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Kino-News

Schön anzuschauende, aber oberflächliche Verfilmung des Colette-Romans, mit großen Schauspielern, die in schönen Kostümen amüsante Dialoge sprechen.

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Filmkritik - 03/03/10

Liebesleben

Ein Film von Maria Schrader


Eine radikale Liebesgeschichte als Selbstfindung und eine geglückte Literaturverfilmung.
Auf ARTE am 3. März 2010 um 21.50 Uhr


Synopsis: Jara ist jung, schön und hat mit ihrem Mann Joni vor kurzem eine neue Wohnung in Tel Aviv bezogen, nicht weit von ihrem gutbürgerlichen Elternhaus, und sie bereitet sich auf eine akademische Karriere vor. An seinem 60. Geburtstag bekommt der Vater Leon Besuch von Arie, einem alten Studienfreund, den er seit 30 Jahren nicht gesehen hat. Aber die Mutter Hannah will den Gast nicht sehen, der Vater wirkt unsicher und nervös, und Jara spürt, dass es zwischen ihren Eltern und diesem eleganten, zynisch-selbstsicheren Mann ein Geheimnis geben muss, das sie sofort ergründen will. Sie selbst ist auf widersprüchliche Art von ihm fasziniert, sucht seine Nähe, obwohl er sie nicht ernst zu nehmen scheint, gibt sich ihm hin, obwohl er sie sexuell schockiert und provoziert, stellt ihm nach, auch wenn er sie zurückweist und folgt dieser Obsession, ohne Rücksicht auf Mann und Familie. Ohne zu zögern ist sie bereit, für diese Begegnung mit Arie ihre ganze bisherige Existenz aufs Spiel zu setzen.

Kritik: Eine ganz erstaunlich geglückte Literaturverfilmung. Für ihre erste eigene Regiearbeit hat die als Schauspielerin mit Filmen von Doris Dörrie und Dani Levy bekannt gewordene Maria Schrader eine große, eigenwillige Liebesgeschichte als Vorlage gewählt, die sich aber für eine Verfilmung nicht gerade anbot. Der 1997 in Israel erschienene und weltweit übersetzte Roman von Zeruya Shalev besteht vor allem aus Jaras sprunghaften Gedankenströmen, aus inneren Monologen, Assoziationen und subjektiven Beobachtungen, und Maria Schrader war natürlich sofort klar, dass diese Erzählhaltung nicht auf den Film übertragbar sein würde, zumal sie auf den Notbehelf einer Erzählerstimme verzichten wollte. Um so bemerkenswerter, wie ihre geradezu intuitiv richtige Regie und Schauspielerführung die Romanhandlung verdichtet, und für Jaras unterbewusste, abgründige, widersprüchliche und experimentierfreudige Gefühlsebenen überzeugende und glaubwürdige Bilder findet.
Jaras bewusste Selbstauslieferung an den doppelt so alten Aries, der sie schlecht behandelt, sie aber nimmt, wenn es ihm gerade passt – diese romantische Obsession hat zwar eine dunkel-befremdliche Seite, aber sie wird im Film fast besser nachvollziehbar als im Roman, der deshalb auch einigen schlichten, unreflektierten Angriffen von feministischer Seite ausgesetzt war. Da dürfte auch der Film wieder für Diskussionen sorgen, denn Maria Schrader interessiert sich sehr für die Ambivalenz dieser eigentlich selbstbewussten, starken Frau und für deren „archaische Sehnsüchte nach Unterwerfung und männlicher Dominanz, die wir uns kaum eingestehen“ (Presseheft). Wer im Film und in Jaras Verhalten jedoch anti-emanzipatorische Tendenzen sieht, die nur einem archaischen Machismo in die Hände spielen, der übersieht, wie klar und bewusst Jara agiert und wie sie bei dieser Versuchsanordnung nicht nur die anderen, sondern auch sich selbst sehr genau beobachtet.

Es sind auch die beiden ideal besetzten Hauptdarsteller Netta Garti (Jara) und Rade Sherbedgia (Arie) und die flexible und dichte Kamera von Benedict Neuenfels, die den Film vor psychologischer Überfrachtung bewahren, sowie die stimmige Inszenierung jüdischer Alltagskultur, die den Zuschauer mit dieser Familienaufstellung schnell vertraut werden lässt.

Auch die erotisch aufgeladene Atmosphäre, die den Film durchzieht, hätte leicht ins schwülstige oder gar kitschige abgleiten können, doch davor schützt eine dezente Regie und vor allem Jaras authentische Neugierde und Natürlichkeit, von Netta Garti im direkten und übertragenen Sinne wunderbar verkörpert. Sie hat ja nicht nur diesen heftigen Erfahrungshunger, sie will auch wissen, in welcher Beziehung Arie damals zu ihrem Vater und vor allem zu ihrer Mutter stand, und man verrät hier nicht zu viel, wenn man ihre Beziehung zu Arie auch als unbewussten Wiederholungszwang und notwendige Emanzipation von der Mutter interpretiert.

Jara will sich verlieren, um sich neu zu finden, und die Entdeckung des innerfamiliären Beziehungsgeheimnisses hilft ihr dabei. Das mag ein wenig nach Küchen-Psychologie klingen, und manchmal ist es das vielleicht auch, aber solche Geschichten kommen eben vor und sind im Kontext eines so schönen, lebendigen Films doch immer wieder interessant. Am Ende dieser schweren aber auch heiteren Selbstfindungs- und Befreiungsprozedur gelingt es Jara sogar, eine Art Terrortrauma zu überwinden, und sie kann erstmals wieder einen öffentlichen Bus benutzen. Auch wenn der Film die politische Situation nicht explizit thematisiert, so lässt er uns doch nicht vergessen, dass Jaras Geschichte im heutigen Israel spielt.

Thomas Neuhauser
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Kinostart war am 08. November 2007

Erstellt: 06-11-07
Letzte Änderung: 03-03-10