Normalerweise sind Brände kein Grund, den Detective Chief Inspector der Abteilung Schwerverbrechen aus dem Schlaf zu klingeln, doch als auf dem toten Arm des Leeds-Liverpool-Kanals in Yorkshire eines Nachts zwei Hausboote in Flammen aufgehen, gibt es Hinweise auf den Einsatz von Brandbeschleunigern. Polizei und Feuerwehr müssen den Tatort vor Journalisten und Neugierigen sichern, und Chief Inspector Banks und seine Kollegin Annie Cabbot warten darauf, daß die Löschzüge ihr Werk beenden.Die Ermittler finden die verkohlten Überreste zweier Menschen in den rauchenden Wracks, die Leichen einer jungen, drogensüchtigen Frau, die von zu Hause fortgelaufen war, und die eines exzentrischen Malers. War der Brand das Werk eines Pyromanen oder wollte ein Killer Spuren verwischen? Die polizeiliche Kleinarbeit beginnt: Alle, die die beiden kannten, müssen befragt werden. Banks und Annie Cabbot treffen auf die Eltern der toten Frau, und ein junger Mann, Mark, der auch auf dem Hausboot wohnte, erhebt schwerwiegende Vorwürfe gegen den Stiefvater. Doch Mark flüchtet, als zwei Tage später ein Wohnwagen ausbrennt und eine weitere Leiche darin gefunden wird.
Peter Robinson lässt die Leser an der Spurensuche der Ermittler teilhaben, die immer neue Rätsel aufgibt. Die schnellen und naheliegenden Lösungen müssen verworfen werden, und allmählich wird klar, daß es sich um ein Verbrechen handeln muss, das mit Kunstfälschung und gewaltigen Gewinnen zu tun haben könnte. Banks Verdacht, daß der Killer sein Werk noch nicht vollendet hat, bestätigt sich, doch je näher er der Lösung kommt, desto mehr gerät der sympathische Polizist selbst in Gefahr.
„Irgendwann schlafen Sie ein,“ erklärte Keane. Seine Stimme war die eines Hypnotiseurs, ein monotones Dröhnen. „Und wenn Sie morgen früh aufwachen, können Sie sich an nichts mehr erinnern. Das heißt, Sie würden sich an nichts mehr erinnern, wenn Sie morgen früh aufwachen würden. Aber so weit wird es nicht kommen. Ich wundere mich wirklich, daß Sie ihr Haus nicht besser gesichert haben, Sie als Polizist...“
Robinson entwickelt in seinem neuen Band der Serie um Alan Banks das Psychogramm eines ungewöhnlich charmanten Betrügers und Mörders, der seine Identität wechselt wie ein Chamäleon und alle, die mit ihm zu tun haben, sehen lässt, was sie sehen wollen. Mit großem Geschick verstrickt der Autor die Bemühungen der Ermittler mit den Tricks und Volten ihres Gegners, bis die Spannung sich zum großen Showdown aufbaut, und ganz nebenbei erfahren wir einiges über Brandstiftung und Kunstfälschung, über Eifersucht und alte Schuld. Das alles macht „Kein Rauch ohne Feuer“ zu einem Krimi der Sonderklasse.
Lore Kleinert/Radio Bremen
Wolfgang Schorlau: Das dunkle Schweigen
Bereits mit seinem Debüt "Die blaue Liste" hat der in Stuttgart lebende Autor Wolfgang Schorlau vor gut zwei Jahren einen überaus spannenden, dramaturgisch komplex entwickelten und gut recherchierten Kriminalroman vorgelegt. Jetzt ist der zweite Fall seines Ermittlers Georg Dengler erschienen. Und "Das dunkle Schweigen" blickt wie der Erstling "Die blaue Liste", in dem es um die späten RAF-Jahre ging, zurück in die deutsche Geschichte.Es ist der 1. März des Jahres 1945. Der US-Pilot Steven Blackmore wird mit seiner Maschine in der Nähe von Bruchsal von der deutschen Flak abgeschossen. Mit Hilfe eines Fallschirms schafft es Blackmore zu überleben, er sammelt einige Unterlagen aus seiner zertrümmerten Maschine und macht sich auf den Weg in Feindesland. Auf der Suche nach amerikanischen Truppen gerät er in die deutsche Stadt Gündlingen. Dort will er sich verstecken.
