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Freitag, 23. Januar 2009 um 21.00 Uhr - 16/04/09

Voltaire und die Affäre Calas

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DIE GESCHICHTE

Toulouse, 13. Oktober 1761, 22 Uhr. Pierre Calas, Sohn des protestantischen Händlers Jean Calas, findet im Haus seiner Eltern den am Boden liegenden Leichnam seines Bruders Marc-Antoine. Es sind weder Zeichen von Unordnung noch eine sichtbare Wunde erkennbar, außer einer Spur am Hals, die auf Erdrosselung hindeutet.

In Toulouse, einer Hochburg von Fanatismus und religiöser Intoleranz, breitet sich wie ein Lauffeuer das Gerücht aus, es sei ein kalvinistischer Mord begangen worden. Der mit dem Fall beauftragte Stadtrichter David de Beaudrigue verdächtigt sofort Marc-Antoine Calas’ Eltern als Mörder. Zuerst sagen sie unter Eid aus, sie seien auf den ausgestreckten Leichnam ihres Sohnes gestoßen. Doch vom Ermittler in die Enge getrieben, widerrufen sie ihre Aussage: Sie hätten den Sohn am fraglichen Abend erhängt aufgefunden, ihn losgebunden und selbst auf den Boden gelegt, um den Selbstmord als Mord erscheinen zu lassen. Damit hätten sie ihm das Selbstmördern verwehrte christliche Begräbnis sichern wollen. Jean Calas wird mitsamt seiner Familie verhaftet. Die Lüge kehrt sich auf tragische Weise gegen die Calas-Familie. Nach Auffassung der Anklage ist Jean Calas ein überzeugter Protestant, der seinen Sohn ermordet hat, damit dieser nicht wie sein Bruder Pierre zum Katholizismus übertrete. Anschließend habe Calas einen Selbstmord vorgetäuscht, um den Mord zu vertuschen.

Die Affäre Calas wird vom Standpunkt Marie Corneilles aus aufgerollt und erzählt. Voltaire hat die Achtzehnjährige 1760 bei sich in Ferney aufgenommen und erzieht sie, da er sie für die Urenkelin des großen französischen Dramatikers Corneille hält. (In Wirklichkeit ist sie nur dessen sehr entfernte, völlig mittellose Nichte.) Der exzentrische, hochberühmte und geistsprühende Philosoph ist trotz seines fortgeschrittenen Alters voller Vitalität und übt nach wie vor eine große Verführungskraft aus. Die Intelligenz und Schlagfertigkeit der jungen Marie fasziniert den Frauenliebhaber.

Ganz plötzlich, von einer fremden Gewalt getrieben, setzt Voltaire Himmel und Erde in Bewegung, um die Geister wachzurütteln. Für ihn ist die Affäre Calas einer jener Augenblicke, in denen sich alles kristallisiert, was den Zorn des zeitgenössischen Frankreich rechtfertigt und das Land in die beste wie in die schlechteste Richtung führen kann. Er schleudert den Richtern entgegen: „Ihr seid den Menschen Rechenschaft schuldig für alles Menschenblut, das ihr vergießt!" Und er wagt es, dem Urteil der Öffentlichkeit ebenso viel Wert beizumessen wie dem Urteil der königlichen Justiz.

Er hat sich in den Kampf gestürzt, und nichts kann ihn mehr aufhalten. Er organisiert alles. Ferney wird eine regelrechte Informationszentrale, eine Zeitungsredaktion, ein Unruheherd, eine Schreibzentrale, von der jede Woche Hunderte von Briefen abgehen. „Ich schreibe, um zu handeln“, versichert Voltaire. Er verteidigt, klagt an, geißelt, argumentiert, analysiert und fordert seine Zeitgenossen auf, ihre Stimme gegen religiösen Fanatismus und Folter zu erheben.

Unter Pseudonym, doch für alle erkennbar, veröffentlicht er 1763 seine „Abhandlung über die Toleranz“ (Traité sur la tolérance: A l’occasion de la mort de Jean Calas“). Die Affäre wird ein aufsehenerregender Rechtsfall, der die Ungerechtigkeit der königlichen Justiz veranschaulicht. Das politische und intellektuelle Europa engagiert sich leidenschaftlich: Richter, Schriftsteller, die gebildete Öffentlichkeit, Genfer Pastoren – sie alle prangern die übereilte Sühnejustiz des Toulouser Gerichtshofs an, der sich der Intoleranz der Katholiken unterworfen hat. Der Fall dringt bis zu Ludwig XV. vor. Entgegen der Meinung seines Gefolges begreift der König, allerdings nicht sofort, dass er den Brand löschen muss.

Am 12. März 1765, nach Verwicklungen aller Art und trotz der Feindseligkeit des Toulouser Gerichtshofs, wird Jean Calas vor hundert Richtern in Versailles einstimmig rehabilitiert und seine Familie vom Königlichen Rat entschädigt. Der Stadtrichter David de Beaudrigue wird abgesetzt und begeht später Selbstmord.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Monarchie gesteht die königliche Justiz einen Fehler ein und versucht, ihn wieder gutzumachen.

April 1778 – Die Nachricht verbreitet sich. Voltaire ist in Paris, das er zwanzig Jahre lang nicht betreten durfte. „Der Mann der Calas … Calas, Calas“, schreit die Menge. Man will ihn berühren und umarmen. Mit Mühe steigt er in seine Kutsche. Er hat nur noch einen Monat zu leben.

