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Kult um den Busen

Der Busen steht für Erotik, Mutterschaft, Freizügigkeit und Natürlichkeit gleichermaßen.

> Brüste: ein heikles Thema

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Kult um den Busen - Samstag, 22. September um 21.45 Uhr - 20/09/12

Brüste sind auch für uns Männer ein heikles Thema - Kult um den Busen

Ich erinnere mich kaum noch an die Zeit, in der meine Mutter mich gestillt hat (1978-1979)...

Ich erinnere mich kaum noch an die Zeit, in der meine Mutter mich gestillt hat (1978-1979), und das ist gut so. Das Verhältnis des Mannes zur weiblichen Brust ist auch ohne die Erinnerung an deren nährende Rolle komplexgeladen genug. Seit Erfindung der Werbung ist die im männlichen Unterbewusstsein herumgeisternde Erinnerung an die Mutterbrust für Psychologen und Zigarettenverkäufer ein ergiebiges Motiv. Angeblich soll sie vieles, auch unsere Vorlieben in punkto Busen, bestimmen. So lautete jedenfalls Russ Meyers Theorie. Seine Mutter und seine Tanten, ihrerseits vollbusig, sollen seine Begeisterung für große Oberweiten wachgerufen haben, die in seinen Filmen immer eine Rolle spielten.

Meine Damen, liebe Mädchen, allerdings können nicht alle Männer so unbefangen über dieses Kapitel unseres Unterbewusstseins sprechen wie Russ Meyer. Vergesst nicht, dass Brüste auch für uns ein heikles Thema sind, auch wenn es nicht immer so scheinen mag.

Nach zehnjähriger Unterbrechung, als ich in der sechsten Klasse war (1989), trat der Busen aufs Neue in mein Leben. Stéphanie war das erste Mädchen der Schule, das auserwählt schien, fortan dieses Zeichen der Weiblichkeit zu tragen. Hier macht meine Erinnerung schon besser mit: Ich sehe Stéphanie vor mir, mit ihren vollen roten Lippen, eher beschämt angesichts dieses Wunders. Bei dem Geschrei der Jungs hätte man schwören können, dass ihre von einem Angora-Pulli verhüllte Oberweite eines Morgens einfach so in Echtzeit gewachsen war. Es waren riesige echte Dinger, keine Taschentücher, die sie in ihren BH gestopft hätte, sondern ein richtiger französischer Busen, Baujahr 89.

Es waren riesige echte Dinger, keine Taschentücher, die sie in ihren BH gestopft hätte, sondern ein richtiger französischer Busen, Baujahr 89.

Binnen kurzem war diese Auserwählte zum Objekt der Begierde geworden. Und zur Zielscheibe von Neckereien, neugierigen und entsetzten Blicken der Jungen. Die kleinbrüstigeren Mädchen betrachteten sie mit Neid, Hass und Missgunst. In den folgenden Monaten begann zwar auch ihr Busen zu wachsen, doch Stéphanie war und blieb bis zum Abitur das Mädchen mit den Titten.

Die coolsten Jungs, die sich bereits mit Zungenküssen auskannten und ältere Freundinnen zwischen 13 und 14 hatten, äußerten selbstbewusst Vermutungen über Stéphanies Körbchengröße. Wenn man mich gefragt hätte, so hätte ich bestimmt auf 1000 getippt. Ich war ein Jahr jünger als alle anderen und wie gebannt von diesem tröstlichen Ausdruck der Weiblichkeit. Neben Faszination empfand ich auch Mitleid mit ihr. Zwar bewunderte man sie, doch gleichzeitig machte man respektvoll und mit angehaltenem Atem einen Bogen um sie. Stéphanie, die Auserwählte wurde wegen ihrer Oberweite ausgegrenzt, die nicht mehr versteckt oder verkleinert werden konnte und die mit jeder Sekunde wuchs – auf keinen Fall zu übersehen, schon wegen der schwarzen Büstenhalter, die sich Stéphanie zulegte, während die anderen noch in unschuldigen Sporthemdchen steckten.

Auf einer Fete im Frühling konnte ich sie in ihrem weichen Pulli für ein paar Sekunden in meine Arme schließen. Alles war plötzlich so sanft und still, und von der Unruhe, dem Lärm und dem Durcheinander der anderen, zu denen ich mich ansonsten zählte, bekam ich nichts mehr mit. So hatte ich mich bisher mit keinem Mädchen gefühlt und das nur wegen ihres Busens.

1997 kam ich auf die Universität. Ich konnte nun besser mit Brüsten umgehen. Damals glaubte ich, die Welt verstanden zu haben, und da ich nicht genug auf meine Außenwelt achtete, konnte man mich auch nicht vom Gegenteil überzeugen. Durch eine glückliche Fügung traf ich eines Abends Stéphanie wieder, sie studierte inzwischen Angewandte Fremdsprachen. Seit der Schulzeit hatte sich ihre Figur im Gegensatz zu meiner nicht verändert, ich war inzwischen ein Mann geworden. Im Halbdunkel ihres nach Räucherstäbchen duftenden Studentenzimmers habe ich sie verführt. Zuerst habe ich sie geküsst, ihr Oberteil ausgezogen und ihr dann dabei geholfen, den BH zu öffnen. Er war schwarz, genau wie jener, der seit 1989 noch in meinem Kopf herumspukte. Ich war kurz davor, sie um ein Autogramm zu bitten. Ihre allseits begehrten, heiß diskutierten Brüste, von denen jeder geträumt hatte, kamen nun zum Vorschein. Ihre Größe war normal. Sie hatten auch keine besonders geheimnisvolle Form. Ich war überrascht, aber nicht enttäuscht.

Plötzlich musste ich meine bisherigen Kenntnisse über Brüste über Bord werfen. Kann ein Busen innerhalb von zehn Jahren schrumpfen?

Plötzlich musste ich meine bisherigen Kenntnisse über Brüste über Bord werfen. Kann ein Busen innerhalb von zehn Jahren schrumpfen? Hatten sich ihre Proportionen in der Zwischenzeit den Brüsten angepasst? Oder hatte sich nun, da sich mir losgelöst von der einstigen Faszination und Übertreibung, die Wahrheit offenbarte, einfach nur meine Wahrnehmung geändert? Ein normaler Busen war nun an die Stelle der riesigen Brüste getreten, die sich zuvor konkurrenzlos auf dem Schulhof gegen die Bäume gestemmt und an den Kastanien gestoßen hatten. Oder hatte ich mit elf Jahren einfach nicht das gesehen, was ich sehen wollte, nämlich die mütterliche Brust, die ich zehn Jahre später als den Busen einer Geliebten wiedererkannte?

2007. Stéphanie ist heute nur noch eine Erinnerung, ich bin inzwischen Vater geworden. Die Brüste der Frau, die ich liebe, sind nun die Brüste einer Mutter. Zu Anfang hat man Angst. Dann versteht man es besser. Der Moment, in dem ein so kleines Wesen an den Brüsten seiner Mutter nuckelt, versöhnt uns wieder mit unseren Ursprüngen als Säuger. In einigen Jahren wird unser Kind all dies vergessen haben, und bei veränderter Beleuchtung wird die Brust nach einer kurzen Pause wieder zur Geliebten, und das ist gut so.

Erstellt: 31-01-11
Letzte Änderung: 20-09-12