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2003.09.16 - 23.15 : tracks

Visions - Tokyo

Tokyo. Japans Metropole und Moloch. Mit gut 12 Millionen Einwohnern die grösste Stadt Japans und Magnet zahlloser Teenager. Auffallend sind die vielen exzentrisch gekleideten Jugendlichen. Nach 10 langen Schulstunden in Uniform ist der Drang, sich wenigstens in der Freizeit von der Masse abzuheben, in Japan so gross wie in keinem anderen Land. Outfits aller Art - je extremer, desto besser. Optisch finden sich hier alle Jugendkulturen der Welt. HipHopper, Punker und Rocker laufen durch die Strassen Tokyos. Das Styling kommt dem Westler bekannt vor, aber es ist hier nicht Ausdruck eines Lebensgefühls. Der japanische Rocker sieht wesentlich sauberer und durchgestylter aus als sein amerikanisches Vorbild.

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Die "Jingu" Brücke
Beliebter Wochenendtreffpunkt und Laufsteg für Japans Teenager ist die "Jingu" Brücke im Bezirk Harajuku. Rinka ist 15 Jahre alt und geht noch zur Schule. Ihr grösster Wunsch: durch ihr Styling aufzufallen und individuell auszusehen. Aus diesem Grund verwandelt sie sich am Wochenende in ein Lolita-Girl. Das Lolita-Styling ist zur Zeit sehr beliebt bei Japans Mädchen. Aussehen wie die eigene kleine Schwester, kindlich, kitschig, süss. Die Kleiderfarbe wird nach der Lieblingsband ausgerichtet. Ein bestimmtes Ziel verfolgen die Kids hier nicht. Hauptsache gemeinsam abhängen und die Zeit totschlagen. Auf der "Jingu" Brücke ist eine Menge los. Der Regen scheint hier niemanden zu stören. Die Kids schminken sich erst vor Ort, denn viele Eltern wissen nichts von den beiden Welten ihrer Kinder.

Der Comic Markt und Cosplay
Neben der Popmusik bietet der Comic Markt die beliebtesten Vorbilder für japanische Teenager. Die Comicmesse ist ein Dorado für Realitätsflüchtlinge aller Art. 500.000 Manga-Fans, oft gekleidet und geschminkt wie ihre gezeichneten Idole, strömen an diesem Wochenende her. Uniformen aller Art, auch Nazioutfits erfreuen sich grosser Beliebtheit. Natürlich nur, weil sie stylish aussehen. Hier will keiner durch Kleidung ein politisches Statement abgeben. Was zählt ist die perfekte Oberfläche.
Auch die Hitze schreckt niemanden ab. Auf dem Dach der Messehalle treffen sich bei über 35° Grad mehrere hundert Cosplayer. Cosplay ist die Abkürzung von Costume Play – Kostümspiel. Ein weit verbreitetes Hobby in Japan. Hier werden Comics nach gespielt. Die oberste Regel: seinem Manga Idol so ähnlich wie möglich zu sein. Extreme Fans unterziehen sich dafür sogar Gesichtsoperationen.
Der Kindchenschema-Manga-Look kommt auch bei den Männern gut an. Im Computerviertel Akihabara kommen sie auf ihre Kosten. Im Fünften Stock eines Videogeschäftes befindet ein Cosplay Café, von denen immer mehr entstehen. Hier dürfen nur Kellnerinnen im Manga-Kostüm servieren. Die Röcke sind knapp und die Augen gross geschminkt. Der Wunsch nach Originalität geht hier total verloren. Cosplay wird zur Uniform.

Kritiklose Fluchten
Für Europäer sind die kritiklosen Fluchten der japanischen Jugendlichen in Rollen aller Art gewöhnungsbedürftig. Der enorme Schulstress, das rigide Leistungssystem, das keinerlei Eskapaden duldet trägt sicher zum Eskapismus der Jugend bei. TV-Produzentin Reina Endo hat jahrelang in Amerika gelebt. Durch ihren Auslandsaufenthalt hat die 30jährige Japanerin einen distanzierteren Blick auf ihre Gesellschaft gewonnen. Sie hat eine weitere Erklärung für das Phänomen.

Reina: "Ich glaube unsere Subkulturen sind hier so extrem, weil unser Land friedlich ist. Wir haben hier keine Revolutionen oder so. Alle sind mit ihrem Leben recht zu frieden und dadurch ist es auch irgendwie langweilig. Dann überlegt man sich was könnte ich machen, wogegen könnte ich sein, wie könnte ich mich verwirklichen. Dann macht man Dinge wie Cosplay oder es werden uns fremde Kulturen wie HipHop kopiert. Da die Japaner aber sehr sonderbar und präzise sind in dem was sie machen, werden auch die Subkulturen hier extremer als die Originale."

