Zwei Fälle beschäftigen Detective Inspektor Hal Challis: ein kleines Mädchen ist vor fast einem Jahr verschwunden, und die Leiche eines unbekannten Mannes wurde mit einem Anker in der Bucht versenkt und zufällig von einem Fischer gefunden. Doch dabei bleibt es nicht: im Peninsula District, einer Halbinsel südlich vor Melbourne, häufen sich unangenehme und gewalttätige Vorkommnisse: Eine Sportfliegerin wird bei der Landung gefährlich behindert, und Challis‘ Kollegin Ellen Destry stolpert auf der Party ihrer halbwüchsigen Tochter über einen bewusstlosen Studenten.Der Historiker Garry Disher, der selbst an der australischen Südküste lebt und nicht nur Krimis, sondern auch Romane und Kinderbücher schreibt, komponiert aus Momentaufnahmen des Alltagslebens vieler Einzelner und der Beobachtung wachsender Bedrohung eine Atmosphäre, die sich immer mehr zu erhitzen erscheint. Die Figuren sind knapp und genau gezeichnet: der „Einmischer“, ein Querulant mit angeleintem Frettchen, dessen Selbstgerechtigkeit ihn zu seinem Mörder führt, der Farmer Munro mit der Schrotflinte und der eingeschüchterten Ehefrau, die Subkultur der arbeitslosen Drogenkonsumenten, die Opfer, denen die Polizei nicht helfen kann.
Doch auch die Polizisten sind Teil dieses Geflechts, das durch steigenden sozialen Druck und Hoffnungslosigkeit geprägt wird. In der Figur des Polizisten Tankard gelingt es Disher besonders gut, die Nähe von Verfolgern und Verfolgten, Verbrechern und Ordnungshütern zu zeigen.
Mit „Flugrausch“ ist Garry Disher wieder ein perfekt komponierter Polizeiroman gelungen, mit großem Detailwissen und feinem Gespür für die gesellschaftlicher Balance, die immer wieder ins Wanken kommt und in mühevoller Sisyphosarbeit immer wieder hergestellt werden muss. Dishers Sprache und sicher auch Peter Torbergs Übersetzung sorgen für einen fast musikalischen Rhythmus und ein besonderes Lesevergnügen.
Lore Kleinert/Radio Bremen
Ian Rankin: Das Souvenir des Mörders
Es hat ein paar Jahre gedauert, aber jetzt liegt endlich die Serie der Romane, die Ian Rankin um seinen schwer melancholischen, schwerbäuchigen und schwer dem Alk zuneigenden Polizeiaußenseiter Rebus geschrieben hat, bis auf die ganz aktuellen Titel komplett auf deutsch vor. Es ist ein Werk von fast schon Balzac’scher Vielfältigkeit und von gewaltigem Umfang, das der 1960 geborene Rankin da um Edinburgh und sein geheimes Zentrum, die Oxford-Bar, gesponnen hat. Hier, im 1997 entstandenen „Das Souvenir des Mörders“, geht es um die Konkurrenz zweier rivalisierender Serienkiller, ein aparter Beitrag zur ausufernden Thematik – ganz aus der Sicht der ermittelnden Polizisten.Tobias Gohlis
Leonardo Padura: Das Meer der Illusionen
Mit dem vierten und letzten Band des "Havanna-Quartetts" ist der kubanische Autor Leonardo Padura im "Herbst" angekommen. Der Teniente Mario Conde, bislang ein untadeliger Ermittler, schmeißt mit 36 den Polizisten - Job hin. Man hat seinen verehrten Vorgesetzten aus fadenscheinigen Gründen in Pension geschickt, Zeit für eine Veränderung findet Conde, der sich noch ein allerletztes Mal breitschlagen lässt, einen Fall zu bearbeiten.Wie immer siedelt Padura das Verbrechen in höheren Kreisen der Politprominenz an. Diesmal ist es ein Exil-Kubaner auf einem kurzen Heimattrip, der erschlagen und mit abgeschnittenen Geschlechtsteilen im Meer treibt. Dass der Tote nicht nur Freunde hatte, ergibt sich aus seiner früheren Profession: er war in den sechziger Jahren für die Enteignungen in der Provinz Havanna zuständig gewesen, bevor er sich auf einer Dienstreise absetzte.
