof der Moschee auf ein Podest gestellt.

Nach dem Gebet in der Moschee versammelte sich die Gemeinde im Hof, ein männlicher "Hodscha" sagte den Namen der Toten und die Anwesenden baten Gott, ihre Sünden zu vergeben. Anschließend wurde der Sarg zum Friedhof gefahren, wo wir uns mit dem "Hodscha" am offenen Grab versammelten. Die Frauen bedeckten ihren Kopf mit einem Tuch. Andere Kleidervorschriften gibt es nicht.

Nun wurde Meral in die Erde gelegt. Wie Sie vielleicht wissen, werden Muslime in einem Tuch bestattet.
Das ist konträr zu der in Deutschland herrschenden Sargpflicht. Manche Friedhöfe tolerieren zum Glück inzwischen Ausnahmen und verlangen lediglich, dass der Tote während des Transports von der Moschee bis zum Grab in einen Sarg gelegt wird. Die eigentliche Bestattung darf dann in einem Tuch erfolgen.

Nur dürfen die deutschen Totengräber den Leichnam und das Tuch aus hygienischen Gründen nicht anfassen. Deswegen legen ihn traditionellerweise männliche Familienmitglieder ins Grab. Meral wurde von ihren Brüdern aus dem Sarg gehoben, während zwei andere Verwandte über ein schmales Brett in das enge Grab stiegen, um sie dort entgegen zu nehmen.

Das ist eigentlich nicht erlaubt, denn das Grab könnte ja einstürzen, aber bei tiefen Gräbern bleibt einem gar keine andere Wahl, will man den Verstorbenen in einem Tuch pietätsvoll ins Grab legen. Eine Variante wäre, die Leiche sachte über ein schräggelegtes Brett nach unten gleiten zu lassen.

Bevor die Männer das Grab verließen, richteten sie Merals Gesicht nach Mekka aus. Dann wurden Holzbretter so über sie gelegt, dass eine Art Dach entstand, unter dem die Tote nun ruht. Während Verwandte und Totengräber das Grab zuschaufelten, sprach der "Hodscha" das Totengebet auf Arabisch.

Als das Grab zu war, schmückten wir es mit Kränzen und Blumen. Das ist zwar nicht besonders traditionell, aber eine Sitte, die wir uns von christlichen Beerdigungen abgeguckt haben, weil es so schön aussieht.

Erstellt: Thu Apr 22 10:29:13 CEST 2010
Letzte Änderung: Wed May 16 14:05:56 CEST 2012


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