Woran kann man waschechte linke oder grüne Politiker erkennen, insbesondere altgediente 68-er? Weil sie anstelle eines dicken Dienstwagens ein Fahrrad haben? Weil sie bio oder grob gestrickte Pullover tragen? Kurz an ihrer bescheidenen und ausgesprochen volksnahen Lebensweise? So hätten es manche Zeitgenossen gerne. Aber die Zeiten haben sich geändert.In Frankreich sowie in Deutschland haben sich Look und Lebenstil vieler Linker schon lange verändert, was ihnen unweigerlich Spott und Argwohn einträgt: In Deutschland werden sie als Mitglieder der sogenannten Toskana-Fraktion gebrandmarkt, in Frankreich nennt man diese Spezies "gauche caviar" - die Kaviar–Linke. Der Begriff "gauche caviar" wurde bereits im Lexikon Petit Larousse abgesegnet und der linke Journalist und heutige Chef der Zeitung Libération Laurent Joffrin hat ihr sogar ein Buch gewidmet: Die Geschichte der "gauche caviar". Tatsächlich wurde die nette Bezeichnung nicht im rechten Lager erfunden, sondern ganz links, als die Linke mit François Mitterrand in den 80er Jahren an die Macht kam.
Denn die ehemaligen Klassenkämpfer gewöhnten sich so schnell an die Vorzüge der Macht, dass sie sich bald als "falsche" Linke, Salon-Revolutionäre und scheinheilige Opportunisten beschimpfen lassen mussten. wie Joffrin schreibt : "eine heuchlerische, ungenierte Clique, die das Volk liebt, sich allerdings davor hütet sein Schicksal zu teilen." Für das rechte Lager war die Gauche-Caviar–Schelte ein gefundenes Fressen.Man wirft diesen seltsamen Vögeln nicht etwa vor, täglich Caviar aus silbernen Schüsseln zu löffeln, sondern man geißelt Moralapostel, die ihren lautstark proklamierten Prinzipien im privaten Leben nicht treu bleiben. Der typische Kaviar-Linke pendelt zwischen seiner Pariser Wohnung und seiner Villa in der Normandie, kauft seine Lebensmittel im Edelfeinkostladen Grande Epicerie du Bon Marché ein und seine Kinder spielen im Sandkasten des noblen Jardin du Luxembourg und besuchen später die umliegenden Eliteschulen.
Zu den prominentesten Figuren der "gauche caviar" gehören der sonnengebräunte Ex-Minister Jack Lang, Ex-Premierminister Laurent Fabius , ein typischer "grand bourgeois", der versucht, sich bei den kleinen Leuten anzubiedern, aber auch Künstler und Stars wie Juliette Gréco oder Emmanuelle Béart sowie der schöne Philosoph im weitaufgeknöpften weissen Hemd Bernard-Henry Lévy.
Auch in Deutschland kamen Spott und Schelte über angeblich falsche Linke zunächst aus dem ganz linken Lager. erfanden Hardliner die sogenannte Toskana-Fraktion. Warum kritisierte man da gewisse Genossen? In der linken Szene fiel unangenehm auf, dass Politiker, die in ihren wilden Jugendjahren mit "Ho-Ho-Ho-tschi-min"-Rufen und Barrikadenbauen die Bürger schreckten, nach dem langen Marsch durch die Institutionen Zigarren rauchen, Anzüge und Seidenkravatten von Armani tragen und überhaupt viel Hang zu italienischer Lebensfreude zeigen.Denn natürlich verbringen sie ihren Sommerurlaub Jahr für Jahr in ihren tollen Villen in der Toskana, wo sie dann mit anderen ehemaligen Hausbesetzern bei Chianti, Carpaccio und Pecorino über die schreckliche Spiessigkeit der Latzhosenträger lästern. Wer gehört zur Toskana-Fraktion? Ohne jeden Zweifel der vom ehemaligen RAF-Anwalt zum SPD-Innenminister avancierte Otto Schily, der heute in der Nähe von Sienna ein Landgut mit Olivenhainen bewirtschaftet, oder der grüne Übervater Joschka Fischer, der den Sprung von den Strassenbarrikaden ins Aussenministerium geschafft hatte.
Aber auch die Grünen-Chefin Claudia Roth, Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder usw., usw. Ob Toskana-Fraktion, gauche-caviar, Toskana-caviar oder caviar-Fraktion, es gilt das gleiche in beiden Ländern: Keiner will dazu gehören, aber gerade, diejenigen, die am heftigsten bestreiten ihr anzugehören, sind ihre schillerndsten Vertreter.







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