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Stolz und Vorurteil

Der Literaturklassiker "Stolz und Vorurteil", 1813 erstmalig veröffentlicht, ist der bekannteste Roman der britischen Schriftstellerin, mit dem sie schon zu Lebzeiten großen Erfolg hatte. Der Roman erzählt die Geschichte der jungen Elizabeth Bennet (Jennifer Ehle) und des stolzen Fitzwilliam Darcy (Colin Firth), die erst durch die Überwindung eigener Eitelkeiten und Vorbehalte zueinander finden.

> „Janeites“ und „Austenmania“

Stolz und Vorurteil

Der Literaturklassiker "Stolz und Vorurteil", 1813 erstmalig veröffentlicht, ist der bekannteste Roman der britischen Schriftstellerin, mit dem sie schon zu (...)

Stolz und Vorurteil

30/07/12

„Janeites“ und „Austenmania“ oder: Wie das Werk von Jane Austen bis heute für Begeisterung sorgt

Sechs Romane und einige kleinere Werke genügten, um Jane Austen zu einer der bedeutendsten englischen Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts zu machen, die sowohl bei ihren gebildeten Zeitgenossen als auch bei der breiten Masse Anerkennung fand.

Heutzutage vergleicht man die „Janeites“, die Bewunderer des Werks von Jane Austen, mit den „Trekkies“, den Hardcore-Fans der Star-Trek-Saga, so viele Internetseiten, Foren, tumblr-Seiten und Festivals gibt es zu ihren Ehren. Zahllos sind auch die Verfilmungen, von originalgetreuen Umsetzungen bis zu in weitestem Sinne an den Werken angelehnten Parodien – und zwar nicht nur der Romane, sondern auch ihrer Biographie, deren Undurchsichtigkeit wesentlichen Anteil an dem Mysterium und der Aura um Jane Austen hat.

 

The „good quiet Aunt Jane“

A Memoir of Jane Austen, veröffentlicht 1869 von ihrem Neffen James Edward Austen-Leigh, hat sehr dazu beigetragen, das Werk der Autorin in Erinnerung zu halten und galt bis 1940 als unangreifbares zeitgeschichtliches Dokument.

Die Biographie, die auf den Erinnerungen zahlreicher Familienangehöriger basiert, wurde selbstverständlich um die dunkleren Kapitel im Leben der Schriftstellerin bereinigt (ihren behinderten Bruder, ihre Liebschaften...), damit, wie damals üblich, die Ehre der bürgerlichen Familie nicht kompromittiert wurde. Weniger verzeihlich dagegen ist die Unterschlagung bzw. sogar das Neuschreiben einzelner Elemente, vor allem einiger Passagen aus ihrem parodistischen Werk Plan of A Novel (1816), in dem die zahlreichen Ratschläge zusammengefasst waren, die sie zum Schreiben des „perfekten Romans“ erhalten hatte. In der Bemühung, Jane Austens guten Ruf zu bewahren, stand ihm der Rest der Familie in nichts nach, denn nach ihrem Tod im Jahr 1817 verbrannte ihre Schwester und Vertraute Cassandra den Großteil der über dreitausend aufbewahrten Briefe.

Dunkle Schatten in ihrer Vergangenheit, ein ironisch-bissiger Schreibstil, ein (offenbar) freiwilliges Leben ohne Partner: Mehr braucht es nicht, um die Vorstellungskraft der treuen Leser, Fans oder Universitätsgelehrten in Wallung zu bringen – und das seit fast 200 Jahren.

„Janeites“, eine elitäre Erscheinung

Nach dem Wiedererwachen des öffentlichen Interesses im Anschluss an die besagte Biographie 1869 empfand die adlige und kultivierte Leserschaft das Bedürfnis, sich von den „einfachen“ Lesern abzusetzen, die sich dank der Veröffentlichung des Austenschen Werks in so genannten Volksausgaben (einem Vorläufer des Taschenbuchs) ab 1883 ebenfalls für die Schriftstellerin begeisterten. 1894 schöpfte ein Literaturexperte den Begriff Janeite als Bezeichnung für einen aristokratischen oder bürgerlichen Bewunderer von Austen, der sich als fähiger empfand, das Werk in seiner ganzen Subtilität zu erfassen und darin „einen Beweis für ihren eigenen guten Geschmack“ zu erkennen. Diesen Janeism beschreibt Claudia L. Johnson als „principally a male enthusiasm shared among publishers, professors and litarati“ („eine vorwiegend männliche Begeisterung unter Herausgebern, Professoren und Literaten“).

