Schriftgröße: + -
Home > Kultur > Buch- und Krimiwelt

Buch- und KrimiWelt

Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

> Krimitipp > „Demokratie auf rumänisch“

Buch- und KrimiWelt

Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

Buch- und KrimiWelt

24/09/13

„Demokratie auf rumänisch“

Der Geheimdienst Ceausescus, die Securitate, ist nie wirklich aufgelöst worden und noch heute wird die Nobelpreisträgerin Herta Müller beschattet, wenn sie nach Rumänien fährt. In ihrem Essay "Cristina und ihre Attrappe" schildert sie ihre Erfahrungen mit der Securitate.

  • Herta Müller auf der Frankfurter Buchmesse

Previous imageNext image

Der Nobelpreis hat manches ins Rollen gebracht. Ehemalige „Mitstreiter“ aus Ceaucescus eiserner Garde, dem vor Mord nicht zurückschreckenden Geheimdienst Securitate, fühlen sich herausgefordert. Herta Müller wird wieder mit der gleichen Infamie wie vor 1989 verleumdet. So ließ vor wenigen Tagen der frühere stellvertretende Securitate-Chef in Temeswar, Radu Tinu, heute Filialleiter der rumänischen Versicherungsgesellschaft Asirom in Temeswar in der rumänischen Tageszeitung „Adevarul“ verlauten: Herta Müller habe „eine Psychose“. Bei weitem sei sie nicht so oft abgehört worden, wie sie behaupte. Nicht so oft? Aber oft genug?

Der neue alte Geheimdienst SRI
Reizpunkt ist Herta Müllers Essay mit dem komplizierten Titel „Cristina und ihre Attrappe oder Was (nicht) in den Akten der Securitate steht“, der im Sommer in der Wochenzeitung „Die Zeit“ und jetzt in Buchform beim Wallstein Verlag erschien. Darin erzählt sie ihre Leidensgeschichte als Opfer der Securitate vor und auch – wohlgemerkt – nach l989. Bis heute wird sie, wenn sie nach Rumänien fährt, beschattet, ihr Hoteltelefon abgehört, ihren Besuchern von der Hotelrezeption ein Besucherformular abgenötigt.

„Demokratie auf rumänisch“ sei das, schreibt sie. Es sei bekannt, dass sich der Geheimdienst Ceausescus, die Securitate, nicht aufgelöst, sondern nur in SRI (Rumänischer Informationsdienst) umbenannt habe. Nach eigenen Angaben habe der SRI 40 Prozent, also das jüngere, agile Personal der Securitate übernommen. Die übrigen 6o Prozent, vermutet die Autorin, seien Rentner mit dreimal höheren Renten als alle anderen oder „die neuen Macher der Marktwirtschaft“. „Im Chaos der Wendezeit haben sie sich ihre Schnäppchen besorgt – Banken, Fabriken, Hotels, Reisebüros, Tankstellen etc. Ihr Netz überzieht das Land vom Parlament über die Wirtschaft, Justiz, Universitäten bis in die Krankenhäuser.“ Dieses Netz sorge für die „allgegenwärtige Korruption“.

Werfen Sie hier einen Blick in das Blog "Mein 1989. Winds of change in Osteuropa"

Publizisten, Regisseure und Schriftsteller aus Osteuropa erinnern sich an ein Datum, das 1989 in ihrem Land das Ende der Diktatur brachte.

U.a. beschreibt der rumänische Filmemacher Alexandru Solomon, wie er den 25. Dezember 1989 erlebte, den Tag an dem sich Rumänien sich von seinem Diktator befreite.
Das Fiasko der rumänischen Gauckbehörde
Auf Drängen der EU war in Rumänien nach dem Vorbild der deutschen „Gauck“- oder „Birthler“Behörde 1999 die CNSAS gegründet worden. Doch verblieben die Akten, die geöffnet werden sollten, um die Täter zu erfassen und zu bestrafen, beim „neuen alten“ Geheimdienst SRI. Ein Feigenblatt also, dass man, nachdem Rumänien 2007 in die EU aufgenommen wurde, wieder fallen ließ. Das rumänische Verfassungsgericht entzog der CNSAS die rechtliche Grundlage. Vorwand: Datenschutz! Die früheren „Securisten“, ob Offiziere, Informanten, Kollaborateure müssen jetzt kaum noch fürchten, belangt zu werden. Auch jene Agenten nicht, die mit „Mordaufträgen“ bis nach Deutschland unterwegs waren. Herta Müller wurde seinerzeit vom deutschen BND vor ihnen gewarnt. Anonyme Drohanrufe erreichten sie nicht nur in Berlin, auch noch in Rom als Stipendiatin der Villa Massimo.

