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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Sendung vom 13. Februar 2011 - 13/02/11

das Ritual: der Hamam

Sondes Zouaghi ist Französin tunesischer Abstammung. Sie unterrichtet Marketing an einer Pariser Universität. Und heute Abend nimmt sie uns in einen Hamam mit. Kommen Sie.

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Unter den Ritualen, die wir Tunesier auch in Frankreich pflegen, gibt es eines, das wir ganz besonders genießen: der Besuch im Hamam. In Paris gibt es ungefähr zwanzig traditionnelle Hamams, aber ich gehe meistens in denselben – aus reiner Gewohnheit. Und zwar nachmittags, denn am Morgen sind üblicherweise die Männer dran. Jetzt muss ich Ihnen etwas sagen: in Frankreich gehen auch immer mehr Europäerinnen in den Hamam. Allerdings wissen sie oft gar nicht, wie das geht. Entweder sind sie zu prüde oder zu freizügig, sie finden das gesunde Mittelmaß einfach nicht. Ein Besuch im Hamam hat einen rituellen Ablauf, den wir von den Ottomanen übernommen haben, die Tunesien vom 15. bis zum 19. Jahrhundert besetzt hielten.

Wir gehen in den Hamam, um Körper und Geist zu reinigen. Das tun wir nicht etwa, weil wir kein Badezimmer haben, nein, manche von uns haben sogar mehrere, sondern weil wir die Vertrautheit dieser Momente schätzen. Ich gehe mit meiner Mutter, meinen Kusinen und Tanten, oder mit Freundinnen. Wir kommen mit großen Taschen oder Rollkoffern an, und sind fürchterlich aufgeregt vor Vorfreude. Sie sollten uns hören, wenn wir uns in der Umkleide ausziehen: Wir rufen uns zu, wir reden laut, wir lachen! In meiner Kultur lässt man seiner Freude nämlich freien Lauf, man darf sie nicht zurückhalten! Deshalb käme es auch niemandem in den Sinn, uns zur Ruhe zu ermahnen.

Wenn wir uns bis auf die Unterhose ausgezogen haben, gehen wir eine nach der anderen ins Dampfbad. Ein erster sehr warmer Raum, ein zweiter, viel heißerer Raum voller Dampfschwaden, und hier sind wir im dritten Raum, der am kleinsten und heißesten ist. In diesen Räumen zu sein, beruhigt uns, und wenn wir uns zum Schwitzen auf die Marmorplatten setzen, sprechen wir nicht mehr. Die Hitze und der Dampf sind so intensiv, dass das Atmen schwer fällt. Man sitzt nach vorne gebeugt und jede verfällt in eine Art Meditation. Diese innere Ruhe, zu der die Elemente uns zwingen, mag ich besonders. Währendessen öffnen sich die Poren der Haut und der Schweiß beginnt, Giftstoffe und abgestorbenen Hautzellen zu eliminieren. In Tunesien sind wir davon überzeugt, dass das Schwitzen vielen Krankheiten vorbeugt.

Wenn sich die Poren geöffnet haben, gehen wir eine nach der anderen in den mittleren Raum, der nicht ganz so heiß ist. Dort reibt uns die "harza", eine Peelingspezialistin, mit einem rauen Handschuh ab, den man "Késsa" nennt. Ich weiß nicht, warum alle "harzas" die Körperteile in derselben Reihenfolge abreiben, aber es ist so: der Rücken, die Rückseite der Beine, der Oberkörper, die Vorderseite der Beine, die Arme und schließlich das Gesicht und der Hals.  Beim Peeling werden abgestorbene Hautzellen abgerubbelt, die kleine Kügelchen unter dem Handschuh formen. Sehr beeindruckend! Keine Angst, das ist normal, das geht jedem so und bedeutet nicht, dass man schmutzig ist. Danach gehen wir in Einzelkabinen, zur Intimwäsche. Dort darf man die Unterhose ausziehen. Muss man die Kabine einmal verlassen, bedeckt man die Schamgegend mit einem Handschuh, einem Gefäß oder der Hand. Die Umgangsformen im Hamam dulden weder indiskrete Blicke noch provokante Posen. Schon in der Kindheit lernen wir diese Benimmregeln durch bloßes Abgucken.

Wenn die Haare gewaschen sind und das Bad beendet ist, bringt uns die "harza" "foutas", das sind Tücher aus Baumwolle. Darin eingewickelt gehen wir in den Ruhesaal und warten auf die anderen. Dabei trinken wir Tee und essen Kuchen und Obst. Wenn die Wirkung der Hitze nachläßt, wird der Körper leicht und der Geist ist wie in Watte eingepackt. Beim Gehen sind wir viel ruhiger als bei unserer Ankunft. Die anderen Frauen rufen uns "Sahas!" - Gesundheit! - zu und der Brauch will, dass wir mit "Yatik Saha!" antworten - Gesundheit für dich!

Erstellt: 10-02-11
Letzte Änderung: 20-07-12


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