HipHop "Made in Tokyo"
Auch HipHop ist extrem hübsch in Japan. Frisch gebügelte Baggy Hosen und T-Shirts in XXL . HipHop Musik "Made in Tokyo" begeistert immer mehr Heranwachsende. Schliesslich muss man die passende Musik zum Styling hören. Das hat der Gründer des Modelabels "A Bathing Ape" früh erkannt. Er schuf das Plattenlabel zur Klamotte. "Ape Sound" produziert japanische HipHop Musik. In Kagurazaka, einem eher traditionellem Bezirk im Zentrum von Tokyo sitzt die Redaktion vom "Samurai" - einer HipHop Zeitschrift. Monatlich kommt das Blatt mit einer Auflage von 250.000 heraus. Zeitschriften und Magazine sind für japanische Jugendliche wie eine Bibel, geben den Lifestyle vor. Lange Texte sucht man in den katalogähnlichen Heften vergeblich, dafür gibt es Mode- und Shoppingtipps. Was muss man tragen? Mode ist für die meisten Japaner wichtiger als Musik und andere Trends. Herausgeberin Yumiko Miyazaki stört das nicht.

Der Bezirk Shibuja hat die höchste Plattenladen-Dichte Tokyos. Im "Yellow Pop" arbeitet DJ Shigeki. Obwohl Shigeki seit 10 Jahren HipHop Musik auflegt und sich äusserlich wie ein amerikanischer Rapper gibt, kann er sich innerlich nicht mit den Amerikanern identifizieren. Gewalt und Armut kennt er nur aus dem Fernsehen. Respekt und Hierarchiedenken sind japanische Eigenschaften, die man nicht einfach so ablegen kann.

Visual Bands
Selbst im Gothic Rock ist das Aussehen wichtiger als die Musik. "Living Dead" bringen im Herbst ihr zweites Album heraus und sind eine der vielen so genannte "Visual Bands" in Tokyo. Merkmal der "Visual Bands": die männlichen Musiker sehen aus wie Frauen, tragen extreme Frisuren, Make-up und Kostüme. Ob Gothic oder Rock - nicht die Musik sondern das Styling sorgt hier für die Kategorie. Das Outfit gibt Selbstbewusstsein, auch bei Rockern wie "Living Dead".

Das Rollenspiel ist den Japanern traditionell nicht fremd. Der Geisha Kult ist bis heute gross und auch im Alltag verbirgt der Japaner seine Gedanken und Gefühle sorgfältig hinter einer höflichen Maske. In der japanischen Sprache wird die Ich-Perspektive auf den Gesprächspartner angepasst. Zu einem Kind spricht man in anderer Ich-Form als zu einem alten Menschen. Zudem ist die japanische Gesellschaft sehr abgeschottet, was der Westen an Rollen anbietet, wird nicht hinterfragt, sondern perfektioniert.

Reina: "Sie müssen für nichts kämpfen, denn ihre Eltern geben ihnen alles und daher sind sie zufrieden mit ihrem Leben. Sie müssen sich keine Gedanken über Identität machen. Da Japan nun mal eine Insel ist, kommen auch nicht mit anderen Kulturen in Kontakt und brauchen sich auch keine Gedanken machen über „Was ist japanisch und wie soll ich leben“. Aber jemand wie ich, der auch im Ausland gelebt hat, stellt sich die Frage: Wer bin ich? Japanerin oder doch Amerikanerin. Aber die Kids hier sind wie in einem Gewächshaus gross geworden. Es gibt also keinen Anlass für sie, sich mit ihrer Identität auseinander zu setzen."

Wer keine Identität hat, sucht die Verkleidung. Vielleicht ist das die Erklärung für das exzessive Rollenspiel in Japan. Aber vielleicht sind die Jugendlichen auch einfach nur unvoreingenommener, als wir es gewohnt sind. Sicher ist, dass sie damit jede Menge Spass haben.
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Links
>> Maid Caffee - http://www.lammtarra.com/
>> Comic Market - http://www.comiket.co.jp/
>> Samurai: HipHop/Fashion Magazin - http://www.samurai-mag.com
>> Yellow Pop: Record Shop - http://www.yellowpop.jp


>> Cosplay Kostüme online kaufen - http://www.freyagushi.com/
>> Weitere Links (Seite auf französisch) - http://www.poupee-rose.net/galeries/egl/
>> Cosplay - http://eternity8.sempai.org/anime/cosplay.php

>> Die japanische Visual Rock Szene - http://www.germanrock.de/navigation/stil/visual.htm
>> Definition, Links - http://www.knowlex.org/lexikon/VK.html
>> Fashion, drugs and freeters - Japanische Momentaufnahmen von Kazuhiko Yatabe - http://archives.arte-tv.com/societe/japan2000/dtext/daten1.htm
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TRACKS
Eine Reportage von Schyda Vasseghi
Donnerstag, den 16. September 2004 um 23.15 Uhr
Wiederhol. am Samstag, den 17. September um 17.45 Uhr
Redaktion: RB, Kobalt
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Erstellt: 14-09-04
Letzte Änderung: 15-09-04