Nicht nur die Ignoranz des Hochfeuilletons, auch die Orientierung der Verlage an den vorgeblich unerschöpflich sprudelnden Quellen des Massenmarktes machen es den guten Kriminalromanen nicht leicht, jenseits der eingefleischten Fangemeinden breitere Leserschichten zu finden. Aus Zeitnot schlecht übersetzte, wegen der irrwitzigen Lizenzkosten schnell zu amortisierende Investitionen – das sind cum grano salis die Bestsellerimporte, die mit massivem Marketingaufwand durchgesetzt werden und das öffentliche Bild von Thriller und Kriminalroman prägen. Unter diesen Bedingungen nach dem bewunderten, wenn auch etwas elitär gewordenen Vorbild der SWR-Bestenliste eine Bestenliste für den Kriminalroman ins Leben zu rufen, entpuppte sich vom ersten Tag an als eine überfällige Idee, eine Idee, auf die bis dahin nur noch niemand gekommen war.Deshalb war es nicht schwierig, begeisterte Kritiker zu finden, die bereit waren, Zeit und Engagement zu investieren. Medienpartner für ein solches Projekt wachsen jedoch nicht an jedem Straßenbaum – und so hat es eine Weile gedauert, bis dank der Begeisterung einzelner Programmleiter und Redakteure das passende Trio aus Literarischer Welt (Print), ARTE (Internet, TV) und NordwestRadio (Rundfunk) zusammenkam, das imstande war, auf allen Kanälen zu spielen. Nach gut einem Jahr der Verhandlungen und Vertröstungen einer bereits mit den Hufen scharrenden Jury war es im März 2005 auf der Leipziger Buchmesse soweit. Stolz präsentierten die drei Medienpartner und die Jury am Stand von Arte die erste KrimiWelt – Bestenliste, auf Platz 1 stand Arne Dahl mit „Tiefer Schmerz“.
Die Ziele waren recht simpel: Das Publikum sollte monatlich Empfehlungen für Kriminalliteratur an die Hand bekommen, die ein besseres, interessanteres und aufregenderes Lesen jenseits von Mankell, Grisham, Donna Leon oder den Untiefen des deutschen Regionalkrimis versprechen. Außerdem war einiger Spaß davon zu erwarten, mit einer meinungsstarken Gruppe von Aficionados publizistisch gegen die Wälle der Ignoranz anzurennen. Die Dringlichkeit des Anrennens erwies sich jüngst wieder, als Burkhard Müller im Januar 2006 zum Start der SZ-Krimibibliothek ein geradezu paranoid an der Realität vorbei geschriebenes Loblied auf die längst verschiedene Welt des Häkelkrimis sang, die zum Glück nicht einmal mehr in der hauseigenen Auswahl nennenswert vertreten ist. Trotzdem ist es ein kulturelles Desaster, dass die zeitgenössische Kriminalliteratur mit ihrer Vielstimmigkeit, ihrem thematischen Reichtum, ihrer künstlerischen Raffinesse und ihrer Welthaltigkeit immer noch aus dem hochoffiziellen Literaturdiskurs ausgeschlossen ist. Schließlich können es die Besten unter den heutigen Kriminalautoren durchaus ästhetisch mit der Highbrow-Konkurrenz aufnehmen, von der Spannung mal ganz zu schweigen. Noch wäre ein Krimiautor in Klagenfurt eine Sensation – vermutlich wird das aber erst dann der Fall sein, wenn kein Schwein mehr den Bachmannpreis haben will.
Wichtiger als der scheele Blick zum selbsternannten Oben ist für die KrimiWelt-Bestenliste die Orientierung am Leser. Deshalb steht der Aushang von ca. 1500 Flyern mit den Top ten des Monats in Buchhandlungen am letzten Samstag des Monats im Zentrum. In dem einen Jahr seit ihrem Start hat die KrimiWelt-Bestenliste nicht nur bei den Spezialisten, die meist ja noch ihre eigenen Empfehlungen haben, als wichtiger Ratgeber Anerkennung gefunden, sondern wird von einem Gros der Buchhandlungen als Ratgeber für Ankauf und Verkauf herangezogen. Ein Überblick über die bisher vorgelegten zwölf Bestenlisten zeigt: die Jury bewies Zuneigung für ein breites internationales Spektrum und Gespür für exquisite Außenseiter, ohne Mainstream-Autoren von vornherein auszuschließen.
INTERNATIONALITÄT war schon auf der ersten Liste erkennbar. Die Schauplätze, die die Kurzkommentare zu den einzelnen Titeln einleiten, umfassen neben traditionellen Tatorten wie New York und Stockholm auch Shanghai und Benin, von wo bisher kaum ein literarischer Mordfall berichtet wurde. China, Afrika als ganzes und in geringerem Maß auch Kuba, aus dem der von der Jury mehrmals gelobte Leonardo Padura schreibt, sind eben Regionen, in denen die Kriminalliteratur immer noch ein Schlüssel zur Entdeckung und Erforschung unbekannter Lebenswelten und ihrer krassen Widersprüche sein kann. Der Krimi als Reiseliteratur? Keine schlechte Rolle, wenn man das Beschönigende des Armchairtravelling diesem überlässt. Denn die Welt schön zu schreiben ist weder das Ziel guter Autoren noch der Anspruch der Leser.
