"Von den Regierungsvertretern war niemand bereit, uns Rede und Antwort zu stehen. Alle schlugen uns die Tür vor der Nase zu und versuchten nach Kräften, uns in unserer Arbeit zu behindern." (Peter Kosminsky)
Sie haben bereits einen Film gemacht, der die Ernüchterung linker Idealisten während der Regierungszeit Tony Blairs schildert. Was hat Sie veranlasst, nun noch einen Film über die Affäre David Kelly zu drehen?
Der Konflikt zwischen der BBC und der Regierung, der die Engländer polarisiert und ihre Fantasie entflammt hat, endete in einer außerordentlichen Tragödie, nämlich dem Selbstmord David Kellys. Da ich Regisseur bin, kam mir praktisch sofort die Idee, diesen Film zu machen. Ich wollte darstellen, wie die Ereignisse sich auf das Leben einer einzelnen Person auswirkten, und konnte dieses Einzelschicksal gleichzeitig als Vehikel nutzen, um Großbritanniens Engagement im Irak-Krieg zu beleuchten.
Welche Gründe haben Sie bewogen, den Film in Form nachgestellter Spielszenen zu drehen?
Hauptsächlich, weil ich schon 15 Jahre lang keinen Dokumentarfilm mehr gemacht habe und meine, dass ich inzwischen eher die Techniken der Fiktion beherrsche. Ein weiterer Grund war, dass die Leute, die in erster Linie als Gesprächspartner in Frage gekommen wären, sich mit den Ergebnissen der Untersuchungskommission zufrieden gegeben haben und keine Lust hatten, sich noch weiter zu dem Thema zu äußern. Zudem war David Kelly, die Hauptperson, ja nicht mehr verfügbar. Er war ein Mann, der vieles geheim hielt, und er hat seine Geheimnisse mit in den Tod genommen. Die Bearbeitung des Themas in Form fiktiver Spielszenen erschien mir daher am geeignetesten.
Ihr Film stellt Ereignisse aus dem persönlichen Leben von David Kelly dar...
Es war natürlich schwierig, sein Leben detailgenau zu schildern. Seine Familie weigerte sich, mit uns zu reden. Wir haben versucht, andere Leute anzusprechen, die ihm nahestanden, aber nach langem Hin und Her sie haben sich schließlich darauf geeinigt, unsere Fragen lieber nicht zu beantworten. Wir waren also gezwungen, uns auf die Informationen zu beschränken, die der Öffentlichkeit zugänglich sind. Bestimmte Szenen des Films basieren auf Schilderungen seiner Frau, seiner Tochter oder der Schwester David Kellys, die im Dossier des Untersuchungsausschusses enthalten sind. Seine Frau beschreibt darin die letzten Tage ihres Ehemannes: in welcher Stimmung er war, wie er sich verhielt, was er tat. Ich konnte mich auf diese Informationen stützen.Konnten Sie mit Vertretern des Verteidigungsministeriums sprechen?
Aus den Reihen der Regierung war niemand bereit, uns Rede und Antwort zu stehen. Alle schlugen uns die Tür vor der Nase zu und versuchten nach Kräften, uns ins unserer Arbeit zu behindern. Von den drei Gruppen der Hauptbeteiligten in dieser Affäre, nämlich der Regierung, der Familie und der BBC, waren lediglich die Leute von der BBC bereit, sich unseren Fragen zu stellen. Ich habe Andrew Gilligan (1) mehr als einmal getroffen und konnte mit ihm einige ausführliche Gespräche führen.
Würden Sie sagen, dass in dieser Affäre noch immer vieles undurchsichtig bleibt?
Für mich ist es schwer zu begreifen, dass jemand wie David Kelly überhaupt mit der Presse sprechen konnte, ohne sich darüber im Klaren zu sein, in welch gefährliche Situation er sich begab. Ich glaube, dass David Kelly bereits in dem Moment, als die UNO sich gezwungen sah, 1998 den Irak zu verlassen, seine Existenzberechtigung verloren sah. In seinen Job als Laborant hatte er mehr oder weniger ein Schattendasein geführt, und nun katapultierte man ihn von heute auf morgen ans Licht der Welt, indem man ihn zum Chef des britischen Waffeninspektionsteams beförderte. Und plötzlich sah er sich auf allen Seiten von Vertretern der Medien bestürmt. Diese Journalisten hörten ihm aufmerksam zu und vermittelten ihm den Eindruck, dass er etwas zu sagen hatte. Ich habe den Verdacht, dass Kelly, als er sich 2002 noch einmal als Interviewpartner zur Verfügung stellte, gern wieder dies berauschende Gefühl genießen wollte, das er kennen gelernt hatte, wenn er in offizieller Funktion mit der Presse sprach.War David Kelly auf der Suche nach der Wahrheit?
Nein. Man vergisst gern, dass auch David Kelly ein "Falke" war, ein Mann, der im Auftrag der Regierung handelte. Er selbst glaubte, dass der Krieg im Irak gerechtfertigt sei, und Saddam Hussein tatsächlich über Massenvernichtungswaffen verfügte. Normalerweise wäre er für seine Dienste in den Adelsstand erhoben worden und hätte sich auf geruhsame Pensionsjahre freuen dürfen.
Nachdem Sie dem Publikum bereits Ihre bissige Chronik der Tony-Blair-Jahre präsentiert haben, dürften Sie jetzt wohl für die Labour-Regierung so etwas wie das „schwarze Schaf“ sein, oder?
Ich bin der Meinung, dass ich allen Grund habe, zornig zu sein: Außer mir gab es noch viele andere, die meinten, sie hätten eine linke Partei gewählt. Heute fühle ich mich auf schreckliche Weise verraten. In gewisser Weise sind es Journalisten, Schriftsteller und Regisseure wie ich, die ihre Energien gebündelt haben, um gegen die gegenwärtigen Zustände zu opponieren.
Was werden Ihre nächsten Projekte sein?
Ich arbeite gerade an den Vorbereitungen für eine zehnteilige BBC-Serie, in der ich Menschen porträtieren werde, die auf freiwilliger Basis Friedens- und Hilfsdienste leisten. Die Serie schilderte die Erlebnisse von einigen fiktiven Personen, die sich tagtäglich mit den sozialen und politischen Realitäten des Sudans konfrontiert sehen. Wir werden voraussichtlich Ende 2005 mit den Dreharbeiten beginnen können. Daneben schreibe ich auch bereits an einem Filmprojekt über das britische „Yellow Press“-Blatt The Daily Mail.
Das Interview führte Donald James.
(1) Der BBC-Journalist und Autor der Reportage, die den Skandal ins Rollen brachte. Gilligan beendete Anfang 2004 seine Tätigkeit für das öffentlich-rechtliche britische Fernsehen.








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