Der Kriminalfall selbst ist nur ein Transportvehikel für die Schilderung der inneren Befindlichkeit Condes, welche wiederum eine Spiegelung der allgemeinen Stimmung ist. Flucht ist angesagt. Conde erinnert sich mit nostalgischen Gefühlen an seine Schulzeit, als er und seine Freunde an die Versprechungen glaubten, die Welt, die vor ihnen lag, würde eine bessere werden. Nun flieht einer seiner Freunde in die religiöse Umarmung der Adventisten, ein anderer gibt der betroffenen Runde bekannt, dass er um die Erlaubnis zur Auswanderung angesucht hat. Conde denkt eher an innere Emigration. Sein geheimer Traum ist, Schriftsteller zu werden. Er beginnt, weil er sich noch nicht an seine eigene Rückschau wagt, auf seiner alten Underwood die tragische Geschichte über das ungerechte Schicksal seines Freundes Carlos aufzuschreiben: mit 22 im Angola-Krieg verheizt, querschnittgelähmt, und einer ungewissen Zukunft im Rollstuhl ausgeliefert. Die Illusionen sind wahrlich dahin. Der Hurrikan Felix, der sich auf Havanna zubewegt, wird von Conde leidenschaftlich herbeigesehnt. Eine tabula rasa möchte er haben, einen Jahrhundert-Wirbelsturm, der alles hinwegfegt - und rettet doch einen verlausten Straßenköter vor dem Hurrikan.
Eine Chronik der letzten vierzig Jahre in Kuba wollte er schreiben, sagt Padura. Herausgekommen ist, - leider mit etwas vehementem Zungenschlag des bundesdeutschen Übersetzers - eine Mischung aus vitaler Melancholie, Abgeklärtheit, und einem Humanismus, der trotz allem an Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit festhält. Unter der Maske eines Krimis lässt sich vieles transportieren.
Ingeborg Sperl/ Der Standard
Die Differenz zwischen Utopie und Realität durchmisst Leonardo Padura in seinen großartigen Kriminalromanen. Dabei handelt es sich um eine insgesamt vierbändige, den Jahreszeiten folgende Reihe, deren letzter, herbstlicher Part „Das Meer der Illusionen“ soeben erschienen ist. Padura preist in dem großartigen Buch einmal mehr einerseits eine Art wildromantische, ehrenhaft machohafte Lebensart, während er andererseits Korruption und politische Agonie in klaren Worten geißelt. Bemerkenswert, dass der Autor, wie er beteuert, im real existierenden kubanischen Sozialismus nie auch nur einen Hauch von Zensur erlebt hat.
Ulrich Noller/ WDR 5 Skala
Norbert Horst: Todesmuster
Wie realistisch Kriminalromane und -filme sein sollen, das für Kritiker, Verleger, Redakteure und Autoren immer wieder eine interessante Frage. Realismus über alles; auch wenn der Stil, die Form darunter leidet? Oder soll man lieber versuchen, eine gute Geschichte zu schreiben, die "wahre“ Polizeiarbeit den richtigen Polizisten überlassen? Oder kann man am Ende gar beides verbinden?Wie authentisches Ermitteln aussieht - Norbert Horst ist einer, der es wissen muss. Der Bielefelder Kriminalschriftsteller arbeitet im Hauptberuf nämlich als Polizeibeamter; genauer: bei der Kripo. "Leichensache“, sein erster Roman, war ein Überraschungserfolg, wurde von Kritikern gelobt und gewann gar den Glauser-Preis für das beste Krimidebüt des Jahres.
Konstantin Kirchenberg, ein Mordermittler mittleren Alters, ist auch in "Todesmuster“, Norbert Horsts neuem Roman, wieder Hauptfigur und Alter Ego. Ein Pilzsammler findet vor einer stillgelegten Erzmine eine Blutspur. Er informiert die Polizei. Die untersucht den Fund mehr routinemäßig; vermutlich stammt die Spur, denken die Ermittler, von einem verletzten Tier.
