
Stars: 5
Ein Film von Isabel Coixet
(SP, 2009, 109 Min.)
Drehbuch: Isabel Coixet
Mit: Rinko Kikuchi (Ryu), Sergi López (David), Min Tanaka (Erzähler), Manabu Oshio (Yoshi)

Kritik: Sophia Coppola zeigte in „Lost in Translation“ (2003) eine zugegeben ziemlich oberflächliche Ansicht von Tokio. Denn sie tat das mit einer Perspektive, die die Stadt scheinbar hauptsächlich von einem Hotelzimmer aus im Grand Hyatt beobachtet hat. Die Strassen und Menschen von Shinjuku umgab eine exotische Aura, weil Coppola im Film nicht das Reich der Zeichen entschlüsseln, sprich lesen konnte. Ganz anders gelingt das aber Isabel Coixet. Auch sie zeigt zunächst die üblichen stereotypen Ansichten von Tokio: Fischmarkt, Tokyo Tower, Stadtansichten in Vogelperspektive, neonglitzernde Love Hotels. Gerade letztere sind allzu oft Gegenstand westlicher Neugier. Und auch die beiden Protagonisten Ryu und David suchen immer wieder ein Love Hotel mit französischen Zimmern auf und einem Nachbau eines Pariser Metrowaggons.
Das mag abgeschmackt wirken und nur zu gut dem westlichen Bild von Japan entsprechen. Wer aber längere Zeit in Tokio verbracht hat, wie-, diese Hyperrealität deckungsgleich ist mit eigentlichen Realität des japanischen Alltags. Coixet hat kein verklärtes Bild von Japan, sie zeigt bestechend es aus der Sicht der Einheimischen: wahrhaftig. Ihr gelingt es, tiefer einzutauchen und aus einer japanischen Fühlweise heraus zu erzählen. Hinzu kommt ihre weibliche Sicht von Sexualität. Isabel Coixet betonte deswegen in der Pressekonferenz in Cannes und sagte: „Als Regisseur lässt Du nicht Deine Personalität zu Hause. Und ich bin nun mal eine Frau.“
Man sieht die Liebe der Regisseurin zu Tokio, zur Stadt und ihren Bewohnern, wenn sie versucht, die subtile Gestik in den Gesichtern zu vermitteln oder den Respekt, den man sich im Alltag entgegenbringt. Das ist die große Leistung dieses Dramas. Sicher könnte man nun der Geschichte Unglaubwürdigkeit vorwerfen und ihr vorhalten, dass eine Killerin bestimmt nicht auf dem Fischmarkt arbeiten würde. In „Map Of The Sounds Of Tokyo“ geht es aber letztlich um Stimmungen und Atmosphäre und um die Fantasie.
Denn Isabel Coixet ist eine feine wie genaue Beobachterin und lässt die Stadt sich in Details offenbaren. Sie zeigt (und lässt den Zuschauer das distinktive Geräusch hören), wie die nassen Stiefel der Arbeiter auf dem nassen Boden der Fischmarkthalle quietschen. Tokio wird durch Sounds sozusagen kartografiert und mit Geräuschen aus verschiedenen Bezirken sowie charakteristischen Eigenheiten der japanischen Lebensart dokumentiert: das harte Klackern, wenn Tunfisch zerhackt wird oder das charakteristische Schlürfen, wenn jemand seine Nudelsuppe in sich hinein schlotzt. Dazu gesellt sich ein zauberhafter Soundtrack aus Jazz und Bossa Nova, vermengt mit Geräusche von Tieren, die gar nicht auf der Bildebene zu sehen sind.
Coixet zeigt die Verzweiflung des Assistenten des Vaters, wie er unermüdliche aber umsonst versucht, das getrocknete Blut im Bad der toten Tochter vom Spiegel abzuwischen. Er setzt sich auf den Klodeckel um zu heulen - aber nicht ohne vorher das Geräusch von Wasserrauschen am Klo aktiviert zu haben, um anderen seinen Gefühlsausbruch nicht zuzumuten. Das ist sehr Japanisch gedacht, aber in dieser Gesellschaft geht es nun eben zuerst einmal um das Wohl der Gemeinschaft und nicht die eigenen Bedürfnisse. Andererseits kann der Vater den Selbstmord seiner Tochter nicht akzeptieren und schiebt die Schuld dafür einer Person zu, die ihr am nahsten war. Es soll der spanische Freund des Mädchens gewesen sein, der sie nicht genug geliebt haben soll. Diese Tragik schneidet ein weiteres Thema an: das Problem einer Gesellschaft, in der die Kinder die Kontrolle und dem Druck durch die Eltern nicht mehr standhalten können oder wollen. Es gibt kein Happy End. Darum ging es aber bei der Begegnung von Ryu und David nie, die nur für den Augenblick stattfand.
Verena Dauerer







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