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STREETART - 24/02/10

ACHTUNG: SPIELSTRASSE

Ein Auto steht Kopf, ein Mensch aus Paketband liegt auf der Straße, eine Sandburg entsteht im Straßenpflaster – eine Generation von Künstlern erteilt dem etablierten Kunstbetrieb eine Absage und erklärt den öffentlichen Raum zum Experimentierfeld.

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„Welche Kunstform ist so kraftvoll, so voller Leidenschaft?“, fragt Dean Stockton alias D*Face. „Und welche Künstler würden für ihre Kunst ihr Leben riskieren? Wir klettern nachts auf Hausdächer, malen an Bahngleisen und sind ständig auf der Flucht vor der Polizei – nur weil wir den Menschen unsere Werke zeigen möchten.“ Der in London arbeitende D*Face ist ein Star unter den Streetart-Künstlern, mit Ausstellungen auf der ganzen Welt. Er beruft sich auf Lichtenstein, Haring und Warhol – und zählt eigentlich schon zum Establishment der Streetart, die die Anti-These bilden will zur musealen Welt des Kunstmarkts mit seinen geschützten Biotopen und bewachten Tempeln. Seit Jahren brechen junge Künstler wie D*Face aus den ihnen zugedachten Kunsträumen aus – und landen dabei auf der Straße.

Streetart, manchmal auch Urban-Art oder Post-Graffiti genannt, ist zum Sammelbegriff für ein buntes Spektrum an illegalen Interventionen im öffentlichen Raum geworden, die mit den Graffitis der 1970er Jahre nicht mehr viel gemein haben. Aus den ersten an Wände gekritzelten Schriftzeichen entwickelten sich kunstvolle kalligrafische und dreidimensionale Bilder. Dann kamen die Wandwitze: schnelle Pointen auf Stickern oder mit Schablonen gesprüht, die auch als Reaktion auf die immer strengeren Anti-Graffiti-Gesetze entstanden. Heute gibt es eine neue Generation, die sich fast vollständig vom Medium Wand emanzipiert hat. Besonders beliebt sind Skulpturen und temporäre Eingriffe in den Stadtraum. Die Straße wird zur Leinwand und zweck-gebundene Stadtmöbel werden zweckentfremdet – jede Bushaltestelle, jede Sitzbank und jeder Pflasterstein sind ein nächstes potenzielles Kunstwerk. Die Stadt selbst wird dabei zum Kunstwerk, das frei gestaltet wird und quasi als Laboratorium für eine spielerische Revolutionierung des Alltags dient.

ARTE DOKUMENTARFILM
STREET ART – DIE VERGÄNGLICHE REBELLION
DO • 25.3. • 22.00


Spiel um Aufmerksamkeit
Kultur entsteht durch Spiel – den Spaß daran und die daraus entstehende Spannung. „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, schrieb Friedrich Schiller. Und der niederländische Kulturhistoriker Johan Huizinga prägte den Begriff „Homo ludens“, der spielende Mensch, der für die Streetart-Künstler so beschreibend ist. „Ich möchte die Ordnung der Stadt verändern“, sagt der in Berlin lebende US-amerikanische Künstler Brad Downey. „Alles ist so geregelt, so festgefahren. Jeder Stein hat seine festgeschriebene Position. Das will ich verändern und aufbrechen. Ich will die Stadt bewegen und im realen Raum reale Erfahrungen sammeln.“ Bewusst oder unbewusst kommt es dabei wieder zu einer Rückbesinnung auf die Konzepte der europäischen Avantgardebewegungen. Die Künstler spielen nicht nur mit dem Stadtraum und den Bewohnern, sondern mit der gesamten Kunstgeschichte: Ein Schuss Spontaneität der Situationisten, ein paar choreografische Fluxus-Elemente, ein bisschen Land-Art, eine Dosis Dada-Absurdität, verquirlt mit Ready-Mades und Minimalismus – fertig ist das Street-art-Œuvre.