Die DNS-Analyse ergibt allerdings, dass es sich um menschliches Blut handelt. Kirchenberg und seine Kollegen müssen die alte Mine begehen - und da, tief im Berg, tritt im Strahl der Polizeilampen ein fieser Folterkeller zu Tage. In den Boden eingesickert findet sich so viel Blut, dass klar wird, hier ist ein Mensch ermordet worden. Ein Leiche gibt es allerdings nicht. Nur aufgrund einiger weniger Indizien machen Kirchenberg und Co. sich also an die Ermittlungen ...
Die Geschichte dieser Ermittlungen ist die Story des Buches; Norbert Horst erzählt sie mit den nun schon bewährten Mitteln. Er wählt konsequent die Perspektive seines Alter Egos; der Fall wird komplett in einem kriminalistischen Gedankenstrom Kirchenbergscher Prägung verfolgt. Spannung ergibt sich dabei einerseits natürlich aus der Mordermittlung; insbesondere weil man ja die Sicherheit hat, zwar literarisch zugespitzte, letztlich aber authentische Polizeiarbeit zu verfolgen. Andererseits geht es aber immer auch um den Kommissar und seine Binnenwelt, um seine Gedanken, Probleme, Lüste und Bedenken.
Ein lesenswertes Psychogramm eines Mittvierzigers entwirft Norbert Horst da, ganz nebenbei; und auch das liest sich höchst spannend. Alles in allem also ein einzigartiger Roman. Norbert Horst, so scheint es, hat zu seinem Stil gefunden; er schreibt schnell, konzentriert und streng subjektiv. Ein realistischer Polizeistoff mit ästhetischer Substanz, das ist fast schon so etwas wie die Quadratur des Kreises.
Ulrich Noller/ Deutsche Welle
Qiu Xiaolong: Schwarz auf Rot
Oberinspektor Chen hat in Qiu Xiaolongs „Schwarz auf Rot“ gerade keine Zeit für eine Mordermittlung. Er muss im Shanghai der neuen Reichen endlich ein wenig Geld verdienen. Chen übersetzt die Projektbeschreibung eines Bauunternehmers ins Englische, und der Lohn ist so üppig, dass er sichtlich künftige Gefälligkeiten einschließt. Mit der Untersuchung des Mordes an einer Autorin, einem Opfer der Kulturrevolution, ist derweil Hauptwachtmeister Yu betraut. Es kommt zu Spannungen im Verhältnis des unterbezahlten Yu und des mit neuen Nebeneinkünften gesegneten Chen, aber das ist ja das große Thema des 1988 in die USA emigrierten Xiaolong: die Risse zwischen Arm und Reich, Gestern und Heute, Ideologie und Praxis. Der rasche Wechsel der Wahrheiten führt zu schroffen Brüchen in den Biographien: nicht nur in jenen der Intellektuellen, sondern auch in denen der ehemaligen proletarischen Aktivisten, die im neuen Billiglohnparadies nur noch Spukgestalten sind. Weil hier soziale Verwerfungen thematisiert werden, darf Xiaolong das im Krimi eigentlich Verbotene tun, nämlich am Ende einen Täter aus dem Hut zaubern. Der Mörder steht für einen gesellschaftlichen Typus, von dem zuvor durchaus die Rede war. Aber ein anderes erzählerisches Problem von Xiaolongs Gesellschaftsanalyse wird deutlich: die Figuren erstarren ab und an zu Auskunftsautomaten, die uns mit Informationen füttern. Thomas Klingenmaier/ Stuttgarter Zeitung
Jac. Toes: Der freie Mann
Im Leben des holländischen Physiotherapeuten Harold Daver spielen drei Frauen zentrale Rollen. Die erste, Alice, ist bei einem von Harold verschuldeten Autounfall zu Tode gekommen. Die zweite, Alicens Schwester Francien, die Harold aus Schuldbewusstsein geheiratet hat, wird – kaum dass sich Harold von ihr getrennt hat – brutal umgebracht. In die dritte, die Tangotänzerin Isabelle, die irgendwie mit Franciens Tod zu tun hat, hat sich Harold blind und wie im Rausch verliebt. Aber mehr noch als die drei Frauen liebt Harold das Tangotanzen; er ist geradezu süchtig danach. Und so vollzieht sich alles, was in des Holländers Jac. Toes Kriminalroman „Der freie Mann“ geschieht, im Rhythmus des Tangos: einer Melange aus Erotik, Sucht und tiefer Traurigkeit, einer amour fou, in deren Taumel sich die Persönlichkeit Harolds sacht, aber stetig auflöst.Jochen Schmidt
Heinrich Steinfest: Der Umfang der Hölle
M2: Heinrich Steinfest schreibt derzeit mit Abstand die wunderlichsten Krimis im deutschen Sprachraum.AA: Ein Fest! Ein Heinrich! Ein Steinfest! Ein Fest der Gedanken und Sprache!
