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transmediale.06 - 09/02/06

Fiktive Künstler, allmächtige Kuratoren...?

Artikel von Jens Hauser


Bislang verstand sich die Medienkunst-Szene zumeist noch gern als progressive, ausschliesslich abseits der klassischen Kunst-Tempel agierende Bewegung, in der es müsssig war, auf eine kunsthistorische Einordnung des eigenen Tuns zu viele Gedanken zu verschwenden. Doch so langsam, da "Neue Medien" als distinguierendes Merkmal kaum noch ausreicht und sich nun auch das Millieu zeitgenössischer Kunst langsam dafür interessiert was wohl die Kunst in der Medienkunst sein möge – machen sich auch auf der Transmediale vertretende Künstler wieder Gedanken zum Thema "Institutionskritik". Da geht es meist darum, subversiv und humorvoll die tatsächlichen, oder vermeintlichen, Machtstrukturen sichtbar zu machen, und: die Repräsentanten und Veranstaltungen des etablierten Kunstbetriebs aufs Korn zu nehmen. Indizien eines Maturationsprozesses, oder Paranoia?

Beispiel 1: Die Azorro Group aus Polen hat sich zur Aufgabe gemacht, sich stets zu viert bei Vernissagen vor laufenden Kameras zu postieren, um zusammen mit Entscheidungsträgern – oder paranoid gesagt "Machthabern" – des Kunstbetriebs im Bild aufzutauchen. Bewusst entspannt und übertrieben naiv nehmen die vier Künstler da in ihrem Video "Portrait with a curator" im Bildauschnitt Platz, damit im Hinter- oder Vordergrund vorbeihuschende Kuratoren und Kritiker unvermeidlich den Anschein gehetzter und vom eigenen Ego besessener Profilneurotiker erwecken. Im Video-Standbild eingekreist, werden sie zu den Verwaltungsmanagern austauschbarer Inhalte, während die Künstler teilnahmslos, machtlos aber gelassen von ihrer Willkür abhängig zu sein scheinen. Leider gehen dabei der Azorro Group nun wirklich keine dicken Fische ins Netz, die nun Kraft ihrer Person oder ihres Amtes jenes Machtpotential verkörpern würden. So bleibt das verballhornte "Feindbild Kurator" ein wenig auf der Strecke.

Beispiel 2 ist da subtiler und vielschichtiger angelegt: Das Kunst/Technologie/Philosophie-Kollektiv monochrom aus Wien arbeitet mit den verschiedensten Medien, Strategien und Formaten. Um den boomenden Biennale-Business zu parodieren, setzten sie zur Ausgabe 2002 der Kunstbiennale São Paulo die effiziente Waffe des Fake ein, wobei mit einem undurchschaubaren Mischmasch aus Realität, Legendenbildung, subversiver Sympathie-Bildung und Unnachprüfbarkeit gearbeitet wird.

Die Geschichte geht etwa so: Das monochrom-Kollektiv selbst wird von einer wichtigen Kuratorin als Vertreter Österreichs für die brasilianische Kunstschau in São Paulo auserkoren – möchte aber, so kurz nach dem Eintritt der rechtspopulistischen Haider-Partei FPÖ in die Regierung, dieses Land gar nicht präsentieren. Dafür übernehmen sie aber stellvertretend die Auswahl eines repräsentativen Künstlers, und entscheiden sich für den verkannten 57jährigen Übervater der inoffiziellen österreichischen Avantgarde, Georg Paul Thomann. Den gibt es allerdings gar nicht, und er muss erst vollständig erfunden werden, mitsamt 500 Seiten starker Biographie, Österreich-anätzendem Multi-Media-Werk, Zitate-Sammlung, literarischen Referenzen, Grundlagentexten, Gilles-Deleuze-Referenzen und einer weitgestreuten Interview-Kampagne mit quasi-obligatorischen kritischen Stellungnahmen zum ihm doch so wohlgesonnenen Biennale-Betrieb, wie: "Dieses Prinzip einer attrappenhaften Leistungsschau hat mich schon immer berührt, wenn die Länder besonders landestypisch erscheinen müssen. Und wenn sich jede Gegend dieser Erde „Land der Gegensätze” nennt, ob es jetzt das Waldviertel oder der Kaukasus ist. Ich wollte das für Österreich ins Unerträgliche steigern."

Das selbstdeklarierte enfant terrassé der österreichischen Kunstszene sorgt für Aufregung, denn kaum jemand scheint je von ihm gehört zu haben. Die Presse scheint gespalten zwischen einem dem Fake aufgesessendem Lager und jenen, dies es dann angeblich schon vorher gewusst haben, die Aktion aber nicht haben auffliegen lassen wollen. Thomann selbst wird in São Paulo von niemanden gesehen, sein Team (monochrom) baut ohne ihn die alpenländische Kunstvertretung in die landestypische Kunstleistungsschau. Von ihm wird nur bekannt, dass er lieber Alkohol-inspiriert im Hotel Pornofilme schaut, statt sich dann auch auf der Biennale sehen zu lassen. Der Spuk hat ein Ende am 21. Juli 2005, als Georg Paul Thomann bei einem Unfall ums Leben kommt. Geisterstunde der Postmoderne.

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  • Links
monochrom
>> Das Projekt "Georg Paul Thomann", ihn betreffendes Archiv-Material sowie die Dokumentation seiner inszenierten Beerdigung sind nachzulesen unter: http://www.monochrom.at/thomann/
>> Links und Infomaterial zu "Georg Paul Thomann"
>> Slide Show: Begräbnis Georg Paul Thomann

monochrom bei Metropolis
monochrom versteht sich als politisch ambitionierte Spezialeinheit in Sachen Kunst-Dilettantismus. Im WUK, dem Wiener Kulturzentrum trugen 2005 die sieben Künstler einige Highlights ihres 12 jährigen Schaffens zusammen.
>> Artikel lesen

Azorro Group
>> "Proposal" und "Portrait with a curator" bei Montevideo
>> Azorro Group bei der transmediale.06


(Für die Richtigkeit dieser Angaben übernimmt ARTE keine Gewähr)
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Festival
Jens Hauser
transmediale.06
Februar 2006
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Erstellt: 09-02-06
Letzte Änderung: 09-02-06