Eine fein säuberlich „entkernte“ Akte
14 Jahre war sie dem Psychoterror der Securitate ausgeliefert. Es reichte von ständigen Einbrüchen in ihre Wohnung, der permanenter Abhörung durch Wanzen in allen Zimmern, der Beschattung und der Überfälle auf der Strasse bis zur Abführung zu brutalen Verhören. Sie verlor ihren Arbeitsplatz, wurde ohne Arbeit jedoch als parasitär mit allen möglichen Folgen eingestuft. Dass sie physisch überlebte und nicht zum Beispiel – wie angedroht - im Fluss ertränkt wurde, verdankte sie der Öffentlichkeit im Westen. 2004 konnte sie endlich ihre unter dem Namen „Cristina“ geführte Akte einsehen, drei Bände, 914 Seiten, und mußte entdecken, dass diese nicht nur „frisiert“, sondern auch über zehn Jahre lang fein säuberlich „entkernt“ worden war. Viele Aspekte, Fakten und Personen fehlen. All das, was hauptamliche Securisten belastet hätte. Auch die Namen der Spitzel waren eliminiert. „Es ist dafür gesorgt, daß die Securitate nach Ceausescu zu einem abstrakten Monster ohne Täter wird.“


Buchtipp:
Atemschaukel
von Herta Müller

Hanser Verlag. München/Wien 2009. 304 Seiten,
19,90 EUR

>> Rezension von Jörg Plath

>> Video: Herta Müller stellt Atemschaukel auf der Frankfurter Buchmesse vor

Die dunkle Seite der Landsmannschaft
Nur einer von über dreißig Spitzelnamen war kenntlich geblieben: SORIN. Der betreffende Herr lebt längst in Deutschland. Von 1992 bis 98 war er Kulturreferent der Landsmannschaft der Banater Schwaben. Ausführlich geht die Autorin auf dieses Thema ein. Die Banater Schwaben, schreibt sie, hätten sich in Deutschland „eine Kopfheimat aus Blasmusik, Trachtenfesten, schmucken Bauernhäusern und geschnitzten Holztoren“ geschaffen. Ihre Gründungsmitglieder seien jedoch die Führungspersonen der nationalsozialistischen Volksgruppe gewesen. Es fehlte bis heute jede Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit. Als Partner hätte die Landsmannschaft, empört über ihr erstes Buch „Niederungen“, die Securitate bei den „Maßnahmen zur Kompromittierung und Isolierung“ von Herta Müller unterstützt. Auch als sie dann schon in Deutschland war. Deutschland sei „ein gemütliches Reservat“ für Securitate-Spitzel von einst. Die Stasi-Debatte hierzulande könne ihnen „den Buckel runterrutschen“. Sie seien alle inzwischen deutsche Staatsbürger, doch für die deutschen Behörden undurchschaubar. „Ihre Spitzeltätigkeit ist hierzulande exterritorial“. Und keineswegs seien ihnen ihre Führungsoffiziere abhanden gekommen. „Sie sitzen nämlich heute im rumänischen Geheimdienst“. Niemals habe der Deutsche Bundestag, der die Arbeit der Landsmannschaft vor und nach der Diktatur finanzierte, „eine Untersuchung der Verstrickung ihres Personals mit der rumänischen Diktatur“ gefordert. Die Landsmannschaft selbst weigert sich bis heute, schreibt Herta Müller, den Einfluss der Securitate in ihren Reihen zu untersuchen. Niemals habe sie dort während all der Jahre des Ceaucescu-Regimes auch nur ein einziges kritisches Wort geäußert.


Cristina und ihre Attrappe:
oder Was (nicht) in den Akten der Securitate steht

von Herta Müller
Verlag: Wallstein
Oktober 2009
ISBN-13: 978-3835306288

Die Attrappe von Cristina
„Cristina oder ihre Attrappe?“ Herta Müller fand in ihrer Akte den Nachweis, daß in der „Fälscherwerkstatt der Abteilung D (Desinformation)“ eine „Attrape“ zu Cristina“, sprich Herta Müller, fabriziert wurde, die ihre Person infam verleumden und vernichten sollte. Eine böse Verdrehung ihrer Existenz, die ihr überallhin voraus- oder nachgeschickt wurde und alle menschliche Glaubwürdigkeit nahm. Die Attrappe war alles, was sie nicht war: systemtreue Kommunistin, skrupellose Agentin, Parteimitglied. „Dass ich nun als Spitzel galt, weil ich mich geweigert hatte, ein Spitzel zu werden, war schlimmer als die Anwerbung und Todesdrohung. Durch die Verleumdung wird einem die Seele geraubt. Man ist nur noch monströs umzingelt. An dieser Ohnmacht erstickt man fast“. Noch heute wird sie immer wieder verleumdet, auch jetzt nach der Auszeichnung durch den Nobelpreis. Vor allem in den Kampagnen aus den Reihen der Banater Schwaben. Die Diktatur, sagt sie, ist seit zwanzig Jahren passé, dennoch „irrlichtert diese Attrappe umher. Wie lange noch?“


von Ariane Thomalla


Mehr zum Themenabend




Erstellt: 23-11-09
Letzte Änderung: 24-09-13