Ein halbes Jahrhundert später erhält Georg Dengler den Auftrag, in einer Erbschaftssache zu ermitteln. Eine rein familiäre Angelegenheit, wie es scheint, 1947 hat der Großvater von Denglers Klienten sein Hotel verschenkt. Die
Enkel nun können sich diese Schenkung nicht erklären und erheben Anspruch auf das Hotel. Der Ort, in dem das Objekt der Begierde liegt, heißt Gündlingen.
Wolfgang Schorlau, einst Manager in der IT-Branche, bevor er sich dem Schreiben widmete, gelingt es in "Das dunkle Schweigen" erneut, Fakten und Fiktion auf packende Weise zu vereinen, so daß eine glaubwürdige, klug konstruierte Geschichte entstanden ist. Sie erzählt auch von einem bislang wenig beachteten Thema: dem Verschwinden Zigtausender alliierter Soldaten in Europa und den Lynchmorden an etlichen von ihnen.
Erst eine Reise nach Chicago, wo Dengler den Bluesmusiker Junior Wells spielen sieht, bringt den Detektiv der Lösung des Falles näher. Sie offenbart ein weiteres dunkles Kapitel deutscher Geschichte.
Ärgerlich an diesem Buch sind lediglich die peinlichen Lektoratsfehler (Schreibweise von Jazzmusikernamen!) im letzten Teil des Romans. Da bleibt nur die Hoffnung auf eine baldige zweite Auflage.
Gleichwohl: Wolfgang Schorlau hat sich mit diesem Roman an die Spitze der deutschsprachigen Autoren politischer Kriminalromane gschrieben.
Volker Albers/Hamburger Abendblatt
Charles Willeford: Die schwarze Messe
M1: Ein Gegenstück zum Frauen-Verstehen-Besser-Krimi ein Buch, in dem der Held erst seinen Job hinschmeißt, um Schriftsteller zu werden, als Schriftsteller dann seine Frau mit 3 Dollar in der Hand sitzen lässt, worauf er – ohne je eine Kirche von innen gesehen zu haben – als Pfarrer in einem ausschließlich von Schwarzen bewohnten Viertel anheuert, dort schnell Rassenunruhen anzettelt, um schließlich mit dem heißesten Mädchen der Stadt, der espressobraunen Merita, umgehend nach New York durchzubrennen. – Wird er auch sie sitzen lassen?M2: Einen solch grotesken Plot kann nur ein erzählerischer Anarchist wie Charles Willeford einigermaßen zusammenhalten. „Die schwarze Messe“ schildert die ganz und gar unglaublichen Identitätswechsel des Buchhalters Sam Springer, der innerhalb einer Woche mehrfach alles was ein Leben darstellen könnte, aufgibt, um ein neues Leben zu gewinnen, nur um es sofort wieder aufzugeben um schlussendlich bereit zu sein für den fundamentalen Schlusssatz des Buches: „’Lieber Gott, ich danke dir’, flüsterte ich, ‚für nichts’“.
M1: Vorher sei noch gesagt, dass Charles Willeford durchaus kein großer Schriftsteller im herkömmlichen Sinne ist. Feines psychologisches Gespinst ist seine Sache nicht. Er hämmert die Sätze hintereinander, dass es nicht immer eine Freude ist, und auch einen Lektor hat seine abstruse Handlung wohl nie gesehen. Pulp-Fiction eben.
M2: 1958 ist „Die schwarze Messe“ von Charles Willeford in Amerika erschienen. Jetzt zum ersten Mal auf deutsch. So muss man das Buch bereits als Klassiker lesen. Das Zeug dazu hat es allemal. Hat der Rezensent auch noch was zu sagen?
