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Buch- und KrimiWelt

Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

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Krimiautoren A-Z - 11/02/09

Westlake, Donald E.

alias Richard Stark
alias Tucker Coe
alias John B. Allan
alias Curt Clark
alias Timothy J. Culver
alias Morgan J. Cunningham
alias Judson Jack Carmichael

Der 1933 in New York City geborene Autor ist einer der produktivsten, witzigsten und vielseitigsten Krimiautoren der USA. Er liebt es, Figuren und Serien unter jeweils eigenen Pseudonymen zu schreiben, auch erotische Literatur gehört zu seinem Repertoire. Berühmt hat ihn vor allem seine Serienfigur Parker gemacht. Dieser ultrarationalistische, utilitaristische Individualist ist eine der klassischen Verbrecherfiguren der Weltliteratur, begeistert gelobt von so unterschiedlichen Autoren wie John Banville, Michael Ondaatje, Stephen King und Ed McBain. Seit 1970 schreibt er an einer der ersten komischen Verbrecherserien um den Dieb John Archibald Dortmunder. „Bestechen die hardboiled-Romane um Parker durch ihre düstere Atmosphäre, zeichnet sich die Dortmunder-Serie durch Ironie, Humor und Persiflage aus.“ (JC. Schmidt, Kaliber 38)
Leider ist immer noch nur ein Teil des umfangreichen Werks von Westlake ins Deutsche übersetzt. Westlake erhielt 1993 die höchste Auszeichnung der Mystery Writers of America, den Grandmaster Award. Westlake starb am Silvesterabend 2008 in Mexiko.

Rezension zu: Keiner rennt für immer

Wem „Fragen Sie den Papagei“ von Richard Stark alias Don Westlake gut gefallen hat, der wird auch „Keiner rennt für immer“ lieben. Dieser neue Band des im Dezember 2008 verstorbenen Autors ist nicht die Fortsetzung, sondern die Vorgeschichte des vom Start weg hochgelobten „Papagei“-Werkes. Hier wird erzählt, warum Parker am Ende durch die Wälder rennen muss, gehetzt von Spürhunden und ohne Beute aus dem Geldtransporter - Überfall. Irgendwie ist in der Planung von vornherein der Wurm drin. Eigentlich sollte ja nichts schief gehen. Zwei Banken in der amerikanischen Provinz fusionieren. Die, die geschluckt wird, schließt die Filiale und schickt ihr Geld dem Aufkäufer. Man braucht nur noch herausfinden, wann sich der Konvoi mit den Kröten in Bewegung setzt und den an einer günstigen Stelle überfallen. Aber wie Parker schon ahnt, nichts ist einfach, wenn dabei gröbere Emotionen mitspielen. Der Tipp kommt nämlich von der frustrierten, daueralkoholisierten Ehefrau des schnöseligen Bankiers, und Parker hasst nichts mehr Amateure. Leider macht auch noch ein Kopfgeldjäger die Gegend unsicher. Er sucht auf Honorarbasis einen Spion, den Parker eliminieren musste, weil der sich verkabelt in eine Runde hochkarätiger Ganoven eingeschlichen hatte. Das ist übrigens die hässliche Eingangsszene, die auf den mehr als lakonischen Stil Starks einstimmt und den Leser wider Willen zum Verbündeten der moralfreien Hauptfigur macht. Glücklich, wer „Fragen Sie den Papagei“ noch nicht gelesen hat, denn dem steht ein wunderbares, zweibändiges Lesevergnügen bevor.

Ingeborg Sperl/Standard, Februar 2009



Gestalten wir unseren Job? Oder gestaltet der Job uns? Richard Starks Serie um den Bankräuber Parker kann man als beharrlich wiederholte Antwort auf diese Frage lesen. Stark - das erfolgreichste der vielen Pseudonyme des zu Neujahr verstorbenen US-Autors Donald E. Westlake - zeigt uns einen Mann, der ganz und gar von den Sachzwängen seiner Arbeit geprägt wird. Parker, Spezialist für Überfälle auf Banken, Werttransporte, Juweliere, mag irgendwann einmal eine halbwegs freie Entscheidung für diese Art des Lebensunterhalts gefällt haben. Seitdem aber ist er unfrei. In seinem Leben regiert eine Logik, deren Flussdiagramme von keinerlei moralischen Skrupeln beeinflusst werden.

