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30/10/09

Krautrock

Einst Provokateure, heute Musikavantgarde. Ob Can!, die frühen Kraftwerk oder Neu - nach fast 40 Jahren ist der Sound der westdeutschen Krautrock-Revoluzzer wieder angesagter denn je. Gerade erscheinen fast alle Kraut-Klassiker in Neuauflage. Und auch die aktuelle Musikergeneration entdeckt den Sound made in Germany für sich: Tracks auf Spurensuche in London, Brighton und Forst.

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Der Sound, für den die englische Musikpresse einst den Begriff Krautrock erfand, entsteht im West-Deutschland der späten 60er. Inspiriert vom politischen Geschehen, grenzen sich junge deutsche Bands von den anglo-amerikanischen Vorbildern ab. Und finden dabei zum ersten Mal in der Popgeschichte ihren eigenen Sound.

Mit Motorik-Beat und Frickel-Gitarren wollen auch Neu! aus Düsseldorf musikalische Grenzen einreißen. Mittendrin: Michael Rother.

„Die 68er Unruhen. Der Vietnamkrieg. All diese Ereignisse haben das Denken geprägt und haben auch dazu geführt, in meinem Fall, dass irgendwann der Wunsch nach dem Ausdruck einer eigenen Identität in der Musik stark wurde“. In einem umgebauten Ziegenstall an der Weser entstanden in den frühen 70ern alle Alben seiner Band Harmonia. Selbst Brian Eno war hier in Forst schon zu Besuch. Michael Rother bastelt hier noch heute an seinen Soloalben. Noch immer liebt er den minimalistischen Sound von damals. Michael Rother: „Der Wunsch nach einer eigenen musikalischen Handschrift hatte zur Folge, dass man erst einmal den ganzen musikalischen Ballast oder alle Strukturen, mit dem man groß geworden war, hinter sich lassen musste. Das heißt, ich habe irgendwann mal aufgehört, Gitarrensoli zu spielen. Ich habe keine Harmoniefolgen mehr spielen wollen. Das heißt, es blieb ein ganz minimales musikalisches Grundkonzept. Ein Ton, ein Rhythmus, eine Idee.“

Und der Sound aus dem Land der Autobahnen findet fast 40 Jahre später mehr und mehr Anhänger - vor allem bei den jungen Briten. Der Londoner DJ und Produzent Riton ist eigentlich für seine harten Elektro-Beats bekannt. Vor einigen Jahren entdeckte er seine Liebe zum Krautrock und veröffentlichte 2008 sein Album „Eine Kleine Nachtmusik“. Gerade arbeitet er mit 2ManyDJs an dem Projekt „Die Verboten“. Um seinen Sound authentischer klingen zu lassen, produzierte Riton auf Effektgeräten von damals. Schließlich hat er eine Mission : „Ich wollte den Leuten ein bisschen über diese Musik erzählen, denn ich denke, sie wurde bisher oft übersehen. Besonders von den jungen Typen, die Techno und Minimal mögen. Ich denke da gibt es viele Gemeinsamkeiten, viele ähnliche Ideen. Es gibt da eine wichtige Verbindung, auch, weil diese Musik aus Deutschland kommt.“

Mit seiner Faszination für Krautrock ist er nicht allein. Auf dem Sampler "Brand Neu!" verneigen sich so unterschiedliche Krautrock-Sympathisanten wie Oasis oder LCD Soundsystem vor Rothers Band. Auch sie sind auf dem Neu-Tribute Album vertreten: Fujiya and Miyagi aus Brighton. Ihr Song „Knickerbocker“ wurde selbst in Deutschland zum Indie-Hit. Unüberhörbar: der typische Can-Beat. Und der hat es ihnen schon seit ihrer Schulzeit angetan. David Best, Fujiya and Miyagi: „Für mich war das einfach die Erkenntnis, dass es noch andere als die herkömmliche Musik gibt. Dass ein Song nicht aus Strophe, Refrain, Strophe, Überleitung, Refrain bestehen muss. Dass ein Song auch aus einem Akkord bestehen kann. Sie stehen für mich für ein ganz anderes Songwriting.“

Tortoise aus Chicago brechen schon seit Anfang der 90er erfolgreich mit klassischen Songstrukturen. Auch auf ihrem neunten Album experimentiert die Band um John McEntire wieder im Geist von Can und Co. Ohne Gesang, dafür aber mit zwei Drummern erinnern auch ihre Live-Shows eher an Jam-Sessions aus den 70ern als an herkömmliche Indie-Konzerte.