AA: Ein Pulp, also Schund-Roman. Einer freilich, der am Existentialismus und an Kafka geschult ist. Und eine Fortsetzung hat dieses Buch sicher nicht gehabt.
M2 ... meint unser Rezensent zu Charles Willeford, „Die schwarze Messe“, erschienen im Maas Verlag in der Reihe „Pulp Masters“. Auch dies nicht unbedingt ein Krimi im engeren Sinne. Hier wird nicht über Leichen gegangen, sondern nur betrogen was das Zeug hält.
M1: Wer den Verlag nicht kennt: Das ist der mit den furchtbaren, geschmierten Titelbildern; ein guter Verlag.
Andy Ammer (AA)/DLF und seine Mitstreiter M1 und m2
Reggie Nadelson: Russische Verwandte
Das Asperger-Syndrom ist eine Form von Autismus. Ein wichtiger Indikator für die in den USA auch geek-syndrome genannte Krankheit ist die »fehlende soziale oder emotionale Gegenseitigkeit«, wie ein offizielles Diagnosekriterium lautet.Um einen mörderischen Asperger-Patienten geht es vordergründig in Reggie Nadelsons Roman »Russische Verwandte«. Die Autorin aus New York ist durch eine etwas blauäugige, aber wackere Dean-Reed-Biographie (»Comrade Rockstar«) aufgefallen und durch mehrere, qualitativ eher schwankende Kriminalromane um den New Yorker Cop Artie Cohen.
Mit dem aktuellen Roman allerdings hat sie einen bemerkenswerten Sprung geschafft. »Russische Verwandte« handelt vom psychosozialen Klima in New York nach dem 11. September 2001, ohne deswegen ein 9/11-Roman zu sein. Artie Cohen, der eingebürgerte Russe, der über Israel nach New York City gekommen ist, arbeitet als Mitglied eines Spezialeinheit gegen Kinderschänder beim NYPD. Seine Dienststellung dort ist ebenso unklar wie die Intentionen und Machinationen seines Chefs Sonny Lippert. Beide stammen, literarisch gesehen, aus dem mythisch-hyperrealistischen Universum von Jerome Charyn, in dem nicht nur die Grenzen zwischen Gut und Böse irrelevant sind, sondern sich die Protagonisten zwischen den einzelnen Welten des Planeten New York City frei changierend hin- und her bewegen. Die russische Mafia, Cohens erratischer Freund Tolja, die Biotope der Reichen und Mächtigen von Tribeca und die italienisch-jüdischen Residuen des »alten« Brooklyn, die Russen in Brighton Beach und die neuen Exekutoren des Patriot Acts bilden den Humus, auf dem Reggie Nadelson ihren komplizierten Cop-Helden agieren lässt. Blutige Kinderkleider sind gefunden worden, ein Mädchen ist ermordet, ein zweites verschwunden.
Zu Billy, einem ganz entfernten Verwandten, hat Cohen eine spezielle Freundschaftsbeziehung entwickelt. Billy ist zwölf, ein kluges Kerlchen und besessen von Fischen und Angeln. Und jetzt ist auch Billy verschwunden. Die Stadt dreht durch. Hysterie und Panik, Xenophobie und Paranoia schütteln den Big Apple, ein Schneesturm und anschließendes Glatteis legen den Koloss fast lahm. Im Internet werden Leichtenteile versteigert, SARS heizt die allgemeine Verunsicherung an und die Regierung produziert mit jeder Verlautbarung, mit jeder neuen Alarmstufe die schlimmsten Ängste einer zutiefst manipulierbaren, neurotischen Nation.
