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RELIGION - 19/11/09

AM ANFANG WAR DAS WORT

Die Texte des Alten Testaments können gedeutet und interpretiert werden, man kann aber auch nach ihrer historischen Wahrheit fragen. Hat Moses wirklich gelebt und glaubte man immer nur an einen Gott?

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Forscher der biblischen Archäologie können belegen, dass Teile des Buches der Bücher tatsächlich auf historischen Ereignissen beruhen. Über den Wahrheitsgehalt des Alten Testaments und darüber, was diese Erkenntnisse für den Glauben bedeuten, spricht Gary Glassman, Regisseur des Dokumentarfilms „Biblische Detektivgeschichten“ mit William Dever. Er ist Professor für Archäologie und Anthropologie des Nahen Ostens an der University of Arizona.

ARTE DOKUMENTARFILM

BIBLISCHE DETEKTIV-GESCHICHTEN
SA • 26.12. • 21.00
Gary Glassman: Viele Menschen möchten wissen, ob die Ereignisse der Bibel wirklich stattgefunden haben.
William Dever: Man tendiert dazu, die Bibel zu Geschichte machen zu wollen und glaubt, was nicht historisch belegt ist, sei gänzlich wertlos. Vielleicht werden aber auch die falschen Fragen gestellt. Fakt ist, dass die Archäologie die theologischen Betrachtungen der Bibel nie wird beweisen können. Deren Autoren hatten höhere Ziele als objektive Geschichte zu schreiben. Sie wollten eine Botschaft hinter den geschilderten Ereignissen vermitteln.

Gary Glassman: Nehmen wir ein Beispiel: Moses ist eine der zentralen Figuren der Bibel. Laut dem Alten Testament führte er als Gesandter Gottes den Auszug des Volkes der Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten ins gelobte Land an. Gibt es Hinweise für seine Existenz und diesen Exodus Hunderttausender Israeliten?
William Dever: Es gibt keine archäologischen Beweise. Moses ist zwar ein ägyptischer Name und auch andere Elemente verankern die Erzählung in der ägyptischen Kultur. Aber weder in Ägypten selbst noch in der Wüste Sinai wurden Texte oder Artefakte gefunden, die auf einen Exodus hinweisen. Daher denke ich, dass die Geschehnisse um Moses eher unspektakulär waren und erst von den Autoren der Bibel so bedeutungsvoll dargestellt wurden.

Gary Glassman: Gibt es Beweise dafür, dass der Flüchtlingszug das gelobte Land Kanaan erreichte?
William Dever: Die berühmte Inschrift auf der Siegesstele des Merenptah, Sohn Ramses II., die aus dem Zeitraum um 1206 vor Christus stammt, enthält die erste uns bekannte Erwähnung der Israeliten in einer Liste von Völkern und Stadtstaaten in Kanaan. Darauf werden die Israeliten als „ein Volk“ irgendwo im zentralen Hochland Kanaans beschrieben. Dank archäologischer Untersuchungen wissen wir heute, dass es in dieser Gegend mehr als 300 frühe israelitische Dörfer aus dem 13. und 12. vorchristlichen Jahrhundert gab.

Gary Glassman: Laut der Bibel sind die Israeliten bereits zur Zeit Moses’ zum Monotheismus übergegangen …
William Dever: Die Religion der Israeliten wurde in der hebräischen Bibel so ideal dargestellt, wie ihre Verfasser sie sich wünschten. Dem Großteil der Bevölkerung war dieses Ideal jedoch fremd. Bereits daraus, dass der Polytheismus in der Bibel so heftig angeprangert wird, kann man schließen, dass er eher die Norm war als der Monotheismus. Mittlerweile können Archäologen anhand erstaunlicher Funde eine polytheistische „Volksreligion“ belegen.

Gary Glassman: Besonders spannend sind Ihre Entdeckungen zu einer Verbindung zwischen Jahwe und der Muttergöttin der Kanaaniter, Aschera.
William Dever: Auf einem Friedhof westlich von Hebron entdeckte ich 1968 eine hebräische Inschrift aus dem achten Jahrhundert vor Christus. Sie nennt den Namen des Verstorbenen und fügt an: „Gesegnet sei er von Jahwe und seiner Aschera.“ Offensichtlich sah die Volksreligion die beiden als Paar an. Die israelitischen Propheten und Reformer verurteilten den Glauben an alle anderen Gottheiten Kanaans neben Jahwe. Ich bin aber davon überzeugt, dass Aschera im alten Israel dennoch weiterhin verehrt wurde. Es gibt Dokumente, die beschreiben, wie im siebten Jahrhundert der Tempel von Jerusalem von allen Gegenständen befreit wurde, die mit dem Aschera-Kult verbunden waren. Das bedeutet, dass diese Volksreligion selbst bis in die höchsten heiligen Stätten vordringen konnte.

Gary Glassman: Ab wann kann man von einem monotheistischen Glauben der Israeliten sprechen?
William Dever: Erst zur Zeit des Babylonischen Exils und danach wurde das Judentum, die Religion Israels und Judäas, monotheistisch. Nach der Zerstörung Jerusalems durch die Invasion der Babylonier machte man den Polytheismus für den Ruin verantwortlich. Der radikale Glaube an einen einzigen Gott wurde daraufhin zum bestimmenden Element des Judentums.

Gary Glassman: Gibt es archäologische Belege für die Eroberung Jerusalems durch die Babylonier?
William Dever: Die Übernahme Jerusalems durch Nebukadnezar II. im Jahr 586 vor Christus ist wohl eines der wichtigsten archäologisch nachweisbaren Ereignisse überhaupt. Leider gibt es dafür bis auf eine Schuttanhäufung am Tempelberg bisher kaum Belege, weil größere Ausgrabungen in Jerusalem unmöglich sind. Das heißt nicht, dass die Zerstörung nicht stattgefunden hat und dass sie keinen Wendepunkt darstellte. Man hätte annehmen können, dass die Gefangennahme der Eliten und die Verarmung der Bevölkerung das Schicksal des israelischen Volks besiegeln würde. Aber gerade im Exil blickten die Verfasser der Bibel zurück, sahen ihre Aufzeichnungen durch und formulierten einiges um. Aus dieser intellektuellen Rekonstruktion heraus entstand das frühe Judentum.

© WGBH EDUCATIONAL FOUNDATION. MIT FREUNDLICHER ABDRUCKGENEHMIGUNG. DIESES INTERVIEW IST EIN AUSZUG AUS DER ENGLISCHEN ORIGINALVERSION.


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BUCHTIPPS:
„Die archäologische Hintertreppe: Was Geschichte und Forschung über das Christentum verraten“, Dirk Husemann, Thorbeke 2007
„Wer schrieb die Bibel? So entstand das Alte Testament“, Richard E. Friedmann, Anaconda 2007
„David und Salomo: Archäologen entschlüsseln einen Mythos“, Israel Finckelstein, Neil A. Silbermann, Beck 2006

Erstellt: 09-12-08
Letzte Änderung: 19-11-09