Für Parker gibt es zwei Ziele. 1.) Er will das Geld. 2.) Er will nicht geschnappt werden. Ziel 2 rangiert dabei immer höher als Ziel 1, weil man ohne Geld in Freiheit einen neuen Versuch zur Geldbeschaffung unternehmen kann, während man als inhaftierter Eigner irgendwo vergrabener Beute peinsam eingeschränkt ist.
Aus diesen beiden Regeln kann und muss Parker alle weiteren Entscheidungen ableiten. Er ist nicht unnötig gewalttätig, weil das Aufmerksamkeit erregt und den Fahndungsdruck erhöht. Aber er wird die Drohung von Gewalt und Gewalt bis hin zum Mord einsetzen, wenn das seinen Zielen dienlicher ist als Gewaltlosigkeit. Vor allem bei der Absicherung von Priorität 2 ist Parker zu allem bereit.

„Keiner rennt für immer” zeigt, wie Eskalationen des Handelns bei Parker nichts mit Adrenalinschüben zu tun haben. Der Mann bleibt ein nüchterner Rechner. Bestimmte Freundlichkeit - nun ja, vielleicht auch nur: Höflichkeit - und kühle Scheußlichkeit scheinen ihm gleichwertige Werkzeuge zu sein: spezielle Schraubendreher für spezielle Schraubenköpfe.

Nur feiert Stark eben nicht die Souveränität des Outlaws ab. Er zeigt den Berufskriminellen nicht als düsteren Helden der Autarkie, als Mann, der jenseits der Gesetze die Selbstbestimmtheit gefunden hat. Gesetzlos kann man Parker nur in Bezug auf die Paragraphen des Strafrechts nennen. Die Gesetze der Opportunität, die Ursache-Wirkungs-Ketten kriminellen Handelns spannen Parker ein wie Schraubstockbacken. Die Coolness des Profis wird im Fortgang jeden Parker-Romans als die Kühle des Roboters entlarvt. Parker kann, solange er arbeitet, gar nicht anders, als ein Programm abzuarbeiten. Er gibt trotz seiner Kontrollentziehungskompetenz und seines Abgetauchtseins in eine Schattenzone falscher Papiere, trügerischer Sozialmimikry und mörderischer Handlungsoptionen das Musterbild eines Sklaven der Verhältnisse ab.

Stark alias Westlake war ein Großmeister der Schule „Kein Wort zuviel”. Aber zur Prägnanz des Fransenlosen, zur Drohung, dass die klaren, einfachen Worte eine Welt klarer Entscheidungen und schlichter Werte (Geld & Bewegungsfreiheit zwecks Genuss des Geldes) - adäquat beschreiben, kommen bei Stark Souveränität in der Handhabung der Subtexte und ein Gespür für Suggestion.

In „Keiner rennt für immer” nimmt Parker eine Kleinstadtbank in Massachusetts ins Visier. Das ist typisch für die Malaise, mit der er in den späten Romanen der Serie zurecht kommen muss. Moderne Sicherungs- und Fahndungsmethoden machen einen überlegt agierenden Kriminellen wie ihn, der trotzdem noch vor Ort mit der Waffe in der Hand arbeitet, zum Anachronismus. Talente wie er agieren längst vom Computer aus als Wirtschaftskriminelle. Aus der Not vieler Krimiautoren - der reale gesellschaftliche Wandel macht einen lieb und lukrativ gewordenen literarischen Entwurf weitgehend untauglich - hat Stark eine Tugend entwickelt. Der Vollprofi Parker, einst ein Raubtier weit oben auf der Fressrangliste, ist zwar immer noch Profi, aber er hat sich fast zum Aasfresser herabentwickelt.

Selbst die kleine Provinzbank, um die es nun geht, wäre normalerweise kein lohnendes Ziel mehr für Parker. Am Schalter gibt es zu wenig zu holen, als dass ein 30-Sekunden-Blitzüberfall das Risiko lohnen würde, und ein zeitaufwendiger Angriff auf die gut gesicherten Tresore käme im Zeitalter der raschen Hubschrauberüberwachung aller Ausfallstraßen der Selbsteinweisung in den Knast gleich. Parker kann das Ding nur wagen, weil a) eine Ausnahmesituation vorliegt, weil im Zug einer lokalen Bankenfusion alle Wertpapiere, Geldreserven und Unterlagen von einem sicheren Ort an den anderen transportiert werden müssen, und weil b) unzufriedene Menschen vor Ort Insiderinformationen liefern und Komplizenschaft anbieten.

