Die Bilder, die Sie sehen werden, haben sich tief ins Gedächtnis der Deutschen eingeprägt. Die Franzosen kennen sie nicht. Elsa Clairon lädt uns deshalb ein, sie gemeinsam anzuschauen: Es ist der 10. September 1964 und wir sind auf dem Bahnhof Köln-Deutz. "In Köln richteten sich unsere Kameras auf 2 Sonderzügen mit mehr als 1100 spanischen und portugiesischen Gastarbeitern." Ein Zug kommt also an.Wie jeden Tag bringt er einen Schub Männer ins deutsche Wirtschaftswunderland : Portugiesen und Spanier, die der Misere ihres Landes entkommen wollen und sich von deutschen Anwerbebüros haben einstellen lassen. In diesem Zug sind 1106 Gastarbeiter, davon 173 Portugiesen. Darunter dieser Mann, ein gewisser Armando Rodrigues de Sà. Ein achtundreissigjähriger Zimmermann. Als er auf den deutschen Bahnsteig tritt, erklingt aus den Lautsprechern mehrmals sein Name: Armando Rodrigues de Sà bekommt Angst. Bestimmt sind seine Papiere nicht in Ordnung und man wird ihn nach Portugal zurückschicken so wie die 24 anderen, die an der Grenze aussteigen mussten. Er will sich zuerst verstecken, doch seine Kameraden drängen ihn, sich zu erkennen zu geben. Der Pressechef der Bundesvereinigung deutscher Arbeitgeberverbände ist erleichtert! "Wir haben ihn!" ruft er laut!
Eine Dolmetscherin erklärt dem verängstigten Portugiesen schließlich, dass die deutschen Arbeitgeber den millionsten Gastarbeiter auf deutschem Boden würdigen wollen, und zwar ihn, Armando Rodrigues de Sà. Jetzt geht alles sehr schnell: aus den Lautsprechern dröhnt es "Viva Portugal! Viva Espana". Die Kölner Werkskapelle spielt portugiesische Weisen, ein Blitzlichtgewitter setzt ein, einige Portugiesen improvisieren einen einstudierten Tanz, die Kameras der Wochenschauen laufen auf Hochtouren, und alle möglichen hohen Tiere umringen lächelnd den Helden des Tages. Reden, Händeschütteln. Applaus. "Offenbar hat der Neuling noch nicht begriffen, dass er und seinesgleichen für den deutschen Wohlstand unentbehrlich geworden sind." Der millionste Gastarbeiter bekommt einen Blumenstrauß, eine Urkunde und ein Mofa, ein Mokick der Marke Zündapp "Sport Combinette". Journalisten beschreiben die berühmten Bilder für die Nachwelt: ein übernächtigter, unrasierter und verlegener Mann, der nach einer 48-stündigen Zugfahrt gar nicht weiß, wie ihm geschieht.

Den Mikros, den er gefälligst antworten soll, sagt er, dass dieser herzliche Empfang und das Moped die Trennung von seiner Familie leichter machen. Seine Frau und seine zwei Kinder möchte er übrigens so schnell wie möglich nach Deutschland holen. Es ist unschwer zu erkennen, dass Armando Rodrigues de Sà noch nicht recht verstanden hat, was das Wort Gastarbeiter eigentlich bedeutet.
Es bedeutet, dass ein Gastarbeiter ursprünglich nur zeitlich begrenzt eingeladen war und nach einigen Jahren wieder heimkehren sollte, so wie ein Gast, der nach einem guten Essen wieder nach Hause geht. Als die Kameras ihn noch im Bus nach Stuttgart filmen, wo er als Hilfsarbeiter auf dem Bau arbeiten wird, weiß er noch nicht, dass seine Familie nie nachkommen wird und dass er in 6 Jahren einen Arbeitsunfall erleiden wird, weswegen er verfrüht nach Portugal zurückkehren muss.
Er war der Millionste, doch insgesamt werden 5 Millionen 300 000 Männer in Deutschland nach Arbeit suchen , bis die Bundesregierung 1973 beschließt, keine Gastarbeiter mehr anzuwerben. Wieso? Weil in Deutschland, wie auch im übrigen Westeuropa, sich einerseits eine Rezession ankündigt, aber auch, weil die Deutschen plötzlich begreifen, dass die Gastarbeiter, anders als vorgesehen, überhaupt nicht vorhaben, das deutsche Eldorado zu verlassen. Wie sagte doch der große Schweizer Schriftsteller Max Frisch?: "Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen."







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