Schriftgröße: + -
Home > Film > Stummfilm > Die Nibelungen > Über die Filmmusik der "Nibelungen"

Stummfilm

Die Cinémathèque Française ehrt Jean Epstein mit einer Retrospektive.

Stummfilm

Stummfilm: Uraufführung der restaurierten Version von Fritz Langs "Die Nibelungen" in Berlin - 26/04/10

… zum Raum wird hier die Zeit …

Zur Wiederaufführung und Neu-Einspielung der NIBELUNGEN-Musik von Gottfried Huppertz


Gottfried Huppertz’ NIBELUNGEN-Musik zählt zu den großen, stilbildenden Werken der frühen Filmmusik und war die erste Filmkomposition des Komponisten, der 1937, kurz vor seinem 50. Geburtstag, gestorben ist. Huppertz war vielseitig begabt; nach einem Musikstudium in Köln führten ihn erste berufliche Erfahrungen ans Theater als Schauspieler, Sänger und Bühnenmusiker.

Durch seinen Jugendfreund Rudolf Klein-Rogge, der in erster Ehe mit Thea von Harbou verheiratet war, kam Huppertz in Kontakt mit Fritz Lang; Lang engagierte Huppertz zunächst für kleinere Rollen in  Kämpfende Herzen (1920) und Dr. Mabuse, Der Spieler (1921), dann folgten Aufträge für Filmmusiken. Nach den NIBELUNGEN schrieb Gottfried Huppertz die Musik für zwei weitere Ufa-Großproduktionen, Zur Chronik von Grieshuus (1925) und Metropolis (1926). In der Tonfilmzeit entstanden fünf weitere Filmmusiken, u. a.  für den ersten Karl-May-Tonfilm Durch die Wüste (1935).

Mit seiner ersten Filmmusik hatte er sogleich eine große Herausforderung zu meistern: fast fünf Stunden Musik für sinfonisches Orchester. Huppertz hatte zunächst gezögert, den Auftrag anzunehmen, da er befürchtete, dass seine Musik nie unabhängig von Richard Wagner wahrgenommen würde, während die Aufgabenstellung – wie auch die Erwartung von Fritz Lang – eine ganz andere war: nämlich eine Musik zu schreiben, die primär den Anforderungen des Mediums Film entspricht und die musikalisch das Konzept fortführt, nach dem Thea von Harbou und Fritz Lang den großen Stoff aufbereitet und filmisch umgesetzt haben. 

Die Uraufführung der restaurierten Version von Fritz Langs "Die Nibelungen"
findet statt am 27. April 2010 in Berlin
Der Erfolg gab dem Trio recht. Gottfried Huppertz schrieb eine Musik, die sich nur entfernt an Richard Wagner anlehnt und die vor allem einen Klangraum schafft, der die Wucht der Geschichte suggestiv vergrößert. Huppertz’  NIBELUNGEN-Musik wirkt wie ein dreidimensionaler Rahmen, in dem der Film sehr präzise in Hinblick auf Tempo und Bewegung abläuft und in dem sich die stark ornamentalisierte  Choreographie eindrucksvoll entfalten kann. Mit einem relativ kleinen Vorrat von Themen leuchtet die Musik den Raum aus, sie macht ihn größer und kleiner, produziert Präsenz und Zeitlosigkeit und gibt der Geschichte zugleich etwas Statisches und Fatalistisches. Dabei bedient sich Huppertz zwar der Leitmotivtechnik für Figuren, Handlungen und Symbole, doch er geht mit diesen Motiven anders um als Strauss oder Wagner mit ihrem transzendierenden Fortspinnungsprinzip. Huppertz verarbeitet die Themen parataktisch, im Vordergrund steht für ihn das Zusammenspiel mit dem Film und seiner Montage, die eine klar definierte Zeitlichkeit für die Musik vorgibt.

 

Gottfried Huppertz hat mit seinem innovativen Verständnis von Filmmusik eine prominente Reihe von Nachfolgern, die vieles fortgeführt haben, was Huppertz in den NIBELUNGEN und später bei METROPOLIS an musikalischen Techniken entwickelt hat: Erich Wolfgang Korngold, Franz Waxman oder Max Steiner. Ein Glücksfall, für diese Premiere der neu edierten NIBELUNGEN-Musik ein hochkarätiges Orchester wie das hr-Sinfonieorchester zur Verfügung zu haben, das sich in seiner Arbeit gerade stark mit der Musiktradition des frühen 20. Jahrhunderts beschäftigt und das unter der Leitung von Frank Strobel eine exemplarische Einspielung der Filmmusik vorgenommen hat. Darin und in der festlichen Gala-Premiere findet eine ambitionierte Koproduktion zwischen Murnau-Stiftung, hr und ZDF/ARTE als Auftraggeber der neuen Musik-Edition ihren erfolgreichen Abschluss; die Erstausstrahlung der Produktion auf ARTE ist Ende 2010.


Nina Goslar
Filmredaktion ZDF/ARTE

 

 



Erstellt: 10-12-09
Letzte Änderung: 26-04-10