Im Focus: Der Erste Weltkrieg - 09/11/10
„Söhne ohne Väter und Lehrer“
Die langen Schatten der Schlacht an der Somme
Bei der blutigsten Schlacht des Ersten Weltkriegs, der Schlacht an der Somme, starben von Ende Juni bis Ende Oktober 1916 über eine Million Soldaten. Anders als in Frankreich und England nimmt diese Schlacht in Deutschland kaum einen Platz in der heutigen Erinnerungskultur ein. Doch in den Köpfen einer nicht mehr zum ersehnten Fronteinsatz gekommenen Kriegsjugendgeneration lebte das Vorbild des kalt entschlossenen, sich und dem Gegner gegenüber mitleidslosen Somme-Kämpfers mit dem harten Stahlhelmgesicht weiter: Der Generation der späteren SS.
Die Schlacht an der Somme war die größte und verlustreichste Schlacht des Ersten Weltkriegs. „La Grande Guerre“ und „The Great War“ nennen ihn die Franzosen und Briten treffend. Eine Material- und Abnützungsschlacht, die Vernichtung von Menschen in unvorstellbarem Ausmaß. Zweieinhalb Millionen alliierte Soldaten standen eineinhalb Millionen Soldaten der Mittelmächte gegenüber auf einem Frontabschnitt von etwa zwanzig Kilometer Breite. In der großen Eröffnungsoffensive feuerte die britische Artillerie sieben Tage und Nächte lang eineinhalb Millionen Geschützgranaten auf die deutschen Stellungen: Eine permanente Feuerwand, deren „Erfolg“ die britischen Generäle jedoch falsch eingeschätzt hatten, als sie am Morgen des 1. Juli 1916 ihre Infanterie aufrecht und in enger Linienführung auf die deutschen Schützengräben und somit in das deutsche Maschinengewehrfeuer marschieren ließen. Der schwärzeste Tag der britischen Militärgeschichte mit 19 000 Toten und 36 000 Verwundeten, Vermissten und Kriegsgefangenen auf der eigenen Seite, darunter auch viele Soldaten aus den den Kolonien und Dominions, vom Senegal bis Indien und Australien.... Berge von Leichen und Sterbenden türmten sich vor den Stellungen der Deutschen . „Das ist kein Krieg mehr, sondern gegenseitige Vernichtung mit technischer Kraft, was soll der zarte Menschenleib dabei“, schrieb der Student und Frontkämpfer Hugo Frick an seine Mutter. Eine Schlacht, die dann im November 1916 in den Wassern der Bombentrichter, Granatlöcher und Schützengräben versank zusammen mit den unendlich vielen Toten. Einen wirklichen Sieg gab es nicht, allenfalls einen minimalen Geländegewinn der Entente: Gerade mal acht Kilometer in fünf Monaten.
Die Schlachten in der kollektiven Erinnerung
In Frankreich und England ist die Erinnerung an die Somme-Schlacht im kollektiven Bewusstsein noch immer stark präsent, während sie in Deutschland als pure Verteidigungsschlacht verdrängt, heute geradezu vergessen ist. Die nationalistischen rechten Gruppierungen der Weimarer Republik und die Nationalsozialisten sahen in Verdun einen repräsentativeren Ort des heroischen Angriffskriegs der Deutschen und hielten ihn lieber in der Erinnerung wach.
Ernst Jünger, der heroische Somme-Krieger
Eines überlebte aber doch im Dritten Reich: Der Mythos vom heroisch-stoischen Somme-Krieger mit dem unbewegten ehernen Gesicht unter dem Stahlhelm, der Faust am heißen Gewehr und einer landsknechtartigen Gleichgültigkeit gegenüber dem Töten. Er ging in die Ikonographie der SS-Männer ein. Nicht ohne Einfluss war da der junge Ernst Jünger gewesen mit seinem ersten Buch, dem Kriegsbuch „In Stahlgewittern. Aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers“, dessen Urfassung, die echten Tagebücher, jetzt erstmals erschienen sind. Als junger Kriegsfreiwilliger hatte Jünger die „gewaltige Melodie des Krieges“ vor allem in der Schlacht an der Somme gehört. Ein Foto zeigt den 19jährigen mit einem Maximum an Handgranaten behängt und leerem Gesicht. Es werde ihm schwer fallen, schreibt er l916, sich dieses „Sprengstoffschmeißen“ abzugewöhnen. Der Stoßtruppführer par excellence, der Archetypus des Kriegers, der kein Bedürfnis nach politischer und militärpolitischer Information und überhaupt einer Deutung des gesamten Kriegsgeschehens hat, der nichts will als seine einsamen Attacken erfolgreich durchziehen, nur dem Krieg als solchem und dem Rausch der eigenen Kälte ergeben.
Das Selbstverständnis der Kriegsjugendgeneration
Vor allem auf das Selbstverständnis der Kriegsjugendgeneration wirkte Jünger ein, auf die zwischen 1900 und 1910 Geborenen, denen der Krieg zum ungewöhnliches Jugenderlebnis geworden war seit der Kriegsbegeisterung 1914, den Siegesschulfeiern, den Heeresberichten, auch dem Hunger, der Not und allen Entbehrungen bis hin zum Zusammenbruch der Welt der Väter, dem Umsturz und der Umkehrung aller Werte. Diese Generation hatte den Einsatz an der Front verpasst und sehnte sich nach solcher Bewährung. Werner Best, der Stellvertreter Heydrichs bei der Gestapo und einflussreicher Ideologe der SS, geboren 1903, war elf Jahre alt, als sein Vater 1914 an seinen Kriegsverletzungen an der Westfront starb, und 1918 fünfzehn Jahre alt. Er und seine Generation beunruhigten schon früh die Zeitgenossen, etwa E. Günther Gründel, der über die Kriegsjugendgeneration schrieb, sie sei „eine harte, nüchterne Generation“, „von zähem Willen“ und „besonderer Beherrschung der Kampfmethoden und Waffen beim Ringen um Dasein, Geltung und Erfahrung“. Vorherrschende Charakterzüge seien deutlich diese Kühle, Härte und „Sachlichkeit“.
Peter Suhrkamp, der Verleger, urteilte ahnungsvoll 1932 im Essay „Söhne ohne Väter und Lehrer“ über die Altergruppe der knapp Dreißigjährigen und baldigen jungen NS-Eliten: Auffallend sei ihr „Mangel an Humanität“, „ihre Achtlosigkeit gegen das Menschliche“. Sie zeigten eine „Fixigkeit“ und „Tüchtigkeit“ und „überraschende Selbstdisziplin“, aber „ihre Intellektualität“ sei „skeptisch und nicht selten sogar destruktiv“, „eine Philosophie der Destruktion“.
Werner Best stellte für sich l945 in dänischer Haft fest: „Vom 15. Lebensjahr an fühlte ich mich verantwortlich für die Wiederaufrichtung Deutschlands.“
Ein Artikel von Ariane Thomalla
Erstellt: 23-10-08
Letzte Änderung: 09-11-10