Schriftgröße: + -
Home > Europa erkunden > Russland 2009 > Doku

Russland 2009

Der Film spiegelt die Atmosphäre des Intellektuellen- und Künstlermilieus der Jahre nach der Perestroika wider.

Russland 2009

Russland - 31/08/09

«Tschunga-Tschanga», ein Film von Natalija Koselskaja

Natalija Koselskaja zeichnet in „Tschunga-Tschanga“ ein sehr persönliches und bestürzendes Bild der Künstlerkreise von Sankt Petersburg und Moskau. Der Film ist ein Spiegelbild der orientierungslos gewordenen Gesellschaft in den Übergangsjahren zwischen der Perestroika und Putins Machtübernahme 2000.
Der Film wurde in Russland gedreht und 1999 auf dem Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm gezeigt. Es ist der Abschlussfilm ihres Studiums an der Mainzer Filmhochschule.

zurück vorwärts

– Vorstellung des Films durch die Regisseurin Natalija Koselskaja

Der Name „Tschunga-Tschanga“ stammt aus einem Kinderlied, das in Russland in den 70er Jahren populär war. So heißt eine imaginäre Insel, das sonnige Paradies, das irgendwo im Süden existiert. Die Suche nach diesem Paradies, nach dem „belebenden Quell“ beschäftigt die Protagonisten des Films. Wie geht man mit der Realität um, wenn sie absurde Züge annimmt und mit Normalität wenig zu tun hat?

Der Film wurde im Underground-Stil der 1970er Jahre gedreht. Der Schnitt des Films unterliegt dem Zufallsprinzip, ohne willkürlich zu verfahren, und bietet einen überraschenden, lebensnahen Zugang zu den Künstlern und ihren Werken – als handele es sich um Zufallsbegegnungen. Er fungiert als eine Art „Dosenöffner“, der die Zeitdose aufbricht. Um welche Zeit es sich handelt, die sich in Porträts von Künstlern, Dichtern und Kindern spiegelt, bleibt anonym und unbestimmt. Die Anonymität der Protagonisten unterstreicht die begrenzte Bedeutung und tatsächliche Präsenz dessen, was wir „Zufall“ oder „Schicksal“ nennen.“

 

 

– Ein Kommentar der Regisseurin Natalija Koselskaja zehn Jahre nach Entstehung ihres Films

Die „Rechnungseinheit“ war zur Zeit der Inflation im postkommunistischen-postmodernen Russland der 1990er Jahre das rätselhafte Element, das das reale Geld ersetzte. Als ich neun Jahre später – ich hatte in dieser Zeit im Westen gelebt und hier mein Filmstudium absolviert - und mit entsprechendem Abstand nach Russland (genauer gesagt: Moskau und Sankt Petersburg) zurückkehrte, sah ich die dazugehörigen Statisten und ihre Rätsel mit den Augen einer Reisenden und in gewissem Sinne einer Touristin. Durch das bisschen Macht, das ihnen ihre Funktion verleiht, nahmen die Aufseherinnen in der Eremitage ein fast künstliches Erscheinungsbild an und begannen, dem im selben Raum ausgestellten „Fenstern“ von Alexej von Jawlensky oder dem „Quadrat“von Malewitsch zu ähneln. Der durch den Zusammenbruch des gesellschaftlichen Systems vermittelte Eindruck der Zeitfremdheit und die fast anekdotisch wirkende Alltagsroutine waren erdrückend und zugleich inspirierend für meine Arbeit.

Der französische Philosoph Clément Rosset behauptet, dass die Wirklichkeit immer auf der Seite der Fantasie stehe, und nur sie letztere darstellen könne. Dagegen kann bekanntlich die Illusion – dieser Dämon, vor allem in der Politik - die schlimmsten, das heißt mörderischsten und unmenschlichsten Utopien hervorbringen.
 
 „Tschunga-Tschanga“ stellt die universellen Kreuzwege von Fantasie und Illusion in Bildern dar.“


Im Laufe ihrer langen Jahre im Ausland wurde es Natalija Koselskaja möglich, sich eine Distanz zu ihrem Heimatland aufzubauen und gleichzeitig mit einem viel weniger idealistischen Blick den Westen zu betrachten. Sie lebt in Paris und arbeitet an ihrem neuen Projekt, einem Langspielfilm „Transitzonen“ in Koproduktion mit Deutschland, Frankreich, Bulgarien und Russland.


Konzeption und Koordination des Dossiers: Claire A. Poinsignon

Erstellt: 29-07-09
Letzte Änderung: 31-08-09

+ aus Europa erkunden