Und je tiefer Cohen bohrt, desto unschöner fliegt ihm seine eigene Familiengeschichte um die Ohren. Nichts ist, wie es sein soll, gar wie es scheint. Dass er noch Familie in Israel hat und damit auch Kontakte zu arabischen Menschen, rückt selbst den besten aller guten Amerikaner, Cohen, ins Visier nicht näher identifizierbarer Mächte. Sie verfolgen ihn, brechen in seine Wohnung ein, hören ihn ab, bedrohen und verprügeln ihn. Sündenböcke werden auf- und wieder abgebaut, Zeichen und Spuren führen ins Nichts. Reggie Nadelson demonstriert beachtliche Meisterschaft bei der Inszenierung des Ambivalenten, Vagen, Angedeuteten, Möglichen, Denk- und Undenkbaren. Und sie wagt es dankenswerterweise, nicht den angeblichen Genre-Konventionen zu folgen. Sie löst am Ende keinesfalls alles auf. Es bleiben schartige, scharfkantige Reste. Und genau diese Reste lassen den Roman so prächtig funktionieren.
Kriminalliteratur ist keine Kuschelliteratur für zarte, ordnungsliebende Gemüter. Deswegen Nadelsons Rekurs auf das unaufgeräumte Pandämonium von Charyn, deswegen wie bei Jonathan Lethems kapitalem Roman »Motherless Brooklyn« die medizinische Diagnose als präzise Metapher für den heillosen Zustand einer Gesellschaft. »Vor allem begreifen sie andere Menschen nicht«, heißt es über den Asperger-Patienten. »Genau wie dieses ganze verdammte Land, wir sind völlig auf uns selbst konzentriert, wir haben keine Ahnung, was die anderen denken oder fühlen.« That`s America today.
Thomas Wörtche/Freitag
Loriano Macchiavelli: Tödliches Gedenken
Ein Denkmal zu Ehren ermordeter Partisanen wird mit faschistischen Graffiti besprüht – dummerweise genau in dem Moment, als Kommissar Sarti Antonio, der das Denkmal im Auge behalten soll, sich aufgrund seines entzündeten Darms ins Gebüsch zurückgezogen hatte. Als Sarti gemeinsam mit seinem Hilfskommissar Cantoni nach dem Täter sucht, findet er einen ausgestreckt im Graben liegenden Mann, dem der Schädel eingeschlagen wurde. Sartis verhasster Vorgesetzter Raimondi erklärt daraufhin kurzerhand die Leiche zum Täter – doch dummerweise werden zwei weitere Männer erschlagen. Alle kennen sich untereinander. Sarti ermittelt mit Hilfe seines linken Freundes Rosas, der Polizisten eigentlich hasst, und fühlt sich nach der dritten Leiche von dem Fall so überfordert, dass er ernsthaft darüber nachdenkt, als Bäckerei-Laufbursche zu arbeiten. Leseprobe
Wenn ihr es zufällig mal an der Tür läuten hört und, wenn ihr öffnet, Sarti Antonio gegenübersteht, der euch die Tüte mit dem Brot überreicht, macht keine großen Geschichten und sagt nicht: "Wie ist das möglich? Kommen Sie herein auf einen Kaffee..." und so weiter.
Nehmt das Brot, das er euch überreicht, bedankt euch mit einem Lächeln und macht die Tür wieder zu. So, ganz einfach, als wäre es das natürlichste von der Welt. Und gebt ihm bitte kein Trinkgeld!
Der Autor
Loriano Macchiavelli ist in Italien schon längst ein Star. Denn der ehemalige Schauspieler und Theaterautor hat den eigenwilligen Kommissar Sarti Antonio bereits in den 70er Jahren geschaffen. Heute ist der mit über 30 gelösten Fällen Italiens erfolgreichster Ermittler. Die Romane waren in Italien lange vergriffen und sind vor kurzem mit so viel Erfolg wieder aufgelegt worden, dass sie endlich auch ins Deutsche übersetzt worden sind.
