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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

> Sendung vom 18. April 2010 > das Ritual: der Kabinettssitzungssaal

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Sendung vom 18. April 2010 - 18/04/10

das Ritual: der Kabinettssitzungssaal

Aufgepasst, Elsa Clairon wird nun mit uns das Kanzleramt und den Elyséepalast betreten, sind Sie bereit?

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Wir sind an einem Mittwochmorgen in Berlin und in Paris. Genauer gesagt im Kanzleramt und im Elyséepalast. In Paris findet heute der "Conseil des ministres" und in Berlin die Kabinettssitzung statt, beide also an einem Mittwochmorgen. In Berlin beginnt die Kabinettssitzung um 9 Uhr 30, im sechsten Stock des Kanzleramts, in diesem Saal.

Es ist die wöchentliche Sitzung, zu der die Kanzlerin die Regierung einberuft. Der Bundespräsident ist nicht dabei, da er keine exekutive Funktion hat.

In Paris wird der Ministerrat im Erdgeschoss des Elyséepalasts abgehalten, um zehn Uhr, in einem Saal mit Blick auf den Garten, dem Salon Murat. Der französische Staatspräsident sitzt ihm vor. Zur Erinnerung: In Frankreich verfügt der Präsident auch über exekutive Gewalt.

In Berlin treffen langsam die Wagen der Minister ein. Die Fahrer setzen die Minister vor dem Kanzleramt ab. In Paris werden um dieselbe Uhrzeit noch die letzten Vorbereitungen getroffen. Kurz vor halb zehn fährt ein einzelner Wagen vor: Der Premierminister wird sich vor der Sitzung eine halbe Stunde lang mit dem Präsidenten besprechen.

Kurz vor zehn fährt ein Wagen nach dem anderen feierlich im Hof vor. Einem unveränderten Ritual zufolge öffnet ein Amtsdiener die Wagentür, der Minister steigt aus und geht die Stufen zum Elyséepalast hinauf, während das Auto wieder aus dem Hof fährt.

Wenn alle Minister da sind, begibt sich Präsident Sarkozy durch die Halle des Elyséepalasts in den Salon Murat. Und blickt dabei auf einen herrlich leeren Hof. In Paris findet die Kabinettssitzung also im Salon Murat statt. Dieser wurde genau wie der ganze Elyséepalast Anfang des 18. Jahrhunderts erbaut. Ein typischer Empfangssalon, mit Kronleuchtern, vergoldeten Holzvertäfelungen und großen Wandgemälden.

Dieser Salon wird jede Woche eigens hergerichtet. Hier sehen Sie den Aufbau des Tisches. Die Platten ermöglichen es, die Tischgröße der Anzahl der geladenen Minister und Staatssekretäre anzupassen. Nach der Sitzung wird der Tisch wieder auseinandergenommen.

Der Sitzungssaal des Kabinetts im neuen Berliner Kanzleramt sieht natürlich ganz anders aus. Zur Erinnerung: Der Umzug von Bonn nach Berlin fand 2001 statt. Der Tisch ist nicht verstellbar und hat eine Platte aus Rotbuche.

Hier sitzt die Kanzlerin. Vor ihr, neben der Thermoskanne und den Getränken, die vor allen Regierungsmitgliedern stehen, eine Glocke. Sie wird nur alle vier Jahre benutzt, um eine neue Legislaturperiode zu eröffnen. Sollte Frau Merkel zusätzliche Unterlagen benötigen, kann sie einen Regierungsangestellten rufen, mit dieser Klingel hier.

In der Mitte des Tisches: eine Uhr mit vier Zifferblättern. Kanzler Adenauer soll sie in Bonn eingeführt haben, weil es ihn störte, dass seine Minister ständig auf die Uhr schauten. Man beachte, dass alle Stühle gleich groß sind. Nur der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl erfreute sich in Bonn eines höheren Stuhls, was der Pressedienst mit Kohls imposanter Statur erklärte.

An der Wand ein Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner, der Sonntag der Bergbauern, das Kanzler Helmut Schmidt für den Sitzungssaal des Kabinetts in Bonn gekauft hat. Durch die Fenster sieht man den Reichstag, den Sitz des Bundestags.

In Paris sieht der Saal anders aus, doch die Anordnung ist die gleiche. Hier sitzt der Präsident. Beachten Sie die etwas größere Schreibunterlage und den Löschstempel, den er beim Unterschreiben von Dokumenten braucht. Auch ihm steht eine Klingel zur Verfügung, allerdings hinter ihm, hinter einer Säule.

Während die Minister auf einfachen Stühlen Platz nehmen, sitzen der Präsident sowie der Premierminister auf Sesseln, deren Armlehnen man hier erkennen kann. In der Mitte des Tisches, eine Uhr. Während die Berliner Uhr vier Seiten hat, gibt es hier nur zwei: für den Präsidenten und den Premierminister, der ihm gegenüber sitzt.

Kleines Intermezzo: Während die Minister über Staatsangelegenheiten entscheiden, führen ihre Fahrer ein kurioses Ballett auf. Die Wagen, die vorhin verschwunden waren, parken in einer ausgeklügelten Choreographie erneut im Hof ein.

Gut, lassen wir die Fahrer und wenden wir uns ernsthafteren Dingen zu… In Paris sitzt dem Staatspräsidenten also der Premierminister gegenüber. Die Minister sitzen zu rechter und linker Hand des Präsidenten und des Premierministers, natürlich je nach Rang innerhalb der Regierung, die Minister mit den weniger wichtigen Posten teilen sich die Tischenden.

In Deutschland geht es etwas weniger hierarchisch zu. Sicher, neben der Kanzlerin sitzt der Vizekanzler, der gleichzeitig auch Außenminister ist, ihr gegenüber sitzen die drei Minister, die bei Entscheidungen der Kanzlerin ein Vetorecht haben: der Finanz-, der Innenminister und die Justizministerin. Die anderen Minister jedoch sind je nach dem Jahr der Gründung ihres Ministeriums in der Geschichte der Bundesrepublik platziert.

Hier ein Palast aus dem 18. Jahrhundert, da ein hochmodernes Kanzleramt. Die Stile spiegeln die Geschichte beider Länder wider, hier historische Kontinuität, da radikaler Bruch, Umzug und Verpflichtung zur Modernität. Beim Betrachten dieser Bilder fragt man sich unweigerlich, inwiefern die Gebäude und ihre Einrichtungen die Entscheidungen, die dort getroffen werden, beeinflussen. Doch das ist ein weites Feld…

Erstellt: 15-04-10
Letzte Änderung: 16-05-12


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