Nach mehreren von psychisch kranken Menschen begangenen Gewaltakten spricht man in Frankreich derzeit viel von der Verantwortung der Ärzte. Welche Verantwortung haben diese Ihrer Meinung nach, vor allem hinsichtlich eventueller Rückfälle der Patienten?
Gérard Massé : Die Verantwortung des Psychiaters ist vollkommen. Er muss der mentalen Zustand des Patienten beurteilen, mit ihm und mit seinen Familienangehörigen sprechen. Und sobald ein Patient das Krankenhaus verlassen kann, soll er dies auch tun können. Doch viele Patienten hören mit ihrer Behandlung auf, sobald sie draußen sind, da sie niemanden haben, der auf sie aufpasst. So kommt es zu Rückfällen. Manche davon führen zu Gewaltakten. Diese sind bedauerlich und geben ein sehr schlechtes Bild der Kranken und ihrer Betreuer wieder. Mit einer mobilen Behandlung kann dies zumeist verhindert werden, denn diese garantiert eine Behandlung außerhalb des Krankenhauses.
Wieso haben Sie den Vorschlag von Ilan Klipper einen Dokumentarfilm über Sainte-Anne zu drehen akzeptiert?
G.M : Wir bekommen hier sehr viele Anfragen von unterschiedlichen Medien. Doch dieser Junge schien seriös. Ich fand ihn besser, respektvoller als die Anderen. Er hat sich sechs Monate Zeit gelassen, bevor er zum ersten Mal mit einer Kamera dahergekommen ist. Und wenn ich mir das Ergebnis seiner Arbeit ansehe, so denke ich, hatten wir recht.
In Ihren Arbeiten sprechen Sie häufig von psychologischem Leid im Gegensatz zur psychischen Krankheit. Was meinen Sie damit genau?
G.M : Die Psychiatrie ist auch eine soziale Wissenschaft, die soziale Faktoren und eine Entwicklung der Gesellschaft in ihre tägliche Arbeit mit einbeziehen muss. Heutzutage bemerkte ich recht allgemeines Leid in unserer Gesellschaft. Fast alle Leute machen in ihrem Leben eine schwere Krise durch. Für manche Leute kann das schwerwiegende psychische Konsequenzen haben. Und diese psychischen Krankheiten lassen sich nur schlecht mit Medikamenten behandelt. Aber das hängt stark von gewissen Personen ab – manche Bevölkerungsschichten sind mehr betroffen als andere usw.…
Ältere Menschen, beispielsweise ?
GM : In der Tat. In Sainte-Anne haben wir spezielle Zimmer für ältere Menschen. Diese Bevölkerungsgruppe stellt zwei Probleme: Wie kann ich seit jeher kranke Menschen in ihrem Alter behandeln und wie behandle ich Menschen, die an alterbedingten Erkrankungen wie Alzheimer leiden? Dazu kommt noch, dass Altern einfach traurig ist. Häufig stirbt Ihr Lebenspartner, ihre Freunde… Und dies kann starke geistige Folgen haben und Angstzustände oder Depressionen hervorrufen.
Welches sind heute die größten Herausforderungen für die Psychiatrie?
G.M : Da gibt es so viele. Es wurde fantastische Fortschritte gemacht in den letzten Jahrzehnten. Doch heute kämpfen wir in Frankreich mit der Desinstitutionalisierung. Wir haben immer weniger Betten für immer mehr Leben. Wir wissen manchmal nicht mehr, wen wir wo und wie behandeln sollen. Und dann ist da noch das Verhältnis zwischen öffentlichen und privaten Kliniken. Es ist wichtig ein System zu haben, in dem die Leute die Wahl haben. Doch wir müssen aufpassen, den Privaten nicht einfach nur die lukrativen Krankheiten zu überlassen ohne dabei gleichzeitig den öffentlichen Einrichtungen neue Mittel zukommen zu lassen.






per E-Mail verschicken
Facebook
Twitter
RSS

