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05/07/11

Michel Boujut - Blow up: Begegnung

Mit der Sendung „Cinéma Cinémas“ begann Anfang der 80er Jahre in Frankreich die Ära der Kinokritik im Fernsehen. Michel Boujut, Mitgründer der legendären Show für Filmliebhaber, erinnert sich….





Das Geheimnis hinter der Tür

Cinéma Cinémas“ war keine Sammlung trockener Filmrezensionen, sondern ein Fahrtenbuch aus Glanzpapier, ein offener Brief, eine Flaschenpost, die wir ins Meer warfen und von der wir hofften, dass sie jemand finden und ansehen würde. Sie enthielt viel Fantastik und viel Melancholie – jene Stoffe, aus dem die Kinobilder sind. Schon im Vorspann luden Franz Waxmans Musik aus George Stevens‘ Melodram „Ein Platz an der Sonne“ und Guy Peellaerts piktorale Nacherzählung der Filmgeschichte in imaginäre Welten ein.


Wir machten weder Informationsjournalismus noch pädagogische Dokumentationen oder gefällige Interviews, sondern Porträts und Essays. Aufbau und Charakter der Beiträge waren stets auf die verschiedenen Themen abgestimmt und sollten den Eindruck eines dynamischen Geschehens vermitteln. Aufkeinen Fall wollten wir im Dienst der Filmindustrie stehen oder Plattform für Promotion und Studio-Geplauder sein. Wir vertraten eine gewisse Vorstellung von Glamour.

Cinéma Cinémas“ war eine Sendung von Egoisten für Egoisten, eine Sendung amateurhafter Filmliebhaber, die sich nicht dem publikumsorientierten Diskurs der offiziellen Kinokritik unterwerfen wollten.
Sie bestand ausFragmenten und Bruchstücken fein aufeinander abgestimmter Inhalte. Eine kontrastreiche Themenvielfalt sollte verhindern, dass die Sendung monoton und eintönig würde.

EinMann läuft einen Flur hinunter, eine Tür nach der anderen aufreißend: die Eröffnungsszene mit Eddie Constantine stammt aus Godards Film Alphaville. Zehn Jahre lang, von 1982 bis 1992, begab sich „Cinéma Cinémas“ jeden Monat auf die Suche nach unseren Kinoträumen – nach dem Geheimnis hinter der Tür…




Ich erinnere mich…(à la George Pérec):


1. … an Charlotte Gainsbourg, die ich mit dem Auto bei ihrer Mutter Jane Birkin abholte, um sie zu „zähmen“ – sie war damals 16 Jahre alt, hatte eine Fistelstimme und lähmende Angst davor, vor der Kamera über sich selbst zu sprechen. In einem Zugabteil am Bahnsteig des Gare du Nord offenbarte sie sich wie ein junges Mädchen aus einem englischen Roman: ganz vorsichtig.





2. … an die Polizisten von der Wache an der Pariser Place Maubert, die ich mit Michel Pamart zu ihren Lieblingsfilmen befragte. Die überraschenden Antworten gingen von Charles Bronson bis Jean Eustache, von Sylvester Stallone zu Federico Fellini. Die wenigsten mochten Kriminalfilme.



3. … an Juliette Binoche (zur Zeit von Die Nacht ist jung) in einem großen, leeren Raum mit blau verkleideten Fenstern. Sie beantwortete keine einzige meiner Fragen und betrachtete leicht ironisch, wie ich mich abstrampelte. Zuerst wollten wir das ganze Band vernichten – schließlich sendeten wir einen dreiminütigen Ausschnitt unter dem Titel „Juliettes Schweigen – eine Interview-Katastrophe“.



4. An ein Mittagessen im Fouquet’s mit Orson Welles und einer Horde Kritiker. Flankiert von unseren Kolleginnen France Roche und Yvonne Baby antwortete er gut gelaunt, mit einem kindlichen Funkeln im Blick und dem Lachen eines gutmütigen Riesen. An jenem Tag war uns der Donnergott wohlgesonnen!





5. … an Robert De Niro, der seinen Film promoten wollte und kaum etwas sagte. Claude Ventura kam auf die Idee zu einem Zwischenschnitt mit einer Aufnahme, die wir im Anschluss filmten und in der ein bissiger Hund nach dem Hosenaufschlag des großen Bob schnappt. So wurde aus einem klassischen Interview ein possenhafter Sketch.


6. … an die Witwe des Stahlarbeiters Lamberto Maggiorani (dem Darsteller aus „Fahrraddiebe“), die in ihrem Haus in Rom erzählte, wie der Film ihrem verstorbenen Mann Glück und Unglück zugleich gebracht hatte. Und dass dieser, entgegen allen Versprechungen von Regisseur Vittorio de Sica, danach keine einzige Rolle mehr bekam. Dieser erschütternde Augenblick war einer der schönsten in der Geschichte der Sendung. Er stammt von dem inzwischen verschiedenen Regisseur Gérard Follin.

7. … an den „Lettre de cinéaste“ von Alain Cavalier während seiner Vorbereitungen zu „Thérèse“. Damals wusste er noch nicht, ob er sein Projekt je verwirklichen würde. Sein Beitrag klang wie das Vorwort zu einem noch nicht ganz ausgereiften Film und kündigte bereits seine späteren Arbeiten an, bis hin zu dem Wunderwerk „Irène“. Schon damals sprach und filmte er gleichzeitig.





8. … an Jean-Luc Godard, der uns in Rolle eine spontane Lektion in Zeitlupentechnik erteilte, indem er Kubricks „Full Metal Jacket“mit einem kubanischen Dokumentarfilm von Santiago Alvarez verglich. Der erste Film machte politisch wie filmtechnisch alles falsch. Der zweite machte alles richtig… Wir besuchten JLG im Winter, und auf seine Aufforderung hin tauschten wir unser Schuhwerk an der Tür gegen die bereitgestellten Filzpantoffeln.



9. … an Jane Russell, die auf Philippe Garniers Frage (die Ventura ihm zugeflüstert hatte), warum die Büstenhaltermarke Playtex sie um einen Werbeauftritt gebeten habe, entsetzt wieherte: „Are you kidding“?





10. … an Serge Gainsbourg, dessen „Lettre de cinéaste“ von 1982 mit einem Blick auf die Fassade der Pariser Dreifaltigkeitskirche beginnt. Seine Stimme aus dem Off: „Meine Mutter war eine Heilige…“ Seither höre ich diesen Satz auf jedem meiner Spaziergänge durch das Viertel.




Ich erinnere mich auchan Patrick Modiano in dem kleinen Supermarkt in der Rue de Sèvres, der an die Stelle des alten Pax-Kinos seiner Kindheit getreten war; an Louise Brooks im Jacumba Hotel, an Cassavetes, Capra, Kaurismäki und Sue Lyon – an all jene, die unsere Kinofantasien prägten. „Cinéma Cinémas“ hatte sehr viel mit Fantasie zu tun.


Michel Boujut






























































Erstellt: 17-11-10
Letzte Änderung: 05-07-11