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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

> Sendung vom 22. Juli 2012 > das Ritual: der Henna-Abend

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Wiederholung - 22/07/12

das Ritual: der Henna-Abend

Seldag Schlossmacher ist Türkin und arbeitet als Journalistin in Berlin. Heute stellt sie uns einen der vielen türkischen Hochzeitsbräuche vor: den Henna-Abend.

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Ich bin Türkin und wohne in Berlin. Dort ernte ich manchmal auf der Straße oder in der U-Bahn ganz erstaunte Blicke von den Deutschen. Manchmal sind meine Handflächen nämlich orangerot gefärbt. Die Leute denken dann vermutlich, ich hätte die Handschuhe beim Haarefärben vergessen! Aber nein, ich war auf einem Henna-Abend! Auf türkisch: "kina gecesi".

Henna ist eine Pflanze, aus der man rote Farbe gewinnt. In allen möglichen Kulturen verwendet man Henna für die unterschiedlichsten Rituale. Man heilt Krankheiten, wendet Unglück damit ab, färbt Haare, bemalt Körper, Hände und Füße, usw. Und oft wird eine Braut damit für die Hochzeit geschmückt. Heiraten ist für uns Türken heilig. Der Volksglaube sagt, die Hennapflanze sei ein Baum, der im Paradies wachse, und das Hennapulver sei die Erde des Paradises. Also ist Henna auch heilig. Deshalb verwendet man es, wenn die Tochter das Haus ihres Vaters verläßt, um zu heiraten.

Der Henna-Abend ist der Abschied vom Junggesellendasein. Er ist reine Frauensache, aber in manchen Regionen wird auch der Bräutigam dazu geladen. Man feiert entweder zu Hause bei der Familie der Braut oder in einem kleinen Festsaal. Das Henna muss von der Familie des Bräutigams mitgebracht werden, während die Familie der Braut den Raum herrichtet und das Essen vorbereitet. Und dann kann die Feier beginnen. Tanzen, singen, essen. Ein Henna Abend ist ein bißchen traurig, ein bißchen fröhlich, aber hauptsächlich "sevap" - was soviel heißt wie heilig. Der Höhepunkt des Abends ist das Auftragen des Hennas. Das Hennapulver, das übrigens grün ist, wird mit Wasser zu einem festen Klumpen verarbeitet. Die Frau, die das Henna knetet, muss verheiratet sein, glücklich sein und ihre Eltern müssen noch leben, sonst wäre das kein gutes Omen. Der Hennaklumpen wird auf einem Silbertablett angerichtet, mit Kerzen dekoriert und feierlich zur Braut getragen. Die sitzt mitten im Raum und ist mit einem roten Seidentuch bedeckt.

Bis jetzt wurde fröhlich gefeiert. Nun versucht man, die Braut zum Weinen zu bringen. Sie wird mit Gesängen daran erinnert, dass sie ihr geliebtes Zuhause verlassen muss. Ob sie wirklich weint, oder etwa lacht, weil sie sich nämlich freut, das Elternhaus zu verlassen, kann man nicht erkennen. Sie sitzt ja unter dem Tuch. Nun ist die Schwiegermutter an der Reihe. Sie legt ein wertvolles Geschenk in die Hand der Braut, z.B. einen Ring, den sie mit etwas Henna bedeckt. Die Braut muß nun die Hand schließen. Dann wird ein Stück Stoff um die Hand geknotet, damit nichts verschmiert. Manchmal kommt Henna auch in beide Hände. Nach dieser Zeremonie werden wieder fröhlichere Lieder gesungen. Das restliche Henna wird an die anderen Frauen verteilt. Sie können es entweder mit nach Hause nehmen, oder ihre Handflächen damit färben. Dann geht das Fest weiter, bis in die Morgenstunden. Normalerweise muß die Braut das Henna die ganze Nacht über in der Hand behalten. Die ist dann so dunkel gefärbt, daß es Monate dauert, bis die Farbe wieder weg ist.

Manche Bräute schummeln daher und behalten es nur eine kurze Minute in der Hand. Das ist zwar nicht besonders traditionell, aber eigentlich ganz verständlich. Es ist nämlich gar nicht so einfach, monatelang die manchmal befremdeten, manchmal verächtlichen und im besten Fall neugierigen Blicke der Kollegen auszuhalten, wenn diese unsere orangeroten Handflächen entdecken.

Text: Seldag Schlossmacher
Bild: Dagmar Weiss


Erstellt: 09-07-12
Letzte Änderung: 19-07-12


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