Harry Potter ist tatsächlich ein Zauberer. Es gibt sicher Leser, die sagen „Harry Potter und sonst nichts“, aber das sind die wenigsten. Im Großen und Ganzen hat Harry Potter – zumindest in Deutschland – die Leute auf’s Pferd gesetzt. Viele junge Menschen haben gemerkt „Mensch, lesen kann ja irre spannend sein“. In den langen Wartezeiten bis zum nächsten Potter-Band ist regelrecht der Bedarf nach mehr Lesestoff entstanden. Es wird tatsächlich mehr gelesen: außer dieser „Ikone“ wird nach anderen Büchern aus dem Fantasy-Bereich gefragt, nach Eragon, Bartimäus, Tintenblut – alles wie Harry Potter mehrbändige Reihen, die in großen Stückzahlen gekauft werden.
Was lesen Jugendliche außer Fantasy am liebsten?
Mädchen zwischen 9-12 Jahren lesen Liebesknaller. Krimis sind nach wie vor interessant aber auch Gruselthemen. Aber es gibt durchaus auch Leser für sozialkritische, realistische Themen.
Schmökern französische und deutsche Kinder in den gleichen Büchern, haben Sie ähnliche Vorlieben?
Ich glaube nicht. In Frankreich gibt es nicht solch einen Hang zur fantastischen Literatur. Dort war beispielsweise die Reaktion auf Harry Potter viel verhaltener als in Deutschland oder im englischsprachigen Raum. Die französische Kinderliteratur ist witzig mit einem relativ anspruchsvollen, erwachsenen Humor, aber auch viel rationaler, weniger fantasievoll als hierzulande. Traditionell gibt es nicht eine solch ausgeprägte Kinder- und Jugendliteratur in Frankreich wie in Deutschland. Sie ist erst in der Entwicklung.
Wie kommt das?
Es gibt in Frankreich nicht solch eine stark ausgeprägte Kinderkultur wie bei uns. Das fängt schon mit den Kinderliedern an. Da gibt es „Sur le pont d’Avignon“ und „Frère Jacques“ und dann kommen schon gleich die napoleonischen Marschlieder. Was bei uns die Romantik entwickelt hat – das Hinschauen zum Märchen, zum Volksgut, zu Liedern – das ist eine Phase, die es in Frankreich nicht gegeben hat. Und gerade damals setzte bei uns auch die Kinderkultur ein: u.a. wurden damals die ersten erzählenden Kinderbücher geschrieben.
Comics haben in Frankreich eine ganz große Tradition, welchen Einfluss hat dies auf das französische Kinderbuch?
Die „Bande dessinée“ hat in Frankreich in der Tat einen ganz anderen Stellenwert und wird altersübergreifend gelesen. Das macht sich auch im Kindersachbuch bemerkbar, das in Frankreich eine starke Tradition hat: im Bereich der Wissensvermittlung gibt es ganz hervorragende Bücher und Verlage.
Und bei den Comics ist Frankreich natürlich schon immer ein absoluter Vorreiter gewesen – lange vor den Amerikanern und erst recht vor den Deutschen. Aber gerade weil der Comic schon immer eine viel größere Rolle gespielt hat, hat dadurch das in unserem Sinn erzählende Kinderbuch in Frankreich einen schwierigeren Stand gehabt und beginnt erst jetzt, sich wirklich zu entwickeln. Wenn ich als Kind gelernt habe vor allen Dingen über die Optik zu lesen, also über Bilder und nicht über Buchstaben, dann tun sich die Buchstaben etwas schwerer. Das Herauslesen von Bildern aus Geschichten muss man auch lernen, nicht bloß das ABC.
Dominieren in Deutschland bei den Jugendbuchklassikern nicht die englischen Autoren wie Lewis Carrol mit „Alice im Wonderland“, „Die Schatzinsel“ von Robert L. Stevenson oder EnidBlytonsBücher?
