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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

> Sendung vom 13. November 2011 > das Ritual: die Beschneidung

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Jeden Sonntag um 20 Uhr

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Karambolage 249 - 13/11/11

das Ritual: die Beschneidung

Tonguc Baykurt ist Türke aber er lebt seit langer Zeit in Deutschland. Er erzählt uns nun von einem der wichtigsten Momente seiner Kindheit, ein zugleich feierlicher und schmerzhafter Moment.

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Wie alle türkischen Jungen zwischen 3 und 12 hatte ich auch den Traum, einmal wie ein Feldmarschall auf einem weißen Pferd durch die Strassen zu reiten um mich dabei ausgiebig feiern zu lassen. Okay, es klingt ein bisschen verrückt, ist aber durchaus machbar. Es kostet nur eine Kleinigkeit, nämlich die Vorhaut.

Auf Türkisch heisst die Beschneidung "Sünnet" und der Mann, der sie durchführt, "Sünnetçi". Ich habe meine Beschneidung so lange wie möglich hinausgezögert, weil ich einfach zu große Angst vor dem Messer des "Sünnetçi" hatte. Aber als alle meine Freunde beschnitten wurden und hinterher damit prahlten "echte Männer" zu sein, wollte ich es auch.

Meine Mutter, zutiefst gerührt und überglücklich, eilte mit mir zu einer türkischen Boutique in Duisburg. Hier gab es neben Hochzeits- und Abendkleidern auch unzählige Beschneidungsuniformen. Ich wählte eine aus, probierte sie an und betrachtete mich im Spiegel. Ich steckte in einem weißen Anzug mit goldenen Knöpfen und Verzierungen. Weiße Lackschuhe, eine rote Glitzerkrone, eine rote Pelerine, eine rote Schärpe, auf der in funkelnden Lettern "Masallah!" stand: toi, toi, toi! Zum Schluss drückte der Verkäufer mir noch ein Zepter in die Hand.

Mitten in Duisburg war es für meine Eltern etwas schwierig, ein weißes Pferd aufzutreiben. Egal, der weiße Käfer von meinem Onkel tat es auch. Am Tag der Beschneidung kutschierte er mich und meine Freunde laut hupend durch die Stadt. Ich hatte meine Beschneidungsuniform an, steckte meinen Kopf durch das Dachfenster und winkte den Passanten zu. Die Leute waren perplex: Karneval? Mitten im Sommer?!

In Deutschland werden die Beschneidungen inzwischen in gemieteten Hallen gefeiert. Mit vielen Gästen, leckerem Essen und vollem Unterhaltungsprogramm, wie Hochzeiten. Wir feierten zuhause. Das Doppelbett meiner Eltern wurde ins Wohnzimmer geschoben und wie ein Thron mit Tüll und Girlanden geschmückt.

Als die Gäste da waren, las ein "Hodscha" aus dem Koran vor. Sünnet ist nämlich nicht nur ein traditionelles Familienfest, sondern auch ein religiöses Ritual. Obwohl die Beschneidung im Koran nicht ausdrücklich erwähnt wird, wird ein Junge erst dadurch ein vollwertiges Mitglied der muslimischen Gemeinde.

Nach dem gemeinsamen Gebet tauschte ich dann meine Uniform gegen ein langes weißes Nachthemd und begab mich in die Hände des Sünnetçi. Er puderte zuerst meinen Penis mit Talk, das sollte die ohnehin geringe Blutung stoppen und die Wunde desinfizieren. Anschließend gab er ihm eine Spritze, um die Stelle zu betäuben. Er nahm dann die über die Eichel stehende Vorhaut mit Zeigefinger und Daumen und trennte sie mit einem scharfen Messer ringförmig ab.

Bevor ich auch nur an Schmerz denken konnte, regnete es von der Decke Konfetti und um mich herum ging ein Feuerwerk los. Die Gäste klatschten und sangen "oldudabittimasallah, damad olur insallah" - Schon ist es passiert, toi, toi, toi! Hoffentlich wird er bald ein Bräutigam"

Normalerweise hebt man den kleinen Hautfetzen auf, um ihn später in der Nähe einer Moschee zu begraben. Das soll Glück bringen. Aber ehrlich gesagt, ich hatte in dem Moment andere Sorgen. Nachdem ich mit Watte bandagiert war, deckte mich mein Vater zu und reichte mir einen Pappbecher, den ich auf meinen frisch beschnittenen Penis stülpen sollte, um ihn vor dem Gewicht der Bettdecke zu schützen.

Die Feier nahm ihren Lauf, für die Gäste gab’s "Baklawa", "Börek" und süße Getränke, für mich viele Geld- und Goldgeschenke. Es wurde bis in den späten Abend hinein getanzt. Ich lächelte trotz der Schmerzen, weil ich fürchterlich stolz auf mich war.
Ich glaube, dies war einer der schönsten Tage meiner Kindheit.

Erstellt: 04-11-11
Letzte Änderung: 05-06-14


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