Genüsslich bemächtigten sich die Universitätsgelehrten Anfang des 20. Jahrhunderts des Begriffs und machten aus Jane Austen, die ihre ersten Romane noch anonym veröffentlicht hatte, nach und nach eine allseits geschätzte Schriftstellerin. Selbst Virginia Woolf bekannte sich in einem Vorwort zu Stolz und Vorurteil öffentlich als große Bewunderin von Jane Austen, die sie als „mistress of much deeper emotions than appears on the surface“ („Gebieterin über sehr viel tiefere Gefühle, als nach außen erkennbar ist“) beschrieb.

 

Das breite Publikum, das die Werke Austens nicht minder begierig verschlang, blieb bei diesem eingeweihten Zirkel zunächst außen vor, ebenso wie zu diesem Zeitpunkt die Sozialkritik und Ironie, die sich in jedem ihrer Romane verbarg. Es dauerte noch bis in die 1930er bzw. 1940er Jahre, bis die Austenmania zu einem Massenphänomen wurde und der Begriff Janeites sich von der Bezeichnung einer literarischen Elite zum bis heute verwendeten Schimpfwort für den einfachen Leser wandelte, der die Werke Jane Austens „aus den falschen Gründen“ liebt. Dahinter steckt eine ganze Ideologie...

Eine Aufwertung der Worte durch Bilder

Kino und Fernsehen rückten Jane Austen in den Blickpunkt des Interesses und machten ihre Werke erst zu wirklichen Literaturklassikern. Durch die große Nachfrage nach Theater- und Literaturvorlagen für die Verfilmung im Kino und im Fernsehen konnte sich Jane Austen sowohl bei den Kritikern als auch beim breiten Publikum durchsetzen.

Drei Generationen britischer Schauspieler, klassische wie volkstümliche, haben im Laufe ihrer Karriere irgendwann einmal einen der von Austen geschaffenen Charaktere verkörpert, angefangen beim großen Sir Laurence Olivier in der ersten Leinwandfassung von Stolz und Vorurteil aus dem Jahr 1940 (mit einem Drehbuch von Aldous Huxley!). Die gleiche Rolle wird später von Peter Cushing und Colin Firth verkörpert, während fast sämtliche angelsächsische Schauspielerinnen schon einmal Emma, Elizabeth, Marianne oder Elinor gespielt haben: Emma Thompson, Kate Winslet, Keira Knightley, Anne Hathaway, Gwyneth Paltrow, Billie Piper, Sally Hawkins und nicht zu vergessen Romola Garai, um nur die bekanntesten zu nennen.

 

Weitere Verfilmungen, bei denen es nicht so sehr um ein getreues Abbild der georgianischen Epoche ging, haben den berühmtesten Romanen der Autorin in einer modernisierten Fassung die Ehre erwiesen.

Der US-amerikanische Film und die Serie Clueless, eine weniger bekannte Verfilmung von Emma, ihrem vierten Roman, ist wohl das eindringlichste Beispiel für die Einbettung des Austenschen Werks in einen umfassenderen populärkulturellen Kontext, der zuweilen seine Ursprünge verleugnet.

Der Film verpflanzt die Heldin, verkörpert durch Alicia Silverstone, an ein Gymnasium in Beverly Hills, und bezieht sich somit stärker auf die gleichnamige Erfolgsserie als auf die Geschichte einer alten Jungfer in der englischen Provinz des 18. Jahrhunderts. Das eigentliche Intrigenspiel bleibt davon jedoch unberührt – ein junges, geistreiches Mädchen gefällt sich darin, die Menschen in ihrer Umgebung zu verkuppeln, bis sie feststellt, dass sie selbst überhaupt nichts von der Liebe weiß –, ebenso wie die frivole und ungenierte Art der Heldin, über die Jane Austen einmal sagte: „no one but myself will much like her („außer mir wird sie niemand wirklich mögen“), was das Publikum von Clueless angesichts der Figur von Cher Horowitz, der modernen Emma, durchaus nachvollziehen kann.