Hier kommt nun doch ein moralisches Element ins Spiel. Die vermeintlich anständige, heile, regelkonforme, eng verknüpfte Gesellschaft der Kleinstadt ist durch einen Außenseiter wie Parker angreifbar, weil sie sich heimlich bitter uneins ist und keineswegs zu den eigenen Werten steht. Gier, Frustration, Verbitterung, Verzweiflung führen dazu, dass jemand nachts ans Tor schleicht, den Riegel zurückzieht und die Diebe ins Haus lässt, im mehr oder weniger korrekten Kalkül, der Schaden an der Gemeinschaft werde einen Vorteil für das verräterische Individuum bringen. Parker erscheint wie ein Instrument göttlicher Gerechtigkeit, das Einigkeit und Aufrichtigkeit erprobt und der zwieträchtigen, heuchlerischen Gemeinschaft prompt ihre Bestrafung zukommen lässt.

Aber Richard Stark treibt diese Würgengel-des-Herrn-Beleuchtung Parkers (und damit die Umdeutung unseres Vergnügens am Asozialen in Sehnsucht nach höherer Gerechtigkeit) nie zu weit. Zum einen erinnert er beständig daran, dass Parker nicht aus moralischen Erwägungen handelt, sondern aus purem Opportunismus. Ob er die Fiesen oder die Anständigen schröpft, ist für ihn nur eine Frage von Zugang und Fluchtweg. Zum anderen raubt Stark seinem Protagonisten die Macht und Stärke, die wir von einem Schwert der Gerechtigkeit erwarten.

Just im Moment, in dem er Parker schwächt, fängt er - so ein Fuchs war Westlake/Stark - eine Schwäche des Romans auf. Schon zu Anfang macht er uns ja klar, dass zu den Kernkompetenzen von Parker die Auswahl der Komplizen, die Verteilung der Aufgaben, die Fähigkeit zum Planungsabbruch gehören. Aber nachdem wir gelernt haben, dass Parker nur überlebt, wenn er oft genug Nein sagt, wenn er fischige Partner und Projekte ablehnt, wenn er Wunschdenken und Risikokalkulation auseinander halten kann, erleben wir Parkers Verstöße gegen die eigenen Grundsätze. In „Keiner rennt für immer” tauchen so viele zusätzliche Unsicherheitsfaktoren auf, dass Parker die Überfallplanung auf den Bankumzugskonvoi abbrechen müsste.

Dass er trotzdem weitermacht, könnte man als Inkonsequenz von Stark tadeln: der Autor blende Parkers Profiregeln aus, weil er sonst nur einen halben Roman erzählen könne. Mir scheint das jedoch eine sehr bewusste Inkonsequenz zu sein, mit der Stark die Überlebtheit seines Helden deutlich macht. Parker weiß, wie man ein Ding richtig durchzieht. Aber die Umstände werden nie mehr danach sein, dass er im Einklang mit seinen professionellen Instinkten, Sensoren und Maßstäben handeln kann. Parker tut noch cool, aber er muss sich mittlerweile auf uncoole Projekte einlassen, wenn er überhaupt noch etwas verdienen will. Er ist also von seinem Beruf zuerst zur nüchternen Kosten-Nutzen-Kalkulationsmaschine verbogen worden, und nun wird er weiter verkrümmt, zum Verweigerer der eigenen Erkenntnisse. Damit hätte Richard Stark eine letzte Utopie - irgendwann kann Parker sich von der eisigen Berechnung wieder lösen - so nebenbei erledigt. Parker löst sich von der Berechnung, aber das bringt ihm keine Befreiung ins Menschliche, nur die gesteigerte Havariechance für die Überfallmaschine.

Thomas Klingenmaier/filmblog.stuttgarter-zeitung.de, Februar 2009


Rezension zu: Fragen Sie den Papagei

Seine Spezialität sind bewaffnete Überfälle. Auf Banken, Geldtransporter, Juweliere, Lohnbüros oder Casinos. Meist geht dabei etwas schief. Und er muss sehen, wie er am Leben bleibt. Wenn nötig, kann er dann auch Menschen töten. Mit Waffen. Oder seinen bloßen Händen. Er ist Parker. Einen Vornamen hat er nicht.

Seit 1962 ist Parker als konsequent dunkler Held in 24 Romanen aufgetreten. Der New Yorker Donald E. Westlake, heute 75, hat sie unter dem Pseudonym Richard Stark geschrieben. Weil Parker im Erstling „The Hunter“ bereits 18 Jahre als Dieb arbeitet, müsste er heute mindestens 80 sein. Aber Parker altert nicht. Parker ist inzwischen eine mythische Figur.