Montag, 18. November 2013

13:50
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Voltaire und die Affäre Calas

Die Affäre Calas war nicht nur ein verheerender Justizskandal, sondern durch Voltaires beherztes Eingreifen ein Schritt hin zur Französischen Revolution. Seine Pflegetochter Marie macht den Philosophen Voltaire auf das schreiende Justizunrecht gegen den Hugenotten Calas aufmerksam, bis er schließlich öffentlich das Wort ergreift, kämpferisch und unaufhaltsam.

DETAILS

Montag, 18. November 2013 um 13.50 Uhr

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Voltaire und die Affäre Calas
(Schweiz, Frankreich, 2007, 93mn)
ARTE / SSR
Regie: Francis Reusser
Drehbuch: Alain Moreau
Kamera: Pierre Dupouey
Musik: Line Adam
Schnitt: Jean Reusser
Darsteller: Claude Rich, Barbara Schulz, François Germond, Pascale Rocard, Michel Voïta, Carlo Brandt
Ausstattung: Denis Seiglan
Produktion: Bel Ombre Films, PointProd SA, ARTE, France 2, SSR SRG
Ton: François Musy

Stereo 16:9 (Breitbildformat) Nativ HD

Die Affäre Calas war nicht nur ein verheerender Justizskandal, sondern durch Voltaires beherztes Eingreifen ein Schritt hin zur Französischen Revolution. Seine Pflegetochter Marie macht den Philosophen Voltaire auf das schreiende Justizunrecht gegen den Hugenotten Calas aufmerksam, bis er schließlich öffentlich das Wort ergreift, kämpferisch und unaufhaltsam.

13. Oktober 1761. Der Tuchhändler Jean Calas findet den toten Körper seines Sohnes Marc-Antoine - Selbstmord. Als sich herausstellt, dass die Familie Calas hugenottisch ist und sich das Gerücht entspinnt, dass Marc-Antoine zum Katholizismus konvertieren wollte, werden sie unverzüglich unter Mordverdacht festgenommen. Jean Calas anfängliche Lüge, die dem Sohn die entwürdigende Verscharrung als Selbstmörder ersparen sollte, wird ihm zum Verhängnis.
Selbst ein ärztliches Attest kann die Familie nicht retten - die katholische Justiz entscheidet für Tod durch den Strang - und Folter, falls das Geständnis des vermeintlichen Mordes nicht freiwillig erfolgt. Bis in den Tod beteuert Jean Calas verzweifelt seine Unschuld.
Voltaire, der die Gerichtsverhandlung aus der Ferne beobachtet hat, erfährt von der brutalen Folter und schließlich von der Hinrichtung Jean Calas'. Voll Entsetzen begreift er, dass er zu lange gewartet hat, einzuschreiten. Er schwört nun, Gerechtigkeit walten zu lassen und alle Hebel in Bewegung zu setzen, um zumindest Mutter und Sohn Calas vor dem Tod zu retten ...

Francis Reussers "Voltaire und die Affäre Calas" rollt die berühmte Justizgeschichte in ihrer erschütternden Dramatik auf und schildert eindringlich Voltaires epochemachendes Engagement. Seine religionskritische und moralphilosophische Kampfschrift "Traktat über die Toleranz anlässlich des Todes von Jean Calas" (1763) wurde in Folge eines der Grundwerke, auf die sich die Gegner des Ancien Régime am Vorabend der Französischen Revolution beriefen.
Francis Reusser drehte 1965 zusammen mit Michel Soutter seinen ersten Kurzfilm "Antonius und Cleopatra" und 1969 in Alleinregie seinen ersten Spielfilm "Vive la mort". Seither hat Reusser unter anderem bei "Ma nouvelle Héloïse" (2012), "Zermatt, in den Alpen bewegt sich was" (2007) und "Das große Fest am See" (2000) Regie geführt.
Claude Rich machte seine Darstellung des alten Voltaire zu einer glänzenden Probe seiner darstellerischen Brillanz. 1955 hatte er sein Filmdebüt in René Clairs "Das große Manöver". Darauf folgten zahlreiche Rollen als Liebhaber in Unterhaltungsfilmen wie in "Jagd auf Männer" (1964, Regie: Edouard Molinaro). François Truffaut besetzte ihn 1967 als Mordopfer Jeanne Moreaus in "Die Braut trug schwarz", Edouard Molinaro für den raffinierten Beau an der Seite Louis de Funès in "Oscar" (1967). Seinen internationalen Durchbruch hatte Claude Rich mit Filmen von Alain Resnais ("Je t'aime, je t'aime" (1968), "Stavisky" (1974). Sein Auftritt als Miraculix in "Asterix und Obelix: Mission Kleopatra" brachte ihn 2002 noch einmal in die Kinos. 2013 war er für eine Nebenrolle im französischen Film "Cherchez Hortense" für den César nominiert.
Barbara Schulz begann im Alter von 15 Jahren mit der Schauspielerei. Nach einigen Kurzfilmen und Werbeauftritten bekam sie 1993 ihre erste Filmrolle in "Coup de jeune" (Regie: Xavier Gélin). Nach einem Ausflug ins Theaterfach mit "Die Hexen von Salem" (1994), stand Barbara Schulz im Jahr darauf zusammen mit Meg Ryan und Kevin Kline in "French Kiss" vor der Kamera. 2008 spielt sie im Fernsehfilm "Seule" von Fabrice Cazeneuve. Barbara Schulz wurde 2001 mit dem Theaterpreis Molière für "Joyeuses Pâques" und mit dem Prix Suzanne Bianchetti für "Un aller simple" (Regie: Laurent Heynemann) ausgezeichnet. In Deutschland war sie 2012 in der US-amerikanischen Fernsehserie "Pan Am" zu sehen.


Erstellt: 04-09-08
Letzte Änderung: 16-04-09