Tobias Gohlis/Die ZEIT 11.11.2010
KrimiWelt-Bestenliste Dezember 2010
Der Winter, das ist bei Åke Edwardson eine innere Jahreszeit. Mag draußen auf den Schären vor Göteborg oder in der urbanización „Nueva Andalucía“ die Sonne strahlen – im Inneren seiner Ermittler herrscht Dunkelheit und Unsicherheit. Erik Winter, Edwardsons Kommissar seit mehr als zwanzig Lebensjahren, seelisch zum Korsett erstarrt in der Vorstellung, „am lebendigsten zu sein, wenn er sich mit dem Tod beschäftigt“, zerbricht. Am Ende einer langen Reise durch die Winternacht steht er an einem andalusischen Swimmingpool und sieht tatenlos, dem Ringkampf zweier Männer zu, die ineinander verkrallt im blauen Wasser ertrinken. Und begreift: „Ich kann nie mehr zurückgehen.“ Zurück, das ist Göteborg, zurück, das ist das unwägbare schwankende Terrain der Todesermittlungen, auf dem sich Winter ein Berufsleben lang bewegt hat.
„Der letzte Winter“ lautet programmatisch doppeldeutig der zehnte Band eines weiteren Dekalogs aus Schweden. Nach Sjöwall/Wahlöö, Henning Mankell, Håkan Nesser, Arne Dahl nun auch Åke Edwardson. Ich habe die Romane des 1955 geborenen Autors erst nach und nach schätzen gelernt, anfangs schienen sie mir ein bisschen bräsig. Doch jetzt, auf dem Höhepunkt seines Könnens, zeigt Edwardson traumtänzerische Qualitäten, die ihn wohltuend vom Entertainment-Gedröhne der Krimi-Massenware unterscheiden. Ein Stieg Larsson wirkt gegen ihn wie ein tumber Axtmörder. Edwardsons Kunst ist die Verwandlung der ganz wirklichen, langweiligen Wirklichkeit in ein Mysterium, ohne diese Wirklichkeit in auch nur einem Moment zu verlassen.
„Der letzte Winter“ beginnt mit zwei Szenen, die wie Traumbilder wirken. In der ersten lässt Kommissar Winter mit seinen kleinen Töchtern am Strand Steine über die Ostsee tanzen. Dann treibt etwas Helles an Winters Strand: der Leichnam eines Mannes. Die zweite ist noch rätselhafter, noch näher am Albtraum: Ein junger Mann wacht frühmorgens auf und findet neben sich im Bett seine Frau erstickt vor. Und als ob das nicht genug wäre, geschieht das ein Haus weiter noch einmal. Erik Winter ist fasziniert, irritiert: Die beiden Männer, die neben ihren erstickten
Partnerinnen aufgewacht sind, gestehen nicht. Sie verbergen etwas, aber was, wollen oder können sie nicht sagen. Auf ein Geheimnis hinter dem Geheimnis dieser Morde ohne Spuren stößt Gerda Hoffner, eine junge Streifenpolizistin, die hier zu ihrem ersten Toten gerufen wurde. Jetzt lässt der Fall sie nicht los – ihre Neugier wird sie beinahe das Leben kosten – und entdeckt kaum feststellbare Arrangements – Zeichen ohne Erklärung. „Warum es ein Mysterium ist? Wenn man etwas erklären kann, ist es kein Mysterium mehr.“ Wie oft bei Edwardson führen die mit detektivischer Intuition aufgetanen Hinweise in die Vergangenheit – und an diesen Pool in Andalusien. Edwardson fesselt durch Beteiligung: In den tastenden, irrenden Bewegungen seiner Ermittler spiegeln sich unsere eigenen. Gute Nachricht: Vielleicht wird Åke Edwardson diesen einzigartigen lebensnahen, nachdenklichen Erik Winter, diesen Solitär unter den Kommissaren, nicht wie geplant in Andalusien verschwinden lassen.
Sylvia Staude/Frankfurter Rundschau Oktober 2010
KrimiWelt-Bestenliste Dezember 2010
Erik Winter heißt der melancholische, Jazz und gutes Trinken liebende Protagonist von nunmehr zehn Kriminalromanen Ake Edwardsons. Der Name des Kommissars hat es dem deutschen Verlag leicht gemacht, er konnte „Den sista vintern“ übersetzen mit „Der letzte Winter“. Denn Edwardson mag nicht mehr. Und lässt darum seinen Ermittler nicht mehr mögen: zu viele Tote, zu viele Kopfschmerzen und böse Träume. Um den Schritt in die Rente plausibel zu machen, muss der letzte Fall noch einmal an den Kräften des Polizisten zehren. Seine kleine Tochter entdeckt also beim Spielen am Meer eine Leiche, junge Frauen sterben mysteriöserweise, ohne dass die neben ihnen schlafenden Lebensgefährten etwas bemerkt hätten. Und die betroffenen Familien wissen wie immer mehr, als sie zu erzählen bereit sind. Edwardson hat auch seinen letzten „Winter“ sorgfältig konstruiert und atmosphärisch fein angereichert. Und er lässt seinen Helden, anders als Kollege Henning Mankell, aus freien Stücken und bei noch guter Gesundheit aufhören. So möge also Erik Winter noch was vom Leben haben. Und Edwardson sich viele interessante neue Figuren ausdenken.







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