Das Besondere
... ist zum einen der selbstbewusste Erzähler, der sich ständig ins Geschehen einmischt und es kommentiert. In Kriminalromanen ist das eine eher seltene literarische Erscheinung – dabei sorgt sie für viel Spaß und Unterhaltung. Zum anderen ist Sarti Antonio ein wunderbar eigenwilliger Ermittler, ein einfacher Mann, der seinen Nachnamen stets vor dem Vornamen nennt, nicht immer der schnellste im Kopf ist, guten Espresso liebt und unter Darmentzündung leidet. Kein Held, doch einer der aufrecht durch die Straßen einer Großstadt geht – dieser Roman ist ein wundervolles Bologna-Portrait und ein fein- und hintersinniger Kriminalroman
Kathrin Fischer/Hessischer Rundfunk
Andrea Maria Schenkel: Tannöd
Nomen est Omen: Tannöd, der Ort, der Andrea Maria Schenkels Debütroman den Namen gibt, ist, von ein paar Tannen und einem Gehöft abgesehen, wirklich unendlich öde. Ein vergessener Ort im Niemandsland, weitab vom nächsten Dorf und auch von den nächsten Nachbarn; ein Ort, wie er typisch ist für viele Gegenden Bayerns: Verlassen scheinende, bigotte Winkel, in denen die Zeit stehen geblieben scheint – und in denen mit harten Bandagen gelebt wird.Zum Beispiel die Familie Danner, die einen Einödhof in der Nähe eines kleinen Dorfes in einer namenlosen Gegend des fränkischen Bayerns bewohnt – bzw. bewohnt hat: Die Danners sind nämlich sämtlich in der tiefschwarzen Nacht von einem Wahnsinnigen erschlagen worden, mit der Axt. Nachbarn haben die Leichen gefunden, nachdem von den Danners samt Kindern und Magd einige Tage lang nirgendwo etwas zu sehen gewesen war. Dann also der grausige Fund; von dem Tag an wird der Tannöd-Hof nur noch Mordhof heißen.
Andrea Maria Schenkel hat diese Geschichte, die sich in den zwanziger Jahren tatsächlich ereignete, in ihrem Debütroman „Tannöd“ in die Nachkriegs-Fünfziger verlegt; vermutlich aus dramaturgischen Gründen, weil die gerade vergangenen Kriegswirren zusätzlich Motivations- und Verdachtsmaterial für die unfassliche Tat liefern, die das Land um den Hof herum erschüttert. Wo und wie die Wellen dieser Erschütterung verlaufen, dem spürt der Roman nach, indem er verschiedene Dorfbewohner über die Danners Auskunft geben lässt. Der Leser wird so zum Ermittler, er ist es, dem Bericht erstattet wird. Neben dem Mord im Tannöd untersucht er zugleich aber die Mentalität der Zeit, die sich in den Zeugenstimmen direkt oder indirekt äußert; und zwischen beidem, der Tat und ihren Kontexten, gibt es natürlich viele Zusammenhänge...
„Tannöd“ changiert zwischen Erzählung und Bericht, zwischen Chronik und Alptraum, zwischen Kriminalstück und Gesellschaftsportrait. Letztlich erzählt dieser kleine, wohl konstruierte, sprachlich perfekt reduzierte Kriminalroman, wie Weltabgewandtheit, Bigotterie und blinder Paternalismus Charaktere verformen, Lebenswege bestimmen – und wie sie letztlich diejenigen, die ihnen ausgesetzt sind, zwangsläufig ins Unglück führen. Das hat man in der einen oder anderen Form zwar durchaus schon öfter gelesen; „Tannöd“ steht in bester Tradition kritischer alpenländischer Heimatliteratur. Trotzdem birgt dieses Buch eine ganz besondere Aktualität: Es belegt die Alpträume, die falsch verstandener fundamentalchristlicher Glauben, wie man ihn überall in Bayern findet, verursachen kann. Und damit setzt Anna Maria Schenkel einen Akzent – gegen blinden Glauben, für klares Denken.
