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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

> Sendung vom 10. April 2011 > das Ritual: die Sonnenstrahlen

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Karambolage 234 - 10/04/11

das Ritual: die Sonnenstrahlen

Serkal Kus ist ein deutscher Drehbuchautor. Seine kurdischen Eltern aus der Türkei wohnen seit langem in Deutschland. Er erzählt uns nun von einem hübschen Ritual aus der Heimat seiner Eltern.

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Mein Name ist Serkal. Ich bin in Deutschland geboren. Meine Eltern sind Kurden aus der Türkei und kamen in den 60er Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland. Zur Zeit lebe ich in Hamburg.

Ich bin nicht religiös. Es gibt jedoch ein Ritual, das ich von meinen Großeltern in den kurdischen Bergen abgeguckt habe. Wenn die Sonne auf- oder unterging, wuschen sie sich ihr Gesicht mit den Sonnenstrahlen ab und sprachen Gebete auf kurdisch. Eins davon ging ungefähr so:

"Ya surra Olî Mihemed bimbarek!
Tu miletan xelaskî,
herkesî yardimkî,
derîkî jî zarê me re!"

"O Antlitz Ali Mohameds“ gesegnet seiest du!
Erlöse die Völker,
helfe allen Menschen
und öffne auch unseren Kindern eine Tür!

Dieses Sonnenritual vollziehe ich fast täglich. Na ja, täglich wäre übertrieben, wenn man mal alle Sonnentage in Deutschland zusammenrechnet.

Bei den Kurden ist die Sonne ebenso wie das Feuer etwas Heiliges. Man weiß jedoch nicht, ob dieser Kult von altiranischen Bräuchen stammt oder von der ältesten Religion der Kurden, dem Yezidentum. Das Feuer gilt als Symbol der Wahrheit und Reinheit. Die Sonne wiederum verkörpert das ewige Feuer am Himmel, den Widerschein des göttlichen Lichts.

Wie wichtig den Kurden noch heute die Sonne ist, erkennt man auch an ihrer Fahne, die es seit 1919 gibt und nun auch offiziell in der Autonomen Region Kurdistan-Irak anerkannt ist. Eine große, goldene Sonne ziert die Mitte auf drei horizontalen Streifen in rot, weiß und grün. Die Sonne hat 21 Strahlen, da diese Zahl bei den Yeziden heilig ist. Deshalb ist auch der 21.Tag im März heilig, an welchem alljährlich das kurdische Neujahrsfest mit riesigen Feuern zelebriert wird.

Bedingt durch meinen Alltag in Hamburg, verpasse ich den Sonnenaufgang leider meistens, aber den Sonnenuntergang erlebe ich oft beim Joggen. Und dann wasche auch ich mein Gesicht mit den Strahlen der Sonne ab. Es ist weniger ein Gebet im Sinne einer Anrede einer höheren Existenz, als vielmehr ein kurzer konzentrierter Moment der Bewusstwerdung, über die Dinge, auf die es ankommt. Oft denke ich dabei an meine Familie, meine Freunde und alle guten Menschen auf der Welt, die ich nicht kenne.

Ich bemerke oder bilde mir ein, dass die Leute um mich herum, die auf der Wiese am Alsterufer sitzen, sich wundern, warum ich mit dem Joggen aufhöre, meine Sonnenbrille abnehme und zur Sonne sehe. Deshalb gebe ich mir Mühe, es möglichst unauffällig zu tun. Wahrscheinlich denken sie, ich wische mir den Schweiß von der Stirn. Zugegeben, das tue ich dabei auch.

Erstellt: 08-04-11
Letzte Änderung: 16-05-12


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