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09/11/09

„Eine DDR ohne Mauer war nicht vorgesehen“

Interview mit Dr. Jochen Staadt, Projektleiter am Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin.

arte.tv: Die Ereignisse in den Monaten vor dem 9. November 1989 scheinen aus heutiger Sicht geradlinig bis zum Mauerfall zu führen – gab es damals auch kritische Momente, an denen die Situation ins Negative hätte umschlagen können?

Dr. Staadt: Sicher, die Entwicklung hätte auch anders verlaufen können. Sie müssen aber bedenken, dass die politische Führung der DDR so kurz vor dem 40. Jahrestag der Staatsgründung eine Eskalation, die dem Ansehen der DDR geschadet hätte, unbedingt vermeiden wollte. Das Kalkül war: Wir lassen die Demonstranten bis zum Jubiläum gewähren, danach werden wir sie wieder unterdrücken können.

Warum ging dieses Kalkül nicht auf?

Das Politbüro hatte einfach nicht damit gerechnet, dass so viele Menschen auf die Strasse gehen würden. Die Situation war auf einmal nicht mehr überschaubar, als bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig die Menschenmassen immer weiter anschwollen.

Bei der Montagsdemonstration am 9. Oktober gab es einen Einsatzbefehl für die Sicherheitskräfte, der jedoch zurückgezogen wurde. Ist klar, auf wessen Anordnung hin?

Es gab die Einsatzbefehle zwar, aber in den Planungen ging man von einer weitaus kleineren Menschenmenge aus. Die Stasi rechnete mit etwa drei- bis fünftausend Demonstranten, man glaubte, dass man die Rädelsführer fassen könnte. Für eine Menge von 70.000 Demonstranten gab es jedoch kein Konzept. Auch die Anrufe in Berlin nützten nichts: Es gab von dort keine Anweisungen mehr, die stellten sich tot.

Am 18. Oktober trat Erich Honecker zurück, nachdem die Politbüro-Mitglieder Egon Krenz und Günter Schabowski sich vorher verabredet hatten, ihn bei der Krisensitzung des Politbüros zu diesem Schritt aufzufordern. Wie wichtig war es, dass Honecker zu diesem Zeitpunkt sein Amt abgab?

Zu diesem Zeitpunkt war eigentlich schon alles gelaufen. Krenz, Schabowski und sogar Mielke (Minister für Staatssicherheit der DDR, Anm. der Red.) hatten vorher konspiriert und sich bei Gorbatschow rückversichert, dass der Entmachtung Honeckers nichts im Wege stehen würde. Doch als Krenz die Nachfolge Honeckers antrat, war er in den Augen der Bevölkerung unglaubwürdig und aktionsunfähig. Er war realitätsblind: Er dachte, wenn er als neuer Staatsratsvorsitzender auf die Straße träte, würden die Menschen ihm zujubeln. Das taten sie natürlich nicht. Er hat die Situation verkannt.

Haben andere Mitglieder des Politbüros klarer gesehen?

Schabowski hat die Situation wohl eher durchschaut.

War ihm also klar, dass die Mauer fallen würde?

Es war ja so, dass die Frage der Reisefreiheit schon seit Monaten im Politbüro diskutiert wurde. In den Tagen vor dem 9. November hatte man sich auf eine weitreichende Änderung der Reiseregelung geeinigt: Demnach sollten Reiseanträge künftig zügig genehmigt werden. Man war sich auch einig, diese Änderung rasch auf den Weg zu bringen. Als Schabowski am 9. November zur Pressekonferenz ging, bei der er die geänderte Reiseregelung verkündete, wusste er aber nicht, ab wann genau das gelten sollte. Er bekam einen Zettel zugesteckt, dass die Regelung unmittelbar gelten solle. Gemeint war damit erst der nächste Tag, aber interpretiert wurde es als "sofort".

War dem Politbüro nicht klar, dass damit die Mauer fallen würde?

Dem Politbüro ging es darum, auf Zeit zu spielen. Sie dachten: Wenn wir die Reisefreiheitsregelung ändern, dann nehmen wir den Druck raus. Danach wird sich die Lage schon wieder beruhigen. Eine DDR ohne Mauer, das war so nicht vorgesehen. Das trifft im übrigen auch auf viele Oppositionsgruppen zu: Sie forderten Reformen, aber dachten nicht zwangsläufig an einen Beitritt zur Bundesrepublik.

War mit dem ersten Loch im „Eisernen Vorhang“ an der Grenze zwischen Ungarn und Österreich unumkehrbar der Anfang vom Ende eingeleitet?

Dieses erste Loch hat sicherlich mit zum Zusammenbruch geführt. Man darf aber nicht vergessen: Die Situation in der DDR war schon vorher verfahren, der Staat war über Jahre am Rande des Bankrotts. Und ohne die Politik Gorbatschows wären die Umwälzungen im Ostblock sowieso nicht möglich gewesen. Die Entwicklung in Polen war unglaublich wichtig für den Mauerfall: Dort hatten die Menschen gegen harten Widerstand die ersten freien Wahlen im Juni 1989 erkämpft, auch Ungarn war viel weiter als die DDR. Den Ungarn und Polen haben wir viel zu verdanken.

Das Interview führte Anja Waltereit


Erstellt: 30-10-09
Letzte Änderung: 09-11-09