Eine weitere Epigonin Austens und ihrer Heldinnen und ebenfalls britisch ist Bridget Jones, für die der Neologismus „singleton“ geprägt wurde): die perfekte Verkörperung des modernen weiblichen Singles, dessen Eltern den idealen Bräutigam finden … der rein zufällig Mr. Darcy heißt, wie in Jane Austens Stolz und Vorurteil. Dargestellt Mark Darcy durch keinen Geringeren als Colin Firth, der in der berühmten BBC-Verfilmung von Stolz und Vorurteil aus dem Jahr 1995 auch den Austenschen Mr. Darcy verkörperte ... In der 1996 erschienenen Romanvorlage von Bridget Jones, deren einzelne Episoden seit Februar 1995 zunächst in der Tageszeitung The Independent veröffentlicht worden waren, werden die transtextuellen Beziehungen zwischen den beiden Werken umso deutlicher, wenn Bridget sich in ihre Fantasien um Mr. Darcy hineinsteigert und sich die Mini-Serie der BBC einige Dutzend Mal anschaut, bevor sie ein Interview mit Colin Firth persönlich führt, der in der Fernsehfassung den Mr. Darcy spielt und im späteren Kinofilm als Mark Darcy in Erscheinung tritt …

Nicht zu vergessen der Film Liebe lieber indisch, eine etwas exotischere Verfilmung von Stolz und Vorurteil (im Original:  Pride and Prejudice) mit der attraktiven Aishwarya Rai in der Hauptrolle. Auch hier findet man die Figur des faszinierenden Mr. Darcy unter ihrem ursprünglichen Namen (in diesem Fall dargestellt von Martin Henderson), während die weibliche Hauptfigur, Elizabeth Bennet, in jeder der genannten Verfilmungen einen anderen Namen trägt.

Jane Austen als Filmfigur: der Kreis schließt sich

Um dem bereits bestehenden Kult um Jane Austen die Krone aufzusetzen, wurde ihr Leben in jüngster Zeit mehrmals verfilmt, wobei sich die Figur der Schriftstellerin in einem verwirrenden Widerhall der Persönlichkeiten mit ihren Romanheldinnen überlagerte und zum Teil völlig mit ihnen verschmolz. Die in Hollywood aber auch von den Freunden der Autorenfilme so geschätzten Biopics machen hierbei keine Ausnahme. So kamen der Kinofilm Geliebte Jane (mit Anne Hathaway) und der Fernsehfilm Miss Austen regrets (am 5. Juli auf Arte) 2007 fast zur gleichen Zeit heraus.

 

Doch auch die Janeites kommen bei der aktuellen Jane-Austen-Welle nicht zu kurz (bzw. sorgen dafür): Neben verschiedenen Büchern, Filmen und Parodien rund um die Austen-Maniacs treffen in einer Miniserie (4 x 45 min, am 19. und 20. Juli auf Arte) ein moderner Janeite und seine Lieblingsfigur, Elizabeth Bennet, aufeinander und begeben sich gegenseitig auf Entdeckungsreise in die Welt ihres Gegenübers.

Die Inszenierung des Austen-Fantums nahm ihren Anfang 1926, als der britische Schriftsteller Rudyard Kipling eine Novelle mit dem Titel The Janeites veröffentlichte. Als großer Bewunderer Austens hatte Kipling nach dem Tod seines Sohnes im Ersten Weltkrieg unerwarteten Trost bei der Lektüre ihrer Werke gefunden. In The Janeites verschmelzen diese beiden Themen: Ein einfacher Soldat erhält aufgrund seiner leidenschaftlichen Begeisterung für das Werk Jane Austens Zugang zu dem elitären Zirkel der Offiziere, die sich selbst zum Janeism bekennen. Auf diese Weise wird der Kreis der Austen-Fans zu einer Art Geheimbund, der erneut die elitäre Wertschätzung des Werks über die Begeisterung der breiten Masse stellt.

 

So wie „einfache“ Fans von Herr der Ringe oder Harry Potter von Hardcore-Anhängern an den Pranger gestellt werden, weil sie sich nur die Filmversionen angeschaut haben ohne die jeweiligen Romanvorlagen zu kennen, müssen sich auch die Janeites der neuen Generation vergleichbare Vorwürfe gefallen lassen. Dabei ist es gerade Bridget Jones, Peter Jackson und Konsorten zu verdanken, dass die zunächst nur Eingeweihten vorbehaltenen Werke ein neues Publikum gefunden haben und zu neuer Wertschätzung gelangt sind. Ob nun Austen- oder Pottermania – leidenschaftliche Literaturliebhaber sind mittlerweile fester Bestandteil der Populärkultur, und zwar im besten Sinne des Wortes.

 

 

Oriane Hurard

Erstellt: 05-06-12
Letzte Änderung: 30-07-12