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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

> Sendung vom 07. September 2008 > das Gemälde: Goethe in der römischen Campagna von J.H.W. Tischbein

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Sendung vom 21. September 2008 - 21/09/08

das Gemälde: Goethe in der römischen Campagna von J.H.W. Tischbein

Jeanne Desto stellt uns heute ein deutsches Gemälde vor, dem man in Deutschland überall begegnet, das aber kaum ein Franzose kennt.

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Sehen Sie sich diese Bilder an: ein CD-Cover, ein Aufruf zum Energiesparen, eine Kampagne für den Ausbau des Frankfurter Flughafens, ein Vorschlag für eine Gegenkampagne zum Flughafenausbau, eine Werbung für Köstritzer Bier, eine andere für Licher Bier und dieser Siebdruck von Andy Warhol.

Sie haben es natürlich gesehen, alle benutzen das selbe Motiv, ein Gemälde, das in den Köpfen der Deutschen sehr präsent ist und in Frankreich praktisch unbekannt. Es ist ein sehr großes Gemälde. Zum einen seiner Größe wegen: 2m 06 auf 1 Meter 64, doch vor allem seines Motivs wegen, dem größten aller deutschsprachigen Dichter: Johann Wolfgang von Goethe. Das Bild Goethe in der römischen Campagna wurde 1787 in Rom von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein gemalt. Es hängt in der Geburtsstadt Goethes, in Frankfurt am Main, im Städelmuseum.

Kommen wir kurz auf seine Entstehungsgeschichte zurück. 1786 weilt Tischbein in Rom. Damals ist es gang und gäbe, daß die Maler sich vor Ort begeben, um die Renaissancemalerei sowie die römische Kunst der Antike zu studieren. Goethe ist damals schon ein sehr berühmter Schriftsteller: er hat einige große Werke veröffentlicht, Iphigenie auf Tauris, Torquato Tasso, und wohnt seit ein paar Jahren in Weimar, wo er am Hofe von Herzog Carl August politisch tätig wird. Goethe spürt, dass es Zeit ist, sich wieder seiner Kunst zu widmen. Er verwirklicht also einen Traum: eine Reise nach Italien. In Rom beherbergt ihn Tischbein, 1786. Hier ein hübsches Aquarell von Tischbein, eine Art Momentaufnahme: Goethe, von hinten, schaut aus dem Fenster auf die Straße von Rom. Doch Tischbein ist ehrgeizig: Er schlägt dem großen Dichter vor, ein lebensgroßes Porträt von ihm zu malen. Dazu schreibt Goethe in einem Brief an Charlotte von Stein: "Tischbein mahlt mich jetzo….Es gibt ein schönes Bild, nur zu gross für unsere Nordischen Wohnungen."

Schauen wir uns das große Bild einmal näher an: Goethe liegt in einer römischen Landschaft auf den Ruinen eines Obelisken. Er trägt einen weiten, weißen Reisemantel, und einen breitkrempigen Hut, einen Malerhut, der es Tischbein erlaubt, das Gesicht des Dichters zu umrahmen. Sein Blick weist in die Ferne. In die Zukunft? Oder vielmehr in die Vergangenheit, dargestellt durch die Ruinen, den Aquädukt, das korinthische Kapitell oder das Bas-Relief, eine Anspielung auf Iphigenie, seinen letzten Erfolg? Tischbein schreibt in einem Brief: "Ich habe sein Porträt angefangen, und werde es in Lebensgrösse machen, wie er auf den Ruinen sizet und über das Schicksal der Menschligen Wercke nachdencket". Die Farben dieser idealisierten Landschaft sind gedeckt, sogar die Vegetation, die das Gestein ein wenig zum Leben erweckt, ist in dunklem Grün. Alles ist ruhig, bedächtig, ohne überflüssige Effekte.

Es ist ein klassizistisches Werk, eine Rückkehr zu den klaren Formen der Antike. Ist es aber ein großes Bild? Sein sehr klassischer Aufbau kann gewisse Unstimmigkeiten nicht kaschieren: zum Beispiel spürt man Goethes Körpergewicht auf seinem rechtem Unterarm nicht, so wie er sich abstützt, müßte sich das auf seine Schulter auswirken, diese müßte daher etwas höher sein. Beachten Sie auch die unbequeme und daher unwahrscheinliche Lage der unteren Wade auf der Kante des Steinblocks. Und die zwei linken Schuhe, eine Ungenauigkeit des Malers, oder liegt es daran, daß es damals keine rechten und linken Schuhe gab? Die Fachleute streiten. Vor allem fällt einem jedoch auf, dass der linke Schenkel viel zu lang ist, sehen Sie's? Dieses pittoreske Detail veranlasste übrigens den Künstler John Radevitch zu dieser respektlosen Parodie: Goethe verstecke darunter in Wirklichkeit seine italienische Mätresse…

Trotz seiner Makel setzt sich das Gemälde durch. Seine gigantischen Ausmaße unterstreichen Goethes Genie. Wenn die Deutschen an Goethe denken, haben Sie meist Tischbeins Gemälde vor Augen. Ein anderes Porträt, vom älteren Goethe, von Joseph Karl Stieler, vervollständigt das Bild, das sich die Deutschen von ihrem großen Dichter machen. Der Porträtmaler Tischbein ist durch sein Motiv geadelt worden. Man nennt ihn übrigens oft den Goethe-Tischbein, um ihn von den anderen Mitgliedern der Tischbeindynastie zu unterscheiden.


Text: Elsa Clairon & Christian Henry & Émilie Daniel
Bild: Claire Doutriaux & Arnaud Lamborion & Claude Delafosse



das Gemälde: Goethe in der römischen Campagna von J.H.W. Tischbein finden Sie auf der DVD 6

Erstellt: 19-09-08
Letzte Änderung: 16-05-12


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