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Ein Magazin von Claire Doutriaux

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Jeden Sonntag um 20 Uhr

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Sendung vom 30. Januar 2011 - 30/01/11

das Ritual: der Zapfenstreich

der Zapfenstreich


Elsa Clairon lädt uns nun ein, an einem sehr feierlichen Ritual der Bundeswehr teilzunehmen: dem Großen Zapfenstreich.

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Am 14. Juli, so will es die Tradition, paradieren alle französischen Armeebataillone vor dem Präsidenten und einem riesigen Publikum über die Pariser Champs Elysees.

So ein Umzug wäre undenkbar in Deutschland, wo die Armee sich seit dem Ende des zweiten Weltkrieges diskret verhält, hauptsächlich humanitäre Aufgaben erfüllt und von großen Aufmärschen absieht.

Mit einer Ausnahme: Der Große Zapfenstreich, ein Wort, auf das wir noch zurückkommen werden. 

Schauen wir uns einmal den Zapfenstreich vom 8. September 1994 an, der anläßlich des Abzugs der Alliierten aus Berlin nach der Wiedervereinigung abgehalten wurde.

Wir sind in Berlin, genauer gesagt auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor. Das Berliner Fernsehen, der SFB, überträgt die Zeremonie live. Der Zapfenstreich beginnt immer nach Einbruch der Dunkelheit und folgt einem unabänderlichen Ritual.

Als erstes nehmen die Fackelträger ihren Platz ein und bilden eine Absperrung um die Veranstaltung, die sogenannte Perlenkette.

Jetzt kommen die alliierten Truppen: Die Franzosen, die Amerikaner, die Briten und das deutsche Bataillon. Und hier Kanzler Kohl, umringt von den Vertretern der drei Alliierten. Alle haben jetzt ihre Plätze eingenommen, der Große Zapfenstreich kann beginnen. Die deutschen Truppen marschieren mit dem Yorckschen Marsch auf. Der Truppenoffizier meldet den Beginn des Zapfenstreiches.

Dann spielt das Bundeswehrorchester den von den Franzosen gewünschten Marsch "Le régiment de Sambre et Meuse", den der Amerikaner, "Stars and stripes" und dann den der Briten "Colonel Bogey", besser bekannt als der Ohrwurm aus dem Film "Die Brücke am Kwai".

Die Bundeswehr selbst hat sich zu diesem hohen Anlass "Nun danket alle Gott" ausgesucht. Die Zeremonie geht weiter, sie folgt einem feststehenden Ritual mit seinen Weisungen und Befehlen. Nach dem Befehl "Helm ab zum Gebet" spielt das Bundeswehrorchester das nächste Musikstück, auch dieses aus dem religösen Repertoire: "Ich bete an die Macht der Liebe." Und schließlich ertönt die deutsche Nationalhymne. So, die Zeremonie hat ungefähr 50 Minuten gedauert.

Der Große Zapfenstreich läuft immer gleich ab. Er wird ungefähr fünf mal im Jahr abgehalten, und dies immer zu einem wichtigen Anlass: Verabschiedung eines Bundespräsidenten, Kanzlerwechsel, usw… Der Zapfenstreich ist das höchste Zeremoniell der Bundeswehr. Seltsam nur, dass das Wort Zapfenstreich so gar nicht feierlich klingt. Zapfen kommt tatsächlich vom Bierzapfen. Und Streich, streichen bedeutet Schluss.

Der Ausdruck taucht 1596 zum ersten Mal auf: damals ist es ein Abendsignal durch einen Schlag auf den Zapfen. Mit diesem Zapfenschlag oder -streich ordnet der "Profo", ein Beamter der Miliärpolizei, die Nachtruhe an. Es darf kein Alkohol mehr ausgeschenkt werden, die Soldaten müssen zurück in die Zelte und  ruhig sein. Verstöße werden streng geahndet.

Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts nimmt auf Anregung Friedrich Wilhelms des III. der Große Zapfenstreich eine feierlichere Form an, mit dem Präsentieren des Gewehrs, dem Gebet und dem Militärchor. Und im Jahre 1838, zu Ehren von Zar Nikolaus dem I., wird er zum ersten Mal in der kodifizierten Form abgehalten, die der heutigen ähnelt. 1922 fügt man ihm die deutsche Nationalhymne hinzu.

Gut. Der Große Zapfenstreich ist in Deutschland umstritten: Schauen wir uns noch einmal die Aufnahmen aus Berlin an. Sicher, die militärischen Zeremonien aller Länder gleichen sich. In Deutschland beschwören Fackeln jedoch eine andere Epoche, andere Aufmärsche herauf.

Natürlich sind zahlreiche Zuschauer zur Zeremonie gekommen, aber hören Sie einmal genau hin! Im Hintergrund vernimmt man laute Protestrufe. Das sind Pazifisten und Antimilitaristen, die es schaffen, sich trotz der Absperrung Gehör zu verschaffen. Sie fordern die Abschaffung eines für sie unerträglichen militärischen Rituals. Sie sind nicht die einzigen. Auch SPD-Mitglieder nennen den Großen Zapfenstreich "vordemokratisch" und "nicht mehr zeitgemäß". Die Grünen und die PDS widerum haben versucht, wenigstens religiöse Elemente wie das Gebet abzuschaffen. Jedoch ohne Erfolg.


Text: Elsa Clairon
Bild: Claire Doutriaux & Nicolas Cappan


Erstellt: 28-01-11
Letzte Änderung: 15-02-11


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