M2: ... urteilt vorschnell unser Rezensent. Die Argumente folgen nach:
M1: Erstens: Literarisch betrachtet findet sich auf den Seiten 86 bis 108 die merkwürdigste Beschreibung eines Sexualaktes derer sich unser viel belesener Rezensent erinnern kann.
M2: Zweitens: Phänomenologisch haben wir es mit dem exzentrischsten Helden seit Dorian Gray und Jesus Christus zu tun: Leo Reisiger, eine graue Angestelltenmaus und begeisterter Lottospieler, hat gerade seinen Lottoschein mit dem millionenschweren Jackpot-Gewinn verbrannt, da rettet er aus Übermut die hübsche Frau eines reichen Agressionsforschers vor einer Horde aggressiver Hooligans.
M1: Drittens: Der Hooligan will Reisiger aufschlitzen, da killt
M2: ... viertens: die Schöne den Hooligan und ihr Ehemann läd Reisiger auf sein Schloß um ihn da fünftens, sechstens und siebentens fast umzubringen ... oder so.
M1: Wobei achtens und wie oft bei Steinfest es weniger die Handlung ist, sondern die von skurrilen Reflexionen überwucherte Erzählweise, die beim Lesen das allergrößte Vergnügen bereitet. Philosophischer und zugleich trivialer war selten ein Buch. Mit schwäbisch-österreichischer Bedächtigkeit und satirischer Gründlichkeit erzählt sich Steinfest räsonierend durch seinen Fall ... ein Wunderwerk der experimentellen Literatur, wäre es nicht ein handfester Krimi.
AA: Fazit: Steinfels ist der neue Wolf Haas.
M2: Und Wolf Haas schreibt keine Krimis mehr
Andreas Ammer, aufgeteilt in Sprecher 1 (M1) und Sprecher 2 (M2) und Autor (AA) im Deutschlandfunk Köln
PJ Wolfson: Geißel der Niedertracht
Eine schöne Ausgrabung beschert uns Pulp Master im Maas Verlag: P.J. Wolfsons Geißel der Niedertracht (im Original: „Bodies are Dust“) aus dem Jahr 1931. Ein noirnoirnoir, der - gar nicht so verblüffend - einer biblischen Geschichte folgt: Der von Samuel 2, 11 und 12 (Achtung: Hier irrt das Vorwort) - wenn Sie selbst nachlesen möchten, kann nie schaden. Düster, gemein und hoffnungslos, comme il faut, aber dennoch in dieser verzweifelten Disposition sehr menschlich. Ein gutes Vorwort von Silke Buttgereit stellt den Kontext bereit und bemerkt, dass Hammetts Sam Spade gegen die Figuren dieses Buchs wie ein Gutmensch wirkt. Gegen Hammetts Continental Op allerdings und seine Sprache aus Eissplittern wirkt allerdings Wolfson dann doch wie ein sehr desparater Meschenfreund.Thomas Wörtche/Plärrer
P.J. Tracy: Der Köder
Richtige gute Kriminalliteratur kommt von P.J. Tracy (ein Mutter& Tochter-Pseudonym). „Der Köder“ heisst ihr zweites Buch. Komplexe Handlung, originelle und plausible Figuren, sehr intelligente Dialoge, Witz und Sarkasmus und scharf beobachtete Menschen, nebst einem Hauch von Wahnsinn. Die beiden Detectives Leo Magozzi und Gino Rolseth sind ein extrem starkes Duo, selbst Minnesota wird plötzlich spannend - und wir sollen bei allem global crime nicht vergessen, dass die Amis auch hin und wieder grandiose Kriminalliteratur produzieren.Thomas Wörtche/ Plärrer







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