Vor allem ist Streetart aber ein Spiel um Aufmerksamkeit – für die Aufmerksamen: Der polnische Künstler Krystian Czaplicki liebt zum Beispiel geometrische Abstraktionen und setzt diese mit Styropor und alten Kartons im Stadtraum um. Mark Jenkins, ein Künstler aus Washington, provoziert Passanten mit lebensgroßen Figuren aus Klebeband, die am Straßenrand betteln oder als Leiche im Fluss treiben. Der Berliner Bronco irritiert mit Textbotschaften wie „Von Konsumkritik kann ich mir nichts kaufen“ oder „Ich war schon Punkrock, da war Punkrock noch kommerziell!“. Slinkachu aus London setzt Spielzeugfiguren von Modelleisenbahnanlagen aus und inszeniert mit ihnen surreale Miniaturwelten. Und Brad Downey reißt den Bürgersteig auf und baut mit dem darunterliegenden Sand eine Burg, verwandelt Absperrzäune in Pyramiden – oder malt ein monumentales McDonald’s-Logo auf ein Unigebäude. Ein besonders böser Kommentar auf die McDonaldisierung der Gesellschaft und die Kommerzialisierung von Streetart: Die Arbeit „I’m lovin’ it“ enstand für eine Gruppenausstellung, die von der Universität Lüneburg, dem Kunstsammler Rik Reinking und sogar von Immobilienbesitzern organisiert und finanziert wurde. Downey schuf ein Werk, das nicht zur Dekoration der Stadt beitrug, sondern von den Bewohnern gar als „besonders hässlich“ empfunden wurde. Vielleicht muss Streetart heute wie Werbung aussehen, um wieder wirklich radikal und störend zu sein. Denn schon lange werden die Künstler nicht mehr als Vandalen bezeichnet, sondern haben sich ihren festen Platz in der Kunstwelt erkämpft. Werbekampagnen imitieren gerne die wilde Ästhetik und die Kunst trägt sogar zur Gentrifizierung bei – weil sie heute ein Indiz für besonders hippe Stadtviertel ist.

Baudrillard in Disneyland
Aus der subkulturellen Gegenbewegung ist ein globales Pop-Phänomen geworden. Heute werden die rebellischen Anti-Helden bejubelt, vereinnahmt und kommerzialisiert. Die Bilder von Banksy, dem wahrscheinlich bekanntesten Streetartisten aus London, erzielen Rekordpreise auf dem Kunstmarkt und werden von Hollywoodstars wie Brad Pitt und Angelina Jolie begeistert gesammelt. Auch US-Präsident Barack Obama verdankt dem ikonischen „Hope“-Poster des bekannten Streetart-Künstlers Shepard Fairey, das sich während der Präsidentschaftswahlen 2008 so rasend schnell an den Hauswänden verbreitete, viele neue Fans. Die meisten Künstler verkaufen mit ihrem Namen auch Shirts, Schuhe oder Softdrinks und Sammler lassen mithilfe professioneller Restaurateure komplette Wände abtragen. Streetart sei nichts anderes mehr, als eine Bewerbung im öffentlichen Raum und der Anfang einer Künstlerkarriere, lästern die Kritiker. Die Kunst verkomme zum Logo und der revolutionäre Habitus zum Marketingtrick.

Trotzdem: Gute urbane Interventionen unterwandern das System, streuen permanent Sand in das Getriebe und wirken der Homogenisierung der Stadt entgegen. Die flüchtigen und anonymen Kunstwerke passen dabei zu dem Charakter und Rythmus der modernen Großstadt, die ständige Erneuerung und eine tägliche urbane Praxis fordert. „Streetart ist wie Baudrillard in Disneyland“, sagt Downey, „sie versteckt sich nicht in Museen, funktioniert in unserem alltäglichen Lebensraum, ist Kunst für die Masse und kann trotzdem intellektuell und konzeptionell sein.“ Und wem seine Interventionen nicht gefallen, dem erklärt er die Idee dahinter. „Manchmal vertreiben sie mich dann, manchmal verhaften sie mich, und manchmal sagen sie nur: ,Mach danach aber alles wieder sauber!‘“

ALAIN BIEBER FÜR DAS ARTE MAGAZIN
GASTAUTOR ALAIN BIEBER IST REDAKTEUR BEIM KUNSTMAGAZIN „ART“ UND GRÜNDER DER PLATTFORM „REBEL:ART“

ARTE PLUS


BUCH-TIPPS:
Urban Interviews – Personal Projects in Public Places, Hrsg.: R. Klanten, M. Huebner, 2010 (in englischer Sprache); Street Art: Legenden zur Straße, Katrin Klitzke und Christian Schmidt, 2009; Kleine Leute in der großen Stadt, Slinkachu, 2009

Erstellt: 09-12-08
Letzte Änderung: 24-02-10