Ulrich Noller/Funkhaus Europa
Didier Daeninckx: Statisten
Ein großer kleiner Roman kommt von Didier Daeninckx: „Statisten“. Genaugenommen eine Erzählung, in der der notorische Konsensverweigerer Daeninckx den cineastischen Schwarmgeistern in die Suppe spuckt, die alles ganz toll finden, wenn es nur ästhetisch gut rüberkommt. Hier geht es um die Rekonstruktion eines ekelhaften Snuff-Pornos, der technisch so perfekt gedreht ist, dass man fast Fritz Lang dahinter vermuten könnte. Aber die Spur führt, wie oft bei Daeninckx, in die böse Zeit der deutschen Besetzung Frankreichs. Spannend, konzentriert, essentiell.Thomas Wörtche/Plärrer
Anne Holt: Was niemals geschah
Wie wäre es, einen Serienmörder suchen zu müssen, den nichts mit seinen Opfern verbindet, der kein Motiv hat und perfekte Alibis vorweisen kann? Anne Holt kommt in ihrem neuen Krimi etwas langsam in die Gänge, aber steigert sich dann zu einem packenden Thriller mit unerwartbarem Ende. Sie legt ihr Augenmerk auf die psychische Verfassung der Bedrohten, die vom unbekannten Täter subtil unter Druck gesetzt werden. Die Profilerin Johanne, ohnehin von allerlei Angstattacken um ihre neugeborene Tochter gepeinigt, begegnet einem Teil ihrer Vergangenheit, den sie unbedingt vergessen möchte. Diskrete Hinweise an den Tatorten begreift sie als Botschaften an sie selbst. Denn die Mordserie ist einem Fallbeispiel nachgestellt, das Johanne einst bei ihrer Ausbildung beim FBI kennengelernt hat. Die Ex-Justiz-Ministerin von Norwegen hat für „Was nie geschah“ neues Personal entworfen, mit dem man sich durchaus anfreunden kann. Ingeborg Sperl/Der Standard
Joseph Kanon: Stadt ohne Gedächtnis
Die letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs und die Umbruchjahre danach bilden Joseph Kanons Schreibraum. Roman um Roman rückt der New Yorker Autor zwischen 1943 und 1950 ostwärts voran wie auf einem Äquator – von Los Alamos über New York, Berlin nach Venedig - und erforscht die moralischen Ambiguitäten einer Epoche im letzten Stadium ihres Zerfalls. Es ist die bürgerliche Welt, die Welt von Proust, Einstein und Thomas Mann, aber auch eine Welt, in der „Gesellschaft“ noch „die gute Gesellschaft“ meinte: Bälle, Cocktailparties und Palazzi in Venedig. Dort hat sich nach dem Krieg Adam Millers Mutter Grace ein Haus gemietet, in der Hoffnung, in der Lagunenstadt habe sich die Unbeschwertheit der Vorkriegszeit bewahrt.
Adam ist erschöpft. In Frankfurt hat er als „Bluthund“ deutsche Kriegsverbrecher gejagt, ein gutmeinender Amerikaner, wie er bei Graham Greene im Buche steht. Eines Nachmittags wird ihm von Onkel Bertie, der hier schon ewig in der Gesellschaft katholischer Priester und verschiedener junger „Assistenten“ lebt, eine junge Frau vorgestellt. Die Anziehung ist heftig und scheint gegenseitig, doch schwebt in der Mischung aus Schüchternheit und sexueller Robustheit, mit der sich die dunkle Schöne dem Amerikaner nähert, ein Hauch von Irritation. Adams schwaches und ehrpusseliges Ich (aus dessen Perspektive die Verwicklungen erzählt werden) hinkt immer ein wenig zurück hinter dem, was es verkraften muss. Eben noch bewunderte der junge Gentleman die erotische Eleganz, mit der die neue Bekanntschaft ihre Seidenbluse aufknöpft, da wird schon sein Mitgefühl bis zum Anschlag gefordert: Claudia ist Jüdin und eine der wenigen, die das KZ Fossoli überlebt haben - als Geliebte des Lagerleiters.
