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Lebt wohl, Genossen!

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Lebt wohl, Genossen!

26/01/12

Andreï Nekrasov: Die UDSSR, der untergegangene Kontinent

Im Gespräch mit Regisseur Andreï Nekrasov


Gespräch mit Andrei Nekrasov, dem russischen Regisseur der Doku-Reihe Lebt wohl, Genossen!, in der es um das Ende der Sowjetunion geht. Nekrassow beteiligt sich auch aktiv an der Opposition gegen das Putin-System.

  • Das Bindeglied der Doku-Reihe Lebt wohl, Genossen! ist ein Erzähler, der für das Sowjetsystem das Recht auf Bestandsaufnahme einfordert. Seine Tochter dagegen verurteilt es kategorisch. Ist der Erzähler Ihr Sprachrohr?

Andrei Nekrasov: Auch wenn meine eigene Tochter die Rolle der Gagarina spielt, handelt es sich in meinem Film eigentlich immer um ein kollektives „Ich“. Ich selbst hätte einer der insgesamt rund fünfzig Zeitzeugen des Films mit ihren widersprüchlichen Erfahrungen sein können. Diese Erfahrungen sind denen unverständlich, die das untergegangene Sowjetreich nicht kannten. Wir gehörten diesem ungeheuer mächtigen und einheitlichen System an, in dem wir aufgewachsen sind. Es erwies sich von einem Tag auf den anderen als riesiges Lügengespinst, reif für die Müllhalte der Geschichte. Obwohl wir uns dieser von mir verabscheuten Lügen bewusst waren, glaubte ich an die Ideale, die man uns in der Kindheit eingetrichtert hatte. Als Gorbatschow an die Macht kam, wollte ich aus Deutschland, wo ich seit einiger Zeit mit der Mutter meiner Tochter lebte, in die UdSSR zurückkehren, um am Veränderungsprozess teilzunehmen. Ich glaubte ehrlich an die Vereinbarkeit von Sozialismus und Menschenrechten. Den Kapitalismus wollte ich nicht, denn die Privatisierung unserer Wirtschaft und ihrer Reichtümer empfand ich als sehr problematisch. Zwar verabscheute ich Moskaus brutalen Imperialismus, doch trauerte ich – und trauere immer noch - dem internationalistischen Geist nach, der so viele unterschiedliche Völker in einem gemeinsamen Staatsgebilde verband.

  • Was wollten sie in den sechs chronologisch aufgebauten Teilen erzählen?

Zuerst wollte ich die Komplexität dieses untergegangenen Systems zeigen, das weder ganz schwarz noch ganz weiß war, wie alles im Leben, und die ehemalige Sowjetunion von innen heraus zeigen, mit ihrer Atmosphäre, ihren Liedern, ihren Gefühlen, kurz ihrer Kultur. Sie bestand nicht nur aus Ideologie, sondern bildete eine ganz eigene Welt, den Stoff unseres Lebens. Und dann versuchte ich die Verkettung der Ereignisse zu ergründen, die zum Ende der UdSSR führten. Man kann sich die sechs Teile unabhängig voneinander anschauen, auch wenn sie als Ganzes konzipiert sind: in einigen geht es mehr um Geopolitik und bestimmte Gegebenheiten, in anderen stehen gesellschaftliche Probleme im Mittelpunkt. Der letzte Teil untersucht Gorbatschows Rolle beim Moskauer Putsch im August 1991. War Gorbatschow damals ein passiver Komplize, oder leistete er Widerstand? Hatte er verstanden, wohin die von der Perestroika ausgelöste Kettenreaktion führte? Ich enthalte mich des Urteils: Der Zuschauer soll sich selbst seine Meinung bilden. Das gilt für die ganze Reihe.

  • Wie konnten Sie eine solche Vielfalt von Ereignissen, Schicksalen und Fakten bewältigen?

Ohne unsere Koproduktionspartner in den zwölf betroffenen Ländern wären so umfangreiche Nachforschungen nicht möglich gewesen. Zwei Jahre lang haben die Teams eine Vorauswahl der einzelnen Elemente getroffen, Zeitzeugen ausfindig gemacht usw. Wäre ich allein gewesen, hätte ich Jahre gebraucht, und sei es nur, um das ganze Archivmaterial zu sichten. Ansonsten habe ich meinen Beruf als Regisseur ausgeübt: ein Bild zum Sprechen bringen, mich auf Augenhöhe mit meinen Gesprächspartnern – den berühmten wie den unbekannten – unterhalten und vor allem mir Zeit mit ihnen lassen, denn alle haben viel zu sagen.

  • Fühlen Sie sich durch die derzeitigen Demonstrationen in Russland an die Kundgebungen von 1991 erinnert?

Für mich hat es hohen Symbolwert, dass diese Demos zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch der UdSSR stattfinden. Ich bin aktives Mitglied der demokratischen Bewegung Solidarnost, die 2008 mit Bezug auf die großartige polnische Gewerkschaftsbewegung Solidarność der 1980er Jahre gegründet wurde. Wie diese wollen wir ein interessen- und klassenübergreifendes Bündnis erreichen. Ich beteilige mich auch an den Demonstrationen von „Strategie 31“, die seit Monaten jeweils am 31. des Monats in Moskau und Sankt Petersburg stattfinden, um die Einhaltung des Verfassungsartikels 31 über Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit zu fordern. Immer, auch wenn man uns als Träumer behandelte, waren wir überzeugt, dass die Leute wieder aufwachen würden. Ich glaube, die Russen finden ihre Würde wieder, und das macht mich glücklich. Doch Vorsicht: So einfach liegen die Dinge nicht, denn manche Putin-Gegner sind gefährlicher als er selbst!

Dieses Gesräch führte Irène Berelowitch.

Erstellt: 07-12-11
Letzte Änderung: 26-01-12