Wieso? Michael Ende ist kein Engländer, Kirsten Boie und Otfried Preussler auch nicht, Christine Nöstlinger und Paul Maar sind deutsche Autoren, jetzt ganz neu Cornelia Funke.
Welche Klassiker aus Frankreich stehen bei uns in den Bücherregalen?
Es gibt relativ wenig französische Autoren bei uns im Verhältnis zu den Übersetzungen aus dem englischsprachigen Raum und das hängt eben auch damit zusammen, dass erst jetzt richtig für Kinder in Frankreich geschrieben wird. Aber die großen Namen sind natürlich übersetzt.
Welche französischen Autoren verkaufen Sie in Ihrer Buchhandlung, empfehlen Sie gerne?
Fangen wir gleich mit dem neuaufgefundenen „Kleinen Nick“ an, Sempré und Brunhoff sind wichtige Namen, die Babar-Bücher nicht zu vergessen oder „Krieg der Knöpfe“ von Pergaud, der bei uns schon lange bekannt ist und in Frankreich zur Nationalliteratur gehört.
Wie viel Sinn machen Altersangaben? Kinder einer Altersstufe können in ihrer Entwicklung ja sehr weit auseinanderliegen. Würden Anmerkungen zum Stil im Klappentext nicht mehr Orientierung geben?
Das wäre sicher sehr viel sinnvoller, denn es können Welten zwischen Lesern gleichen Alters liegen. Ich halte nur von einer sehr groben Alterseinteilung etwas, aber die meisten Käufer, aber durchaus auch Kollegen im Buchhandel, bestehen darauf, um sich zu orientieren. Was wir auf dem Klappentext haben, ist ein Stück Inhaltsangabe. Dort einen kurzen und aussagekräftigen Text zum Profil des Buches und zum Profil des Lesers anzubieten, ist wirklich richtig schwer. Mir ist es am liebsten, es steht dort gar nichts und man klärt das im Gespräch mit dem Buchinteressierten. Aber da würde natürlich ein Protest durch die Reihen gehen!
Und nicht jeder hat einen Buchhändler, der gut beraten kann, der alles gelesen hat....
Oft steht der Kunde natürlich allein in einer großen Buchhandlung und da ist man einfach froh über dieses kleine Stück Orientierung auf dem Klappentext
Was tun, wenn Kinder und Jugendliche keine Lust zum Lesen haben?
Vorlesen, wenn die Kinder klein sind. Bücher in der Familie als Selbstverständlichkeit haben: als Möbel, das benutzt wird. Über Bücher sprechen, sich erzählen lassen, Zuhören lernen, und das gilt besonders für die Erwachsenen. Wenn keiner zuhört, erzähle ich auch keine Geschichte – egal, ob ich sie real oder in einem Buch miterlebt habe. Wo auch immer man steht, als Erzieher, Lehrer, Onkel oder Großmutter, man muss Kindern gute Bücher anbieten, die sie mit auf einen Zauberteppich nehmen in eine andere Welt, oder noch besser in einen anderen Seinszustand, denn der Leser ist ja Hauptfigur in allen Büchern, die er verschlingt. Aus Erfahrung weiß ich, dass es einfach ist: wo immer sich jemand darum kümmert, hat er Erfolg – werden Kinder zu Lesern.
Warum ist Vorlesen so wichtig?
Heute wird in den Familien oft zu wenig erzählt, zu wenig zugehört, und schon gar nicht vorgelesen, weil man keine Zeit hat. Dabei sind es eigentlich ganz elementare Dinge, die zum Lesen führen. Wenn Kinder die Erfahrung gemacht haben, dass man sich ihnen zuwendet - dass man ihnen zuhört und ihnen vorliest – dann wollen sie selbst auch erzählen. Und dort, wo miteinander gesprochen wird, wo kommuniziert wird, ist Literatur. Da ist Sprache, denn die Kinder können sich ausdrücken und auch Sprache annehmen, die anders ist, eine Erzählsprache, die andere Töne anschlägt.
Das Interview führte Angelika Schindler, 7.12 2005






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