„Stadt ohne Gedächtnis“ – der deutsche Titel von Joseph Kanons viertem Kriminalroman verweist auf die geläufige Vorstellung von der Nachkriegsgesellschaft, in der niemand etwas getan oder gewusst haben will. Und tatsächlich scheint Claudia, die Überlebende, die einzige Person zu sein, die am allzu rasch und einverständig ausgebreiteten Mantel der Normalität zerrt. Ausgerechnet bei der Party, auf der sich Adams Mutter mit Gianni Maglione, einem Arzt aus alteingesessener venezianischer Familie, verloben will, erkennt sie im Bräutigam den Mann, der ihren Vater an die SS denunziert und damit auf den Weg nach Auschwitz geschickt hat.
Adams Entscheidung steht fest: Er wird den Kollaborateur entlarven, der seine Geliebte zur Hure machte und nebenbei auch auf das Geld seiner Mutter aus zu sein scheint. Als Claudia kurz nach der Konfrontation Job und Wohnung verliert, wird seine Rage weiter angestachelt.
Kanon geht es nicht um das, was wir bereits wissen. Nicht die Aufdeckung von Verbrechen ist das Thema seiner Romane, sondern die Unmöglichkeit moralisch sauberer Entscheidungen. Noch ist der Schweiß der ersten Liebe nicht trocken, da setzt die Debatte ein. Claudia warnt ihren aufgebrachten Amerikaner, allzu leicht könne man werden wie die Nazis. Er: „ ‚Aber du bist nicht wie die.’ Sie schaute zu mir hoch. ‚Jeder ist wie die’.“ Das ist die Lektion, die er lernen wird. Nur wenige Tage später haben die beiden halb in Notwehr, halb im Zorn den Denunzianten erschlagen.
Von Schuldgefühlen und Selbstbezichtigungen gequält vertuschen die beiden den Totschlag und erfinden immer neue Lügen, um ihr Alibi (so der englische Titel) abzusichern. Auf der Suche nach Beweisen, die ihre Tat rechtfertigen, verliert A-dam Zug um Zug die Unschuld seiner Selbstgerechtigkeit. Jeder Versuch des Nazijägers, eine saubere Lösung herbeizuzwingen, reitet ihn immer tiefer in den Sumpf. Kanon beschreibt Venedig als Ort konturloser Untiefe und an der Oberfläche glänzende labyrinthische Schreckenskammer, in der keiner ohne Schuld ist. Dialoge, choreographiert wie ein Messerkampf, der Plot gnadenlos wie eine antike Tragödie – Kanons vierter Roman ist ein Meisterstück, beste historische Kriminalliteratur. Jeder Kanal endet als Sackgasse.
Tobias Gohlis/Die Zeit
Michael Marshall: Der zweite Schöpfer
Schweift man flüchtig durch den Klappentext von Michael Marshalls „Der zweite Schöpfer“, denkt man vermutlich, hier biete einer beim hitzigen Übertreibungspoker mit, um auf dem überlaufenen Markt der Serienkiller- und Weltverschwörungsromane aufzufallen. Aber so bizarr, paranoid und fratzenhaft das ist, was Marshall uns nach und nach in zwei ineinander geschnittenen Handlungssträngen enthüllt, so interessant erzählt er das. In der „The Straw Men“ betitelten Originalausgabe herrscht ein grimmiger, fieser Ton, schieben sich die Sätze durch unsere Erwartungen des Üblichen wie ein schlecht gelaunter, rauferprobter Kerl durch eine Menge unvorsichtig im Weg Stehender. In der deutschen Übersetzung wird diese Qualität, die ruppige Erdung der abgehobenen Fantasie, arg gezaust: aber man merkt noch, dass in diesem Roman um einen Serienkiller echter Abscheu vor finanzkräftigen Eliten steckt, die den Rest der Gesellschaft hinter sich lassen möchten wie Raumfähren ihre ausgebrannten Treibkammern.Thomas Klingenmaier/Stuttgarter Zeitung







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