Toulouse, 13. Oktober 1761, 22 Uhr. Pierre Calas, Sohn des protestantischen Händlers Jean Calas, findet im Haus seiner Eltern den am Boden liegenden Leichnam seines Bruders Marc-Antoine. Es sind weder Zeichen von Unordnung noch eine sichtbare Wunde erkennbar, außer einer Spur am Hals, die auf Erdrosselung hindeutet.
In Toulouse, einer Hochburg von Fanatismus und religiöser Intoleranz, breitet sich wie ein Lauffeuer das Gerücht aus, es sei ein kalvinistischer Mord begangen worden. Der mit dem Fall beauftragte Stadtrichter David de Beaudrigue verdächtigt sofort Marc-Antoine Calas’ Eltern als Mörder. Zuerst sagen sie unter Eid aus, sie seien auf den ausgestreckten Leichnam ihres Sohnes gestoßen. Doch vom Ermittler in die Enge getrieben, widerrufen sie ihre Aussage: Sie hätten den Sohn am fraglichen Abend erhängt aufgefunden, ihn losgebunden und selbst auf den Boden gelegt, um den Selbstmord als Mord erscheinen zu lassen. Damit hätten sie ihm das Selbstmördern verwehrte christliche Begräbnis sichern wollen. Jean Calas wird mitsamt seiner Familie verhaftet. Die Lüge kehrt sich auf tragische Weise gegen die Calas-Familie. Nach Auffassung der Anklage ist Jean Calas ein überzeugter Protestant, der seinen Sohn ermordet hat, damit dieser nicht wie sein Bruder Pierre zum Katholizismus übertrete. Anschließend habe Calas einen Selbstmord vorgetäuscht, um den Mord zu vertuschen.
Die Affäre Calas wird vom Standpunkt Marie Corneilles aus aufgerollt und erzählt. Voltaire hat die Achtzehnjährige 1760 bei sich in Ferney aufgenommen und erzieht sie, da er sie für die Urenkelin des großen französischen Dramatikers Corneille hält. (In Wirklichkeit ist sie nur dessen sehr entfernte, völlig mittellose Nichte.) Der exzentrische, hochberühmte und geistsprühende Philosoph ist trotz seines fortgeschrittenen Alters voller Vitalität und übt nach wie vor eine große Verführungskraft aus. Die Intelligenz und Schlagfertigkeit der jungen Marie fasziniert den Frauenliebhaber.
Ganz plötzlich, von einer fremden Gewalt getrieben, setzt Voltaire Himmel und Erde in Bewegung, um die Geister wachzurütteln. Für ihn ist die Affäre Calas einer jener Augenblicke, in denen sich alles kristallisiert, was den Zorn des zeitgenössischen Frankreich rechtfertigt und das Land in die beste wie in die schlechteste Richtung führen kann. Er schleudert den Richtern entgegen: „Ihr seid den Menschen Rechenschaft schuldig für alles Menschenblut, das ihr vergießt!" Und er wagt es, dem Urteil der Öffentlichkeit ebenso viel Wert beizumessen wie dem Urteil der königlichen Justiz.
Er hat sich in den Kampf gestürzt, und nichts kann ihn mehr aufhalten. Er organisiert alles. Ferney wird eine regelrechte Informationszentrale, eine Zeitungsredaktion, ein Unruheherd, eine Schreibzentrale, von der jede Woche Hunderte von Briefen abgehen. „Ich schreibe, um zu handeln“, versichert Voltaire. Er verteidigt, klagt an, geißelt, argumentiert, analysiert und fordert seine Zeitgenossen auf, ihre Stimme gegen religiösen Fanatismus und Folter zu erheben.
Unter Pseudonym, doch für alle erkennbar, veröffentlicht er 1763 seine „Abhandlung über die Toleranz“ (Traité sur la tolérance: A l’occasion de la mort de Jean Calas“). Die Affäre wird ein aufsehenerregender Rechtsfall, der die Ungerechtigkeit der königlichen Justiz veranschaulicht. Das politische und intellektuelle Europa engagiert sich leidenschaftlich: Richter, Schriftsteller, die gebildete Öffentlichkeit, Genfer Pastoren – sie alle prangern die übereilte Sühnejustiz des Toulouser Gerichtshofs an, der sich der Intoleranz der Katholiken unterworfen hat. Der Fall dringt bis zu Ludwig XV. vor. Entgegen der Meinung seines Gefolges begreift der König, allerdings nicht sofort, dass er den Brand löschen muss.
Am 12. März 1765, nach Verwicklungen aller Art und trotz der Feindseligkeit des Toulouser Gerichtshofs, wird Jean Calas vor hundert Richtern in Versailles einstimmig rehabilitiert und seine Familie vom Königlichen Rat entschädigt. Der Stadtrichter David de Beaudrigue wird abgesetzt und begeht später Selbstmord.
Zum ersten Mal in der Geschichte der Monarchie gesteht die königliche Justiz einen Fehler ein und versucht, ihn wieder gutzumachen.
April 1778 – Die Nachricht verbreitet sich. Voltaire ist in Paris, das er zwanzig Jahre lang nicht betreten durfte. „Der Mann der Calas … Calas, Calas“, schreit die Menge. Man will ihn berühren und umarmen. Mit Mühe steigt er in seine Kutsche. Er hat nur noch einen Monat zu leben.
Sonntag, 25. Januar 2009
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Voltaire und die Affäre CalasDie Affäre Calas war nicht nur ein verheerender Justizskandal, sondern durch Voltaires beherztes Eingreifen ein Schritt hin zur Französischen Revolution. |
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Sonntag, 25. Januar 2009 um 15.35 UhrWiederholungen:
Die Affäre Calas war nicht nur ein verheerender Justizskandal, sondern durch Voltaires beherztes Eingreifen ein Schritt hin zur Französischen Revolution. Seine Pflegetochter Marie macht den Philosophen Voltaire auf das schreiende Justizunrecht gegen den Hugenotten Calas aufmerksam, bis er schließlich öffentlich das Wort ergreift, kämpferisch und unaufhaltsam. 13. Oktober 1761. Der Tuchhändler Jean Calas findet den toten Körper seines Sohnes Marc-Antoine - Selbstmord. Als sich herausstellt, dass die Familie Calas hugenottisch ist und sich das Gerücht entspinnt, dass Marc-Antoine zum Katholizismus konvertieren wollte, werden sie unverzüglich unter Mordverdacht festgenommen. Jean Calas anfängliche Lüge, die dem Sohn die entwürdigende Verscharrung als Selbstmörder ersparen sollte, wird ihm zum Verhängnis. Françis Reussers "Voltaire und die Affäre Calas" rollt die berühmte Justizgeschichte in ihrer erschütternden Dramatik auf und schildert eindringlich Voltaires epochemachendes Engagement. Seine religionskritische und moralphilosophische Kampfschrift "Traktat über die Toleranz anlässlich des Todes von Jean Calas" (1763) wurde in Folge eines der Grundwerke, auf die sich die Gegner des Ancien Regime am Vorabend der Französischen Revolution beriefen. |
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