Deshalb fanden auch immer wieder EXQUISITE Außenseiter das nötige Quorum, das sie nicht gerade für mehrere Monate unter die ersten Fünf, wohl aber überhaupt auf die Liste brachte. Hier wären Autoren wie Kinky Friedman und Jerome Charyn zu nennen, die angemessen exzentrisch auf die Exzentrik New Yorks reagieren, Grenzgänger wie Theodore Roszak, dessen „Schattenlichter“ auch als Schauerroman der Filmindustrie oder Tom Franklin, dessen „Gefürchtete“ auch als Western gelesen werden können. Scott Bradfields „Gute Mädchen haben’s schwer“ ist ein Borderline-Balanceakt zwischen Autobiographie und Fälschung, Iain Levisons „Betriebsbedingt gekündigt“ ein Mix aus Gangsterballade, Sozialdrama und Sonntagsschulgeschichte.
ENTDECKUNGEN hat die Jury auch mit nach vorne gebracht. Da wären an erster Stelle drei deutsche Autoren zu nennen: Elisabeth Herrmann, Oliver Bottini und ganz neu: Andrea Maria Schenkel, deren geradezu unheimlich fertiger Debütroman „Tannöd“ bereits wenige Tage nach der Auslie-ferung auf den vorderen Plätzen lag und gegenwärtig immer breitere Kreise der Zustimmung zieht. Aber auch der Amerikaner Norman Green, der Franzose Jean Amila und das Frühwerk Charles Willefords wurden vorgestellt – alle herausgebracht von kleinen, engagierten Verlagen, die zum Teil erst über die Bestenliste ihren eigenen Kollegen und dann auch breiter bekannt wurden. Eine Erfolgsgeschichte kann sich die KrimiWelt allemal an die Fahnen schreiben. Der 1967 geborene Engländer David Peace war vor einem Jahr hierzulande völlig unbekannt. Nachdem sein Roman „1974“ vier Monate auf der KrimiWelt-Bestenliste gestanden hatte, wurde er im Januar 2006 als bester internationaler Roman mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet – und führt jetzt, vor Arne Dahl, Leonardo Padura und Ian Rankin, unsere Auswahl der zehn besten Kriminalromane des Jahres 2005 an. An diesem Fall hat sich deutlich gezeigt, dass eine zu allem entschlossene, gut positionierte Jury der Qualität zum bescheidenen Durchbruch verhelfen kann. Dass die Leidenschaft der Trüffelschweine für das Ausgefallene, Neue nicht auf Kosten populärer, arrivierter Autoren geht, zeigt etwa die Wahl von Peter Robinsons „Kein Rauch ohne Feuer“, das im Februar 2006 aus dem Nichts gleich Platz 1 besetzte.Während es gang und gäbe ist, dem Praktikanten oder Volontär mal einen Krimi zum Üben zu geben – heraus kommen dann diese unsäglichen Vergleiche einer ästhetischen Null mit Weltstars wie Highsmith, Simenon oder Mankell, die nur eins offenbaren: die Ahnungslosigkeit von Schreiber und Redaktion - setzt sich die Jury aus 18 erfahrenen, oft schon seit vielen Jahren anerkannten Kennern der Materie zusammen. Ihrem Einsatz und ihrer auch nach Hunderten von Krimis nicht erschlafften Neugier sind die Entdeckungen wie die qualifizierten Empfehlungen insgesamt zu verdanken. Fundierte Kritik von Kriminalliteratur setzt eben neben Geschmackssicherheit und literarischer Bildung eine Sonderqualifikation voraus: die Kenntnis des Genres und seiner in gut 150 Jahren gewachsenen Verästelungen, Finten und Tricks. Zu ihrem Ergebnis kommt die Jury auf denkbar einfache Weise: Per E-Mail vergibt jedes Mitglied 7-5-3-1 Punkte für die vier Bücher, denen es viele Leser wünscht – und dann wird ausgezählt. Da bei der zur Verfügung stehenden Auswahl von rund 800 Titeln pro Jahr die Nominierung durch mehr als ein Jurymitglied bereits eine Auszeichnung ist, werden die Stimmen pro Buch noch einmal mit der Zahl der Juroren multipliziert. So kommt ein Titel, der drei mal fünf Stimmen erhalten hat, auf einen höheren Rang als das Buch, dem zwei Juroren die Höchstwertung Sieben gegeben haben. Es waren bisher im Schnitt zwischen 30 und vierzig Titel, aus denen die monatliche Auswahl erfolgte. Die Regel, dass jeder bis zu drei Mal für den selben Titel stimmen kann, gibt sowohl die Möglichkeit, für ein Buch zu werben, das den anderen Juroren noch unbekannt ist, als auch die Gewähr dafür, dass Lieblinge über längere Zeit auf Spitzenplätzen zu finden sind.
Das einzige, was nach knapp einem Jahr erstaunlichen Erfolgs und wachsender Wertschätzung irritiert, ist der Mangel an Feinden. Sind wir noch niemandem auf die Füße getreten, gab es niemanden, der sich getreten fühlte? Oder sind wir einfach so gut? Erste Debatten über unsere Entscheidungen haben gerade eingesetzt – gut so, das schärft die Sinne. Natürlich gibt es den besten Krimi nicht – wir treffen Mehrheitsentscheidungen auf fundierter Geschmacksbasis. Trotzdem wagen wir zum einjährigen Jubiläum den nächsten Schritt und geben auf der Leipziger Buchmesse die zehn besten Titel der vergangenen Saison bekannt. Am 17. März 2006. Hinweis: Dieser Beitrag ist der geringfügig veränderte Vorabdruck eines Artikels aus dem „Krimijahrbuch 2006“, das, herausgegeben von Dieter Paul Rudolph, im April 2006 erscheint. Einblick in den Inhalt finden Sie auf der Website des Nordparkverlags.







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