Als Profi-Gangster bewegt er sich in einer amoralischen Welt, in der jeder nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist. Ständig drohen Verrat und Betrug. Als klassischer Outsider hat er keine Freunde, aber jede Menge Feinde. Die Polizei jagt ihn ebenso wie die Mafia. Diese Randexistenz beschreibt Westlake in einer sparsamen, direkten Sprache. Seine Dialoge können süchtig machen.

Einmal droht ihm ein Geschäftsmann: „Wir finden Sie.“ Und Parker antwortet: „Finden und Umbringen ist nicht das Gleiche.“ Ein andermal soll ihn ein Abgesandter der Mafia einschüchtern. Er ist nicht erfreut und zückt seine Waffe. „Ich bin doch nur der Bote!“, schreit der Mafioso. „Jetzt bist du auch die Nachricht“, entgegnet Parker und drückt ab.

Es ist nicht besonders verwunderlich, dass Parker prominente Verehrer hat. So unterschiedliche Schriftsteller wie Michael Ondaatje, Stephen King und Elmore Leonard gehören zu seinen grössten Fans. Selbst wer Parker nicht gelesen hat, kennt ihn. Aus dem Kino: Dort haben ihn Lee Marvin („Point Blank“), Robert Duvall („The Outfit“) und Mel Gibson („Payback“) gespielt.

Jetzt ist seit langem wieder ein Parker-Roman auf Deutsch erschienen. „Fragen Sie den Papagei“ (2006) ist der 23. Parker. Der Verlag will damit Parkers Wiederentdeckung einleiten.
Der neue Krimi knüpft unmittelbar an den Vorgänger „Nobody Runs Forever“ an. Dort hatten Parker und seine Komplizen eine Bank um 2,2 Millionen Dollar erleichtert. Sie mussten aber flüchten und zuvor die Beute in einer verlassenen Kirche verstecken.

„Fragen Sie den Papagei“ beginnt nun mit Parker auf der Flucht vor den Polizeihunden. Da sieht ihn Tom Lindahl. Der erkennt sofort die Situation – und die Chance, den Profi Parker für seine Rachepläne einzuspannen. Lindahl wurde bei der Rennbahn entlassen und will nun die dortigen Wetteinsätze klauen.

Lindahl nimmt Parker mit in das heruntergekommene Kaff Pooley, wo er in einer umgebauten Garage lebt. Seine Frau hat ihn verlassen, jetzt hat er nur noch einen Papagei, der nicht spricht.
Parker willigt in den Überfall ein, weil er untertauchen muss und dringend Geld braucht. Doch in Pooley verkomplizieren sich die Dinge schlagartig durch Parkers Anwesenheit.

Immer mehr Leute wollen sich an ihn dranhängen, Parker entweder verhaften, umbringen oder ihm seine Beute abnehmen. Doch die Amateure überschätzen sich gewaltig. Und dann durchlöchern zwei Polizisten einen Mitbürger mit elf Kugeln.

Auch wenn „Fragen Sie den Papagei“ nicht an die grossen frühen Parker-Romane der Sechzigerjahre herankommt, spürt man doch auch hier ständig die Verführungskraft. Parker ist cool wie immer. Die reduzierte Prosa sitzt wie angegossen. Und es gibt keine faulen Kompromisse.

Denn Westlake neigt nicht zu Sentimentalitäten. Deshalb stiehlt sein Parker nicht etwa, weil er eine schwere Kindheit hatte oder weil er seiner gelähmten Oma eine Operation bezahlen will. Parker ist ein Verbrecher, das ist sein Beruf. Ende der Durchsage.

Richard Stark
Fragen Sie den Papagei
Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren
Zsolnay-Verlag, PB, 256 S., 16,90 €

Das hält den Autor aber nicht von literarischen Kunststückchen ab, die man in keinen anderen Krimis findet. So erzählt Westlake hier ein Kapitel aus der Sicht des Papageis. Allerdings eines, das der nicht überlebt. Das Überleben bleibt eben Parkers Spezialität.

Sven Boedecker/Sonntagszeitung, August 2008


Die wichtigsten Links:

Homepage des Autors ENG
Kurzbiographie und Bibliographie D, registrierungspflichtig
Interview mit Westlake 1990 34 min ENG
Autorensite des Zsolnayverlags D
Donald E. Westlake über Richard Stark ENG
Rezension T. Wörtches zu „Der Freisteller“ 1998

Erstellt: 25-07-08
Letzte Änderung: 11-02-09


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