Gegen gesellschaftliche Regeln müssen die Krautrock Bands nicht mehr kämpfen. Trotzdem ist der Sound der alten Generation heute gefragter denn je. Und den interpretiert die junge Generation mit einem unpolitisch frischen Blick von außen.
David Best: „Sie haben zwar den Krieg verloren, aber die Krautrock-Schlacht haben sie gewonnen!“

Links

Alben

Lightbulbs
von Fujiya et Miyagi
bei Tirk Recordings

Brand Neu! (compilation)
mit Ciccone Youth, Primal Scream, Oasis, Foals,
Kasabian. Cornelius, Holy Fuck, LCD Soundsystem,
School Of Seven Bells, La Dusseldorf, Michael
Rother, Fujiya & Miyagi...
Label : Feral Electronics

Video

Fujiya et Miyagi - Knickerbocker


Bücher


  • Krautrocksampler
    Julian Cope
    Editions de l’Eclat, 2008

    Dieses Buch ist ein Muss für jeden Liebhaber des „Krautrocks“.
    Der Autor selbst ist Musiker, er spielte unter anderem in der Band „Teardrop Explodes“, später begann er eine Solo-Karriere. Sein Buch versteht er als „One head’s guide to the Große Kosmische Musik“. Er legt mit „Krautrocksampler“ eine sehr gelungene Aufarbeitung der Krautrockgeschichte vor. So beginnt er das Buch mit einem Abriss über die Entstehungsgeschichte der deutschen Musikszene der 70er Jahre, und geht dann dezidiert auf verschiedene Bands wie Tangerine Dream,Can, Amon Düül etc. ein. Im Anhang stellt Cope noch seine persönliche Top 50 des „Krautrock“ dar, besonders interessant sind die farbig abgedruckten Cover. Die subjektive Auswahl kann sicher kritisch gesehen werden, allerdings hat Cope unbestritten mit diesem Buch das Revival des „Krautrocks“ Mitte der 90er Jahre ausgelöst. Alles in allem ist es eine sehr gute Minihistorie der deutschen Nachkriegsmusik, erschienen in Deutsch und in Französisch, die bei einem Preis von 15€ unbedingt in die Bibliothek eines Krautrockfans gehört. Das englische Original ist leider vergriffen und wird nur noch vereinzelt zu Preisen von über 200€ angeboten.

  • Meine 40 Jahre in der deutschen Rockmusik
    Jean-Jacques Kravetz
    Palmyra Verlag, 2008

    Musik ist Leidenschaft und Berufung für ihn: Seit mehr als 40 Jahren steht Jean-Jaques Kravetz als Keyboarder, Komponist und Produzent zahlreichen deutschen Musikstars zu Seite. Geboren in Paris, spielte er zunächst für Michel Polnareff, 1967 dann kam er nach Deutschland. Zu seinem 60. Geburtstag erscheint seine Autobiografie, die sehr persönlich und stets unterhaltsam die bewegte Geschichte des Musikers erzählt. Eine Besonderheit des Buches sind die von Udo Lindenberg exklusiv gemalten farbigen „Likörelle“, die sehr zum Unterhaltungswert des Buches beitragen. Marius Müller-Westernhagen schreibt über das Buch: „Die Erinnerungen von Jean-Jaques Kravetz sind voller Zärtlichkeit, Respekt, Menschenliebe und gespickt mit jeder Menge Humor. Es ist gut, dass auch mal eine Autobiografie erscheint von jemandem, der nicht auf der Bühne ganz vorne steht, der aber denen, die den meisten Applaus einheimsen, unverzichtbar ist.“ Das Buch stellt eine sehr gute Ergänzung zu Cope dar, da es den Schwerpunkt auf Gruppen legt, die von Cope ausgeblendet werden.

Tracks
Samstag 31. Oktober 2009 um 03.00 Uhr
Keine Wiederholungen
(Deutschland, 2009, 52mn)
WDR

Erstellt: 29-10-09
